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Buchkritik | Beitrag vom 24.09.2018

Nassim Nicholas Taleb: "Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game"Ein großspuriger Polemiker mit anregenden Einsichten

Von Sieglinde Geisel

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Nassim Nicholas Taleb hält einen Vortrag (Foto: imago/Itar-TASS/Anton Novoderezhkin, Cover: Penguin Verlag)
Der Ökonom und Essayist Nassim Nicholas Taleb. (Foto: imago/Itar-TASS/Anton Novoderezhkin, Cover: Penguin Verlag)

2007 hatte der Ökonom Nassim Nicholas Taleb die Finanzkrise prognostiziert - und Recht behalten. Jetzt nimmt er alle jene ins Visier seiner polemischen Rhetorik, deren Entscheidungen zwar weitreichende Folgen haben, aber selten für sie selbst.

Nassim Nicholas Taleb wurde 2007 mit seinem Buch "Der schwarze Schwan" berühmt: Er sagte darin die Finanzkrise voraus, von der er ein Jahr darauf auch als Börsenmakler profitierte: Da er auf ein derartiges unvorhersehbares Ereignis – eben einen schwarzen Schwan – spekuliert hatte, erzielte er mit seinen Portfolios Rekordgewinne. Vom Börsenhandel hat sich Taleb längst zurückgezogen, als Autor widmet er sich der Risikoforschung.

Ein System, das sich selbst zerstört

"Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game" ist das fünfte Buch seiner "Incerto"-Serie, einer philosophisch-essayistischen Reihe von Büchern über die Unsicherheit. "Menschen, die kein persönliches Risiko eingehen, sollten nie mit Entscheidungen betraut werden", so die zentrale These dieses Buchs.

Die westlichen Gesellschaften befänden sich in der Krise, weil sie genau diese Regel nicht beachteten, sondern Asymmetrien in der Risikoverteilung förderten. Die Banker verdienen Millionen, wenn ihre Geschäfte gut laufen, während für den Verlust ihrer Risiken bekanntlich die Allgemeinheit aufkommen muss – doch Taleb meint nicht nur sie, sondern auch die Befehlshaber der modernen Kriege, die nur das Leben ihrer Soldaten riskierten, auch Politiker oder Wissenschaftler müssten nicht mit ihrer eigenen Haut für die Folgen ihrer Entscheidungen haften. Wie die Finanzkrise gezeigt habe, zerstöre sich ein solches System selbst.

Nervige Rhetorik

So weit so gut. Allerdings muss man sich diese hochaktuellen Thesen auf den 380 weitgehend assoziativ heruntergeschriebenen (und offenbar komplett unlektorierten) Seiten ziemlich mühsam zusammensuchen, denn Nassim Nicholas Taleb äußert sich in seinen Büchern hemmungslos zu allem und jedem. Finanzwirtschaft, Religion, die Wahlen in den USA und der Krieg in Syrien – Taleb schreibt, was ihm gerade einfällt, und meistens tut er dies im Modus der schnell und redundant rotierenden Polemik.

Wissenschaftler, Journalisten, Politiker erscheinen durchweg als "Scharlatane", die jede Bodenhaftung verloren hätten. Er hat keinerlei Berührungsängste mit der rechtspopulistischen Holzhacker-Rhetorik und spricht von "politikgestaltenden Trotteln" und "Intellektuellen also Idioten" (eine von mehreren Fehlübersetzungen im Buch, im Original heißt es "intellectuals yet idiots", also "Intellektuelle, die trotzdem Idioten sind").

Nassim Nicholas Taleb will uns unterhalten, auf Teufel komm raus: Er füttert uns mit Anekdoten, bis wir nicht mehr können, und er legt dabei eine Großspurigkeit an den Tag, die man nur erträgt, wenn man sie als Realsatire liest. Es sei, als säße man neben einem streitsüchtigen Taxifahrer, der über alles eine Meinung hat, schreibt ein Kritiker im "Economist" entnervt.

Nebenbei erklärt Taleb Trumps Aufstieg

Im Gegensatz zu schwadronierenden Taxifahrern allerdings gibt Taleb immer wieder Sätze von sich, die man unterstreichen möchte. "Ausschlaggebend ist nicht, was eine Person hat oder nicht hat; ausschlaggebend ist, was sie Angst hat zu verlieren." "Bürokratie ist ein Mechanismus, durch den eine Person von den Folgen ihres Handelns abgetrennt wird." "Sie wollen keine Auseinandersetzung gewinnen. Sie wollen gewinnen."

Streckenweise liest sich "Das Risiko und sein Preis" wie ein Ratgeber, doch dann stößt man wieder auf anregende Einsichten, die über das bloß Erbauliche hinausgehen. So liefert Taleb etwa ganz nebenbei eine Erklärung für Trumps Erfolg: Als ehemaliger Pleitier habe Trump bewiesen, dass er seine Haut aufs Spiel setze, und genau damit erfülle er die Erwartungen seiner Klientel, die genug habe von Entscheidern ohne "skin in the game".

Eine lesenswerte Zumutung

Was man bei dieser Achterbahn-Lektüre je länger, desto schmerzlicher vermisst, ist eine Theorie, eine belastbare Analyse, die aus den punktuell aufblitzenden Einsichten folgt. In seiner geradezu orgiastischen Geschwätzigkeit ist dieses Buch eine Zumutung: Die gedanklich verwertbare Substanz ließe sich in einem einzigen Kapitel zusammenfassen.

Und doch ist die Lektüre keine bloße Zeitverschwendungen. Dieses eine Kapitel würde man unseren Entscheidern in Politik, Wissenschaft und Finanzwelt dann doch gern unters Kopfkissen legen.

Nassim Nicholas Taleb: "Das Risiko und sein Preis – Skin in the Game"
Aus dem Englischen von Susanne Held.
Penguin Verlag, München 2018, 384 Seiten, 26 Euro

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