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Fazit | Beitrag vom 11.07.2019

Namibisch-deutsches Kunst- und GeschichtsprojektFotos von kolonialem Herrschaftsblick befreien

Jürgen Zimmerer im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Zu sehen ist ein Schwarzweiß-Foto einer Herero-Familie, wie es scheint. (picture alliance/dpa/Foto: akg-images)
Deutsche Wissenschaftler, Reisende und Soldaten machten anscheinend unzählige Fotos von kolonisierten Menschen, so wie dieses hier von einer Herero-Familie, entstanden um 1907. (picture alliance/dpa/Foto: akg-images)

Anfang des 20. Jahrhunderts gelangten Tausende Fotografien aus Namibia nach Deutschland. Weder ist klar, wer darauf zu sehen ist, noch ob die Fotografierten eingewilligt haben. Jüngere Generationen bringen ihre Vorfahren nun zum Sprechen.

Als Bénedicte Savoy und Felwine Sarr Ende 2018 dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron empfahlen, von afrikanischen Ländern keine Eigentumsbeweise mehr zu verlangen, wenn sie die Rückgabe von kolonialem Kulturgut forderten, gab es in Deutschland eine Stimme, die sofort und sehr deutlich die Hoffnung aussprach, dass der Vorschlag die Restitutionsdebatte in ganz Europa verändern würde.

Diese Stimme gehört Jürgen Zimmerer. Er ist Professor für die Geschichte Afrikas und Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs Postkoloniales Erbe". Unter seiner Leitung sichtet und bearbeitet ein deutsch-namibisches Team einen großen Fundus von Fotografien, die Wissenschaftler, Reisende und deutsche Soldaten Anfang des 20. Jahrhunderts aus Namibia mitbrachten.

Den kolonialen Herrschaftsblick nicht fortsetzen

Im namibischen Windhoek werden nun erstmals Fotografien aus dem Fundus gezeigt. Im Deutschlandfunk Kultur berichtet Jürgen Zimmerer von der Eröffnung der Ausstellung in der National Art Gallery of Namibia, dem zentralen Ort für moderne Kunst in Namibia.

"Koloniale Fotografien haben methodisch das Problem, dass kolonisierte Menschen aus Afrika abgebildet werden und wir nur sehr wenig von ihnen wissen. Wir wissen noch nicht einmal, ob sie eingewilligt haben, fotografiert zu werden."

Um den kolonialen Herrschaftsblick, der oft in diesen Fotografien stecke, nun bei der Ausstellung nicht zu perpetuieren, habe man entschieden, eine junge Generation von Künstlerinnen und Künstler aus Namibia mit diesen Fotografien in einen Dialog treten zu lassen. So sollten die Fotografierten zumindest über den Umweg über die nachfolgenden Generationen zum Sprechen gebracht werden, erklärt Zimmerer das Ausstellungskonzept.

Aneignung durch Nachkommen der Fotografierten

Ferner berichtet er von der beteiligten Herero-Künstlerin Vitjitua Ndjiharine: Als sie Bilder von den Herero gesehen hat, soll sie gesagt haben: "Ich hätte diese Bilder nie sehen dürfen." Und in der Tat, wäre der Genozid an den Herero und Nama "komplett vollzogen" worden, wie Zimmerer sagt, hätte es Vitjitua nie gegeben und sie hätte nie diese Fotos von ihren Vorfahren sehen können. Insofern sei das Wichtigste an den Fotografien, dass es sie überhaupt gebe.

Die namibischen Künstlerinnen und Künstler haben ganz unterschiede Wege für ihren Umgang mit den Fotografien gewählt. Manche wurden in gemalte Bilder übertragen und manche verfremdet, indem beispielsweise Bilder aus Modemagazinen in diese Fotos montiert wurden, "um zu zeigen: Ich verfremde diesen Blick, ich lasse mir nicht gefallen, dass ich da nur objektifiziert werde oder meine Vorfahren nur zu Objekten gemacht werden."

Es geht bei der Ausstellung also um die Aneignung dieser kolonialen Fotografien durch die Nachkommen der Fotografierten.

(ckr)

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