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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.04.2014

NationalsozialismusHitler verstehen

Edgar Feuchtwanger: "Als Hitler unser Nachbar war"

Von Arno Orzessek

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(picture alliance / dpa)
Der Historiker Edgar Feuchtwanger (picture alliance / dpa)

Als Fünfjähriger bekommt Edgar Feuchtwanger einen neuen Nachbarn: Adolf Hitler. Heute, als 89-Jähriger erinnert sich der Historiker an damals, wie er neugierig und dann zunehmend skeptisch auf den neuen Nachbarn schaute. Ein Buch das Weltgeschichte mit Kinderaugen erzählt, verständlich und hautnah.

Altkluge Kinder wirken ja oft besonders putzig. Und das nutzt der kleine Edgar, geboren 1924, bei seiner Selbstvorstellung aus: "Ich bin vielleicht erst fünf Jahre alt, aber ich verstehe alles. Ich weiß, was ein Jude ist! [...] Die Juden, das sind wir. Die Familie Feuchtwanger." De facto formuliert diese kecken Sätze allerdings der 89-jährige Historiker Edgar Feuchtwanger - gemeinsam mit dem Publizisten Bertil Scali, der ihn ermutigt hat, über seine Kindheit in München zu schreiben. Die Erzählperspektive ist also etwas knifflig: Ein alter Fachmann, der fast alles über den Nationalsozialismus weiß, fingiert in Ich-Form sein Bewusstsein als Knabe, der alles erst noch erleben und erfahren wird.

Aber das Projekt klappt! "Als Hitler unser Nachbar war" erzählt Weltgeschichte als Kindheitsgeschichte. Und umgekehrt. 1929 bezieht Hitler seine Privatwohnung am Münchener Prinzregentenplatz, schräg gegenüber in der Grillparzerstraße wohnt Familie Feuchtwanger. Edgar tut, was Kinder tun. Er reitet auf dem Roll-Elefanten Hannibal, schwärmt von Autos, ist glücklich in den Ferien, beobachtet den neuen Nachbarn: "Ich sah die Silhouette von Adolf Hitler am Fenster. Er wirkte ganz klein." Und Edgar hört den Erwachsenen zu. Oft kommt Onkel Lion vorbei, stolz darauf, dass sich "Jud Süß" besser verkauft als Hitlers "Mein Kampf".

Plausible Rekonstruktion

Feuchtwangers gehören wie die befreundeten Manns zu den ersten intellektuellen Kreisen, Politik ist Tischgespräch. Sie verfolgen bestürzt, wie ihr Nachbar Reichskanzler wird. Sie erleben Diskriminierung, hören vom KZ Dachau, reden über Auswanderung, sehen keine Zukunft mehr.

Natürlich hat Edgar Feuchtwanger die seitenlang wiedergegebenen Gespräche nicht 80 Jahre lang im Gedächtnis behalten. Aber die Rekonstruktionen sind - trotz latenten Referatstons - plausibel. Sie übertragen die Zeitgeschichte im Detail. Der Leser hört mit Edgar hin und erlebt die Verfestigung einer Überzeugung: Unser Nachbar ist mörderisch. Dabei ist der Junge bisweilen hin- und hergerissen. Seine Lehrerin schwärmt 1933 derart von den Nazis, dass er sich selbst hingibt: "Auf meiner schönsten Zeichnung ist ein Hakenkreuz zu sehen, das über der aufgehenden Sonne schwebt." Bald geht das vorbei. Edgar wird geschnitten. Er verliert fast alle Freunde. Und seine Lebensfreude. Ihm ist klar, wer schuld hat: "Ich sehe seinen Schatten am Fenster. Er hasst uns. Er hasst mich. Ohne überhaupt zu wissen, dass es mich gibt."

1939, als Edgar neun ist, wandert die Familie nach England aus: "In einigen Tagen werden wir keine Deutschen mehr sein. Niemals mehr." Das Buch endet, als Edgar auf See erstmals den offenen Horizont erblickt: "Wenn ich überlebe [...], werde ich glücklich sein, das schwöre ich."

Beklemmend sind die Kapitel-Überschriften. Ihr Autor: Adolf Hitler. Es sind Stellen aus "Mein Kampf", das Judentum betreffend. Die letzte, infamste lautet: "Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn." Die Geschichte Edgars überträgt die anschwellende Katastrophe, die der Antisemit Hitler auslöste, verständlich, alltäglich, hautnah. Es ist ein großes Verdienst des alten Edgar Feuchtwanger, dem Kind, das er einst war, noch einmal das Wort überlassen zu haben.

Edgar Feuchtwanger / Bertil Scali: Als Hitler unser Nachbar war. Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus
Siedler Verlag, München 2014
222 Seiten; 19,99 Euro

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