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Buchkritik | Beitrag vom 06.01.2021

Naomi Pollock: "Japanisches Design seit 1945"Formvollendet und funktional

Von Eva Hepper

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Buchcover zu Naomi Pollock: "Japanisches Design seit 1945" (Dumont/Deutschlandradio)
Lange galt in Japan "westlich" als Synonym für modern. Längst machen auch japanische Designer Schule im Westen. (Dumont/Deutschlandradio)

Die Kikkoman-Flasche, der Sony-Walkman, die Akari-Leuchte – viele internationale Designikonen stammen aus Japan. Ein opulenter Bildband erzählt die Geschichte des japanischen Designs seit 1945 und stellt die wichtigsten Entwerfer vor.

Kenji Ekuan hat sich mit seiner Designagentur gerade selbstständig gemacht, als er 1961 den wichtigsten Auftrag seines Lebens bekommt: die Lebensmittelfirma Kikkoman wünscht einen formschönen Tischspender für ihre Sojasauce, die bis dato nur in unhandlichen Großgebinden zu erwerben ist.

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Drei Jahre und mehr als hundert Prototypen später legt der japanische Industriedesigner sein Meisterwerk vor: eine kleine Flasche mit knallrotem Verschluss. Der Glaskörper, inspiriert von traditionellem Sake-Porzellan, erinnert an die Harmonie eines Tropfens, der Deckel verweist auf die japanische Flagge. Mit seinen zwei Ausgusstüllen ist das formvollendete Stück zudem von höchster Funktionalität. Gegenüber platziert und in einem Winkel von 60 Grad angeschnitten, verhindern sie jegliches Tropfen.

Heute gehört die Kikkoman-Sojaflasche zu den weltweiten Designikonen. Sie steht nicht nur in bedeutenden Museen, sondern auch in Millionen Privathaushalten und Restaurants. Der Name ihres Schöpfers allerdings dürfte nur den wenigsten geläufig sein. Ein üppiger Bildband über "Japanisches Design seit 1945" will das nun zu ändern.

80 wegweisende Entwürfe

Herausgegeben von der US-amerikanischen Architektin und Autorin Naomi Pollock stellt das mehr als 400 Seiten starke Überblickswerk 80 japanische Designer und Designerinnen mit wegweisenden Entwürfen und Objekten vor. Präsentiert werden in eigenen Kapiteln Möbel und Geschirr, Mode und Textilien, Elektronik und Verpackungen, Fahrzeuge, Lifestyle-Produkte sowie Plakate und Poster.

Klassiker und modernes Design lässt Naomi Pollock hier gleichermaßen Revue passieren; vom "Butterfly-Stool", den Japans berühmtester Entwerfer Sōri Yanagi 1954 kreiert hat, über die "Akari-Leuchte" von Isamu Noguchi (1951), den transparenten Regenschirm der Firma White Rose (1958), das stapelbare Wasserglas HS von Sasaki (1967) oder den Sony-Walkman (1979) bis hin zu den spektakulären Modestücken Issey Miyakes, den Alltagsgegenständen der Firma Muji oder der Kleidung von Uniqlo.

Aufschlussreich sind die Begleittexte und Essays, die die Entstehungsgeschichte der Objekte erläutern, mit ihren Schöpfern bekannt machen und in die japanische Designgeschichte einführen.

Design als Exportgut

Es ist spannend zu lesen, wie das jahrhundertelang abgeschlossene Land schließlich Design als Exportgut entdeckte und mit dem 1928 gegründeten Industrial Arts Research Institute versuchte, die eigenen kunsthandwerklichen Methoden und Materialien (Holz, Papier, Lack) mit westlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Waren doch Stühle und Tische in Japan, wo sich das häusliche Leben auf dem Boden abspielte und Wände beweglich waren, erst seit der Meji-Zeit (1868-1912) aufgekommen.

So galt den Japanern lange Zeit westlich als Synonym für modern. Heute jedoch weist der Weg auch von Ost nach West, wie dieser prachtvolle Bildband zeigt. Denn mit seiner Betonung von Einfachheit, Präzision und Nachhaltigkeit hat japanisches Design längst den weltweiten Siegeszug angetreten. Ein toller Überblick!

Naomi Pollock: "Japanisches Design seit 1945"
Aus dem Englischen von Nina Goldt und Annika Klapper
Dumont Verlag, Köln 2020
448 Seiten, 58 Euro

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