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Religionen / Archiv | Beitrag vom 07.12.2013

Nationalsozialismus"Eine Sonnenfinsternis"

Die regimetreuen Christen in der Nazi-Zeit

Von Stefanie Oswalt

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Reichspräsident Paul von Hindenburg bei seiner Rede vor dem neu konstituierten Reichstag in der Potsdamer Garnisonkirche. (picture alliance / dpa / IMAGNO)
In der Potsdamer Garnisonkirche hatte Hitler 1933 einen seiner ersten Auftritte als Reichskanzler und traf vor dem neu konstituierten Reichstag auf den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. (picture alliance / dpa / IMAGNO)

Vor 80 Jahren haben die Nationalsozialisten die Macht übernommen. Vieles ist noch immer aufzuarbeiten, zum Beispiel die Schuld der Kirchen.

"Ich denke immer, ich wüsste schon so vieles über die Zeit des Nationalsozialismus, besonders auch über unsere Rolle als Kirche und dann merke ich immer: Es ist noch ganz wenig. Viel zu viel lag bisher im Dunkeln, manches davon unbeabsichtigt, manches allerdings wurde auch gerne dort im Dunkeln gelassen."

Sagt Ulrike Trautwein, Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin bei einer Veranstaltung in der Berliner Stiftung "Topografie des Terrors".

"Ich habe von einer Sonnenfinsternis gesprochen: Große Teile der Pfarrer, große Teile des Kirchenvolkes, viele einzelne Landeskirchen und Regionen waren von dieser Sonnenfinsternis betroffen. Wenn man Protestantismus und 1933-1945 zusammen betrachtet, würde ich so insgesamt eben von einer Katastrophe sprechen."

Sagt Manfred Gailus, Historiker an der Technischen Universität Berlin. Selbst viele evangelische Christen werden diese Worte nachdenklich stimmen. Denn dass die deutschen Protestanten bei der Machtaneignung Hitlers vielerorts dienstfertig bereitstanden, ist vielfach in Vergessenheit geraten. Wenig erstaunlich, sagt Christoph Markschies, Kirchenhistoriker an der theologischen Fakultät der Humboldt-Universität:

"Das liegt sicher daran, dass nach 1945 in den evangelischen Kirchen die Theologen der Bekenntnisbewegung die Kirchenleitungen übernahmen und Theologen der Deutschen Christen zum Teil sich wendeten. Dass auch die Gleichung durchgeführt wurde, wer zur Bekenntniskirche gehörte, war ein Gegner des Nationalsozialismus. Natürlich treibt man lieber gern, wenn man Geschichtsschreibung betreibt - das ist kein Spezifikum der evangelischen Kirche - Heldengeschichtsschreibung, als dass man im Büßergewand durch die Straßen geht."

Selbstverständnis der evangelischen Kirche

Bekenntnis-Pfarrer wie etwa der Dahlemer Pfarrer Martin Niemöller, der seit 1937 im Konzentrationslager Sachsenhausen saß und sich dort zum Widerstandskämpfer entwickelte, oder der noch kurz vor Kriegsende hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer prägten nach dem Krieg das Selbstverständnis der evangelischen Kirche.

Dabei zeigt der Blick in die Geschichte, dass Hitler und seine völkische Ideologie in weiten Teilen der evangelischen Kirche - vor allem in der thüringischen und der preußischen Landeskirche - euphorisch aufgenommen wurden. Historiker Manfred Gailus:

"Ja, sie waren viele, die Deutschen Christen oder evangelischen Nationalsozialisten, eine Massenerscheinung, eine innerkirchliche Parallelbewegung zur Hitlerpartei, die zu ihrer besten Zeit 1934/35 auf eine halbe Million oder mehr Anhänger im Deutschen Reich zählen konnte. Sie waren viele - Theologieprofessoren, Bischöfe, Konsistorialräte, Superintendenten, Pfarrer, andere Akademiker und natürlich erhebliche Teile aus dem Kirchenvolk."

Aus den verschiedenen, schon im Kaiserreich aktiven protestantischen Gruppen, die völkisches und rassistisches Gedankengut in die evangelische Kirche einzubringen versuchten, hatten sich 1932 die "Deutschen Christen" zunächst in Thüringen, dann in Preußen als Kirchenpartei formiert. Im Juni des gleichen Jahres veröffentlichten sie ihre Richtlinien.

Zitat aus den Richtlinien der "Deutschen Christen":

"Wir stehen auf dem Boden eines positiven Christentums. Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christusglauben, wie er deutschem Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht ... Wir wollen, dass unsere Kirche in dem Entscheidungskampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes an der Spitze kämpft."

Eine nach dem Führerprinzip strukturierte "Reichskirche"

Unmissverständlich übernahmen sie darin die Kerngedanken der nationalsozialistischen Ideologie: Selbstbehauptung Deutschlands in der Welt, Kampf gegen den Bolschewismus, vor allem aber Bekämpfung alles Jüdischen. Zudem forderten die Deutschen Christen die Auflösung der 29 Landeskirchen und die Schaffung einer nach dem Führerprinzip strukturierten "Reichskirche".

Zitat aus den Richtlinien der "Deutschen Christen":

Der Weg ins Reich Gottes geht durch Kampf, Kreuz und Opfer, nicht durch falschen Frieden. Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen für deren Erhalt zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. Daher ist der Rassenmischung entgegenzutreten. Die deutsche äußere Mission ruft aufgrund ihrer Erfahrung dem deutschen Volke seit Langem zu: 'Halte deine Rasse rein!' und sagt uns, dass der Christusglaube die Rasse nicht zerstört, sondern vertieft und heiligt.

Pfarrern mit jüdischen Wurzeln wurde der Zugang zur Kanzel verwehrt, Gläubige mit jüdischen Wurzeln aus der Kirche gedrängt. Die Negierung alles Jüdischen ging bei den radikalen Vertretern der Deutschen Christen schließlich so weit, dass sie Jesus Christus als arischen Nachkommen römischer Söldner in Palästina umzudeuten versuchten. Auch sollte das Alte Testament gemieden, hebräische Wörter vollständig aus der Liturgie entfernt werden.

"Und wir haben hier den Hossenfelder gehabt, der einer der Gründer der Deutschen Christen mit gewesen ist und ja offenbar diese Richtlinien, die die Deutschen Christen sich gegeben haben, maßgeblich formuliert hat. Und in seinem Gefolge, es gab noch einen ganz entsetzlichen Pfarrer - den Pfarrer Laubinger hier, der wirklich mit Uniform und mit Stiefeln unter dem Talar aufgetreten ist und unsäglich gewettert hat gegen die Pfarrer der bekennenden Kirche."

Heiko Schulz ist Pfarrer der Jesus-Christus-Gemeinde in Berlin Kreuzberg. Nichts erinnert heute äußerlich mehr daran, dass hier einer der exponiertesten Vertreter der Deutschen Christen, Joachim Hossenfelder, gewirkt hat. Das Gotteshaus von damals wurde im Krieg zerbombt. Den Namen Christuskirche trägt heute eine etwas schmuddelige Betonkirche, deutlich sichtbar in eine Bombenlücke gebaut und 1964 geweiht.

"Die haben in vorauseilendem Gehorsam also hier versucht, diese Gemeinde hier als Paradegemeinde der Deutschen Christen aufzubauen, und das war hier der erste Kindergarten, wo die eben stolz darauf waren, dass die eben ausländer- und judenfrei waren. Zu diesem Zeitpunkt gab es gar keinen äußeren Anlass, aber da sollte eben die Ideologie sich durchsetzen."

Auf Kurs

Während die Christusgemeinde bereits vor dem Machtantritt Hitlers auf Kurs gebracht worden war, vollzog sich das in vielen anderen Berliner Gemeinden erst im Laufe des Jahres 1933. Im November 1932 erzielte die Partei der Deutschen Christen bei den altpreußischen Kirchenwahlen etwa ein Drittel aller Stimmen. Als Reichsleiter der Deutschen Christen warb Hossenfelder für die Wahl Hitlers zum Reichskanzler. In der Kirchenzeitung "Evangelium im Dritten Reich" schrieb er:

Hossenfelder:

"In Hitler sehen wir den von Gott gerufenen und begnadeten Menschen, durch den der lebendige Gott unserem armen Volke helfen will."

Die Wahl Hitlers zum Reichskanzler empfanden die Deutschen Christen als "Erlösung". In der altehrwürdigen Marienkirche im Stadtzentrum feierten sie einen Dankgottesdienst. Wieder hielt Hossenfelder die Predigt und rühmte Hitler als:

"Mann aus einem Guss, gegossen aus Reinheit, Frömmigkeit, Energie und Charakterstärke."

Doch Hitler wollte mehr. Da er bei den Reichstagswahlen im März 1933 die absolute Mehrheit verfehlt hatte, versprach er den Kirchen in einer Regierungserklärung, ihre Stellung im Staat nicht anzutasten. Für den 23. Juli setzte er überraschend Kirchenneuwahlen an:

Originalton-Dokument Radioansprache Hitler:

"Der Führer der nationalsozialistischen Bewegung, Adolf Hitler, spricht zu Ihnen aus Bayreuth, anlässlich der am morgigen Sonntag in Deutschland stattfindenden Reichskirchenwahlen Hitler: Wenn ich zu den anstehenden Reichskirchenwahlen Stellung nehme, dann geschieht dies ausschließlich vom Standpunkt des politischen Führers aus.

Der starke Staat kann nur wünschen, dass er seinen Schutz solchen religiösen Gebilden angedeihen lässt, die ihm auch ihrerseits wieder nützlich zu werden vermögen. Und tatsächlich hat sich auch innerhalb der evangelischen Bekenntnisse, im Kirchenvolk in den deutschen Christen eine Bewegung erhoben, die von dem Willen erfüllt ist, den großen Aufgaben der Zeit gerecht zu werden, eine Einigung der evangelischen Landeskirchen und Bekenntnisse anstrebte.

Im Interesse des Wiederaufstiegs der Deutschen Nation, den ich als untrennbar mit der deutschen nationalsozialistischen Bewegung verbunden ansehe, wünsche ich daher verständlicherweise, dass die neuen Kirchenwahlen in ihrem Ergebnis unsere neue Volks- und Staatspolitik unterstützen werden."

Hitler wünschte, das Kirchenvolk gehorchte. In fast allen Landeskirchen erzielten die Deutschen Christen mit mehr als zwei Dritteln Stimmenvorsprung einen Erdrutschsieg. Und auf der so genannten "braunen Synode" Anfang September 1933 wurde Ludwig Müller einstimmig zum Reichsbischof gewählt. Die von Deutschen Christen dominierten Landeskirchen führten für Geistliche und Beamte den Arierparagrafen ein. Damit war die evangelische Kirche de facto gleichgeschaltet.

Erhobener Arm im Gottesdienst

Kirchliche Tondokumente aus jener Zeit sind nicht mehr auffindbar. So versucht der Organist Martin Küster einen musikalischen Eindruck davon vermitteln, mit welch völkischem Pathos Gottesdienste gefeiert wurden: Dankesgottesdienste und Heldengedenkfeiern, Führer-Geburtstagsfeiern, Massentaufen und Massen-Trauungen. Selbstverständlich gehörte die Nationalhymne zum Liedgut der Deutschen Christen. Und auch das Horst Wessel Lied, die Parteihymne der NSDAP, wurde häufig mit erhobenem rechten Arm zum Abschluss des Gottesdienstes intoniert.

Doch es gab auch Gegenstimmen. Als Reaktion auf die Wahl Ludwig Müllers zum Reichsbischof hatte sich im September 1933 der sogenannte Pfarrernotbund gebildet. Aus ihm ging die Bekennende Kirche hervor. Das Ziel des Bündnisses: Unterstützung der vom Arierparagrafen betroffenen Pfarrer. In ihrem Protestschreiben an die neue Kirchenregierung heißt es:

"Es kann kein Zweifel daran sein, dass die durch das Beamtengesetz betroffenen ordinierten Geistlichen auch weiterhin in vollem Umfange das Recht der freien Wortverkündigung und der freien Sakramentsverwaltung in der evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, die auf den Bekenntnissen der Reformation steht, innehaben.

Wer einem solchen Bruch des Bekenntnisses die Zustimmung gibt, schließt sich damit selbst aus der Gemeinschaft der Kirche aus. Wir fordern deshalb, dass dies Gesetz, das die evangelische Kirche der altpreußischen Union von der christlichen Kirche trennt, unverzüglich aufgehoben wird."

Wobei an dieser Stelle deutlich gesagt werden muss, dass diese Erklärung nicht automatisch die Ablehnung der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten bedeutete - die Solidarität des Notbundes zielte vor allem auf getaufte Juden.

Dennoch: Mit der Formulierung dieser Gegenposition begann im Dritten Reich der Kirchenkampf, ein Bruderkampf. Pfarrer Ingo Schulz:

"Das war in Berliner Gemeinden besonders stark, dass wirklich ein krasser Riss durch die Gemeinden ging, und zwar nicht nur, was die Pfarrerschaft anbelangt, sondern die Gemeinde."

Aufklärung ihrer Vergangenheit

Kirchenhistoriker Markschies weist in diesem Zusammenhang darauf hin,

"Wie wichtig es ist, auf Einzelgemeinden zu gucken und möglichst konkret dichte Beschreibung und unter den historiographischen Methoden, die der Standard des Fachs sind, ganz dicht zu beschreiben: Wer agiert wie? Und von den großen Dualen wegzukommen: die Deutschen Christen versus die Bekenntnisbewegung und zu sehen: Wie ist das Individuum? Je präziser man diese Zwischentöne beschreibt ... desto klarer orientieren sie über die Einzelgeschichte."

In besonderem Maß bemüht sich die Berliner Domgemeinde um die Aufklärung ihrer Vergangenheit. Das sei aber gar nicht so einfach, sagt Irmgard Schwaetzer. Seit 2004 ist die ehemalige Politikerin und neu gewählte Präses der evangelischen Kirche Vorsitzende des Berliner Domkirchenkollegiums:

"Also, es gibt ein Foto, das immer wieder benutzt wird, das aber einen völlig falschen Eindruck erweckt. Das ist ein Foto mit lauter Fahnen vor der Fassade des Domes. Das ist gemacht worden an einer Riesenfeier auf den Stufen des alten Museums. Das heißt, die ganze Nazi-Prominenz stand da auf den Stufen des alten Museums, und rechts und links am Lustgarten war eine Riesenreihe Fahnen aufgestellt ...

Natürlich sieht das so aus, als wären die Nazifahnen alle für den Dom aufgestellt worden. Und mit diesem Foto sind wir jetzt schon mehrfach in der Öffentlichkeit konfrontiert worden, als Ausdruck: 'Da seht ihr es mal, der Dom mit seiner Nazi-Vergangenheit.' Aber dazu muss man eben die komplette Geschichte sehen."

Viel zitiert ist auch die Tatsache, dass die Deutschen Christen im Februar 1933 eine Art Requiem für den getöteten SA-Mann Hans-Eberhard Maikowski im Dom feierten - in Anwesenheit Hitlers und zahlreicher SA- und SS-Größen. Auch heirateten hier mit großem Pomp im April 1935 Emmy und Herman Göring. Aber kann man deshalb wirklich vom "Brauen Dom" sprechen? Seit der Dom im Jahr 2002 eine neue Domordnung - und damit auch wieder Hoheit über sein Archiv erhalten habe - bemühe sich das Domkollegium um die Aufarbeitung der Domgeschichte. Dazu musste aber zunächst das Domarchiv gereinigt und gesichtet werden, sagt Irmgard Schwaetzer:

"Nach dem Krieg ist eben nie in diesem Archiv gearbeitet worden - also zum Teil die Bündel gepackt mit einer Sisalschnur drumherum lagen die oben im Regal. Und wir haben dann vor sieben Jahren einen Archivar eingestellt auf unsere Kosten - auf Kosten der Gemeinde. Einfach weil wir alle das Gefühl hatten, wir müssen wissen, was in unserer Vergangenheit hier passiert ist. Wir können nicht so tun, als hätten wir nichts damit zu tun, aber wir wissen gar nicht, womit wir uns identifizieren lassen müssen oder auch wollen, weil wir eigentlich gar nicht wissen, was über viele Jahrhunderte hier passiert ist. Wobei natürlich 1933-45 besonders interessant ist, deswegen fangen wir hier auch an."

Bereits seit einem Jahr arbeitet sich ein Promovend der Humboldt-Universität durch die umfänglichen Akten, in denen es, so vermutet es Kirchenhistoriker Markschies nach ersten Stichproben, noch viele überraschende Funde geben wird:

"Zu meinen eindrücklichsten Erlebnissen gehörte, als ich im noch ungeordneten Domarchiv das Manuskript der Predigt zur Hand nahm, das der Oberhofprediger Bruno Döring am Sonntag nach der Zerstörung des Doms, also dem Brand der Kuppel gehalten hat. Döring war ein glühender Anhänger des Hauses Hohenzollern ... und Döring sagt in dieser Predigt: Wenn der Dom das Haus Gottes ist, und Gott zulässt, dass dieses Haus zerstört wird, dann müssen wir in furchtbarer Weise gefehlt haben. Das sagt der, wohlwissend, dass Gestapo-Spitzel dort sitzen und mitschreiben."

In der Apostel-Paulus-Kirche in Berlin Schöneberg erinnert bis heute eine Inschrift an den hier praktizierten erfolgreichen Widerstand gegen die Deutschen Christen.Die Festschrift zum 100. Geburtstag der Kirche im Jahr 1994 zitiert Augenzeugenberichte:

Zitat Zeitzeugen (aus Festschrift):

"Am ersten Advent sollte der Bekenntnispfarrer Dr. von Rabenau in seiner Gemeinde ... den Gottesdienst halten. Als er mit Gemeindegliedern die Kirche betrat, saßen in den ersten Reihen bereits einige Besucher. Vor dem Altar aber stand der andere, zu den DC gehörige Pfarrer. Er las abwechselnd aus Hitlers 'Mein Kampf' und dem ideologischen Standardwerk der Nazis vor 'Mythos des 20. Jahrhunderts'. Rabenau bestieg daraufhin die Kanzel und wartete auf den Augenblick, an dem sein Kollege Pause machen würde.

Dies geschah, sodass er laut den Adventspsalm vorzulesen begann. Er kam damit nicht weit. Plötzlich begann nämlich der in einer SA-Uniform steckende Organist mit voller Lautstärke die große Orgel zu spielen ... Da eilten unbemerkt ... der Pfarrerssohn in den Kirchenkeller. Sie drehten die Hauptsicherung aus ... die Orgel aber hörte, kläglich heulend, auf, einen Ton von sich zu geben."

Schließlich überließen die zahlenmäßig überlegenen Anhänger der Bekennenden Kirche den Anhängern der Deutschen Christen das Gotteshaus. Trotzdem hätten sie langfristig nicht die Oberhand behalten, erklärt Sibylle Suchan-Floß. Sie war jahrelang Vorstand des Gemeindekirchenrats und verwaltet heute das geschichtliche Erbe der Apostel-Paulus-Gemeinde, für das sich, wie sie etwas bedauernd sagt, kaum noch jemand interessiere:

"Im Prinzip waren die Leute, die für die Deutschen Christen im Gemeindekirchenrat waren, Menschen von außen. Während die Leute, die in Gemeinden ehrenamtlich tätig waren, andere waren. Und das sind dann Zermürbungskämpfe. Wenn die Ehrenamtlichen weitermachen, obwohl die Deutschen Christen etwas ganz anderes wollen."

Tatsächlich erwies sich der Riss in den Gemeinden sich als unüberbrückbar und selbst Hitler fürchtete, dass besonders radikale Deutsche Christen der Bekennenden Kirche immer mehr Anhänger in die Arme treiben würden. Auch brachen bei den Deutschen Christen Flügelkämpfe aus. So stagnierte ihr Zulauf schon bald. Zudem versah sich Hitler zunehmend selbst mit der Aura des Göttlichen, wie man auf einer Führung mit Marion Gardei durch die Dauerausstellung der Stiftung Topographie des Terrors erfahren kann:

"Das ist eben der Ort der Täter und wenn wir jetzt hier auf Spurensuche gehen in Bezug auf Kirche, dann gibt es einige Exponate, die man zeigen kann und wo man vielleicht auch ein bisschen erklären muss."

Gardei ist Pfarrerin - die eine Hälfte ihrer Arbeitszeit widmet sie ihrer Gemeinde in Berlin Dahlem, die andere arbeitet sie im Auftrag der EKD an der Gedenkstätte Topographie des Terrors in Berlin Mitte. Dafür hat sie Seminarangebote und Rundgänge erarbeitet, die sich mit dem Verhältnis von Kirche und Nationalsozialismus beschäftigen.

"Das ist eine Strategie der Nazis umzugehen mit der christlichen Religion, nämlich zu sagen: Wir brauchen die nicht mehr, wir haben unsere eigene Religion orientiert an alten germanischen Riten. Und das ist vor allem eine Strategie gewesen, die die Nazis selber in den Reihen der SS betraf, diese Männer wurden ganz darauf gedrillt, dass sie ganz ohne Religion auskommen müssen, die ja nur verweichlicht und falsche Gebote der Nächstenliebe und des Mitleids propagiert. Also die hatten sozusagen ihre eigene Ersatzreligion."

Gardei zeigt auf ein Foto, das auf eine weitere Strategie der Nationalsozialisten im Umgang mit Religion verweist:

"Nämlich zu sagen: wir sind die neue Religion - Adolf Hitler ist der von Gott berufene Führer unseres Volkes, und wir inszenieren unsere Versammlungen, unsere Aktionen religiös, und wir können das viel besser als die Kirche, weil wir haben die modernen Massenmedien. Und da sehen wir zum Beispiel eine Erntedank-Feier, das ist aber eben auch keine christliche Feier, das sieht aus wie beim Reichsparteitag: Aufmärsche, Fahnen, laute Musik, und das ist sozusagen eine Inszenierung wie ein Gottesdienst, nur mit dem Unterschied, dass man hier nicht Gott verehrt, sondern Adolf Hitler."

Und nach dem Krieg? Nicht nur die Identifikation mit den Pfarrern der Bekennenden Kirche führte zum Verdrängen in den Gemeinden. Hinzu kam der massive Austausch der Gemeindeglieder. Viele Kirchen waren zerbombt, Menschen verließen Berlin, andere zogen neu hinzu, bis heute klagen die Gemeinden über die fehlende Kontinuität. Es gab allerdings Ausnahmen: In Berlin-Kreuzberg wirkte der ehemalige Anhänger der Deutschen Christen, Pfarrer Laubinger, noch bis in die späten 1970er Jahre hinein. Manfred Förster, damals selbst Pfarrer der Christusgemeinde, hat den alten Nazi-Pfarrer noch erlebt:

"Nach dem Krieg, als die Zerstörung war, wurde Pfarrer Laubinger, ein Lehrzuchtverfahren gemacht, und ihm wurden die Rechte des geistlichen Standes abgesprochen. Aber er wohnte in der Gemeinde, hatte in der Nähe Räume... und hat dort Menschen versammelt und Gottesdienste gemacht, Konfirmanden-Unterricht gemacht, getraut, beerdigt, also im Grunde seine eigene Kirche dort weiter geführt. Es war dann zwar nicht mehr evangelische Kirche, aber Menschen, die hier wohnten und ihn aus der Zeit vorher kannten, haben ja nicht danach gefragt, was ist Kirche. Allerdings beim Zuhören habe ich das wirkliche Christuszeugnis vermisst. Es war eine richtige Sektenfrömmigkeit geworden."

Eine von Fritz Fleer geschaffene Bronzestatue des Pastors Dietrich Bonhoeffer an der St. Petri-Kirche in Hamburg. (AP)Eine von Fritz Fleer geschaffene Bronzestatue des Pastors Dietrich Bonhoeffer an der St. Petri-Kirche in Hamburg. (AP)

Das allerdings ist längst Geschichte. Heute veranstalten die Gemeinden selbstverständlich Gedenkgottesdienste, um an die Judenverfolgung zu erinnern. Und die Geistlichen sind froh, wenn dazu überhaupt ein paar Menschen in die Kirche kommen.

Wie beispielsweise in der Apostel-Paulus-Kirche. Einige Klassen aus den Schöneberger Schulen feiern einen Gottesdienst zur Erinnerung an die Pogromnacht - muslimische Schüler, konfessionslose, nur eine verschwindende Minderheit ist christlich getauft. Mit Schlaginstrumenten spielen sie das Schicksal eines jüdischen Mädchens nach, dem es gelang, vor den Nationalsozialisten nach Argentinien zu fliehen.

Im Berliner Dom erwähnt Dompredigerin Petra Zimmermann in einem Gebet die Mitschuld der Christen an der Verfolgung der Juden.

"Als Christen in deinem Namen schädigten und schuldig wurden an ihren Geschwistern, warst du an der Seite der Leidenden, bis in die Tiefe des Todesschattens. Du hast deinem Volk die Treue gehalten, es lebt aus deiner Güte. Du hast die Sünden unserer Väter und Mütter nicht heimgesucht an ihren Kindern. Du lässt uns aus Fehlern lernen."

Bei der konkreten Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Schuld der Deutschen Christen bestehe allerdings Nachholungsbedarf, konstatiert Historiker Gailus:

"Die Kirche ist sozusagen ein Player - ein Mitspieler unter vielen Institutionen, Vereinen, Verbänden und so weiter, und wenn sie da heute und in Zukunft mitspielen will, dann muss sie sich auch daran messen lassen. Verglichen mit dem Standard der Aufarbeitung, heute, hinkt die Kirche hinterher.

Wenn sie einzelne sprechen, auch von der Kirchenleitung, die sind alle guten Willens, die wollen das auch alle, aber offenbar fehlt es an Kraft, an Einsatz, dann diesen Willen auch zu bündeln, zu konzentrieren und dann solche Aufarbeitungsanstrengungen zu unternehmen."

Gailus hat in Zusammenarbeit mit der Stiftung Topographie des Terrors in diesem Jahr eine gut besuchte Vortragsreihe unter dem Titel "Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945" organisiert. Aber weder die Berliner Evangelische Akademie noch das theologische Seminar der Humboldt-Universität haben dem Thema im Laufe des Jahres besonders Rechnung getragen, wie ein Blick in das jeweilige Jahresprogramm zeigt. Christoph Markschies:

"Also es gibt Bücher über die Geschichte von Berliner Gemeinden, aber da ist sicher noch sehr viel zu tun, und insofern muss man sagen, ist dieses Themenjahr insofern sicher eine vertane Chance gewesen ... Das muss ich auch selbstkritisch über das sagen, was ich gemacht habe, hätte gesteigert werden können, ohne Zweifel."

Die aktuelle Ausstellung des Deutschen Historischen Museums über das evangelische Pfarrhaus behandelt kurz auch das Thema Deutsche Christen. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt man eine Sonderausstellung über den Kirchenbau in Berlin 1933-1945. Und einige Orte in Berlin sind nach den Bekenntnispfarrern Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer benannt oder ihnen gewidmet. Aber es gibt keine Ausstellung oder Gedenkstätte, die sich etwas eingehender mit der Täter-Vergangenheit der evangelischen Kirche befasst - nicht einmal im Gedenkjahr 2013.

Religionen

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Küster Lutz Pesler putzt das Tausbecken in der Dresdener Frauenkirche. (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

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