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Buchkritik | Beitrag vom 03.09.2019

Naika Foroutan: "Die postmigrantische Gesellschaft"Neue Begriffe und alte Gewissheiten

Von Matthias Dell

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Das Cover des Buchs "Die Postmigrantische Gesellschaft" von Naika Foroutan auf orange illustriertem Hintergrund. (Transkript )
Die Post-Migrantische Gesellschaft von Naika Foroutan. (Transkript )

Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan beschäftigt sich mit der "postmigrantischen Gesellschaft". Ihr neues Buch hinterfragt die politischen und medialen Debatten, die sich um die Migration drehen. Ein genauer Blick hinter die Kulissen der Diskurse.

Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan hat ein Buch geschrieben, dessen Titel einem bekannt vorkommen könnte. Und zwar nicht aus dem akademischen Feld, auf dem Foroutan sich als Professorin an der Berliner Humboldt-Universität bewegt. "Die postmigrantische Gesellschaft" geht vielmehr zurück auf einen Claim, den die Theaterleiterin Shermin Langhoff geprägt hat.

Langhoff hatte 2008 das Berliner Ballhaus Naunynstraße übernommen, ehe sie 2013 Intendantin am Maxim-Gorki-Theater in der Hauptstadt wurde. Beide Bühnen stehen für eine wesentliche Neuerung im deutschen Kulturbetrieb, weil das jeweilige Personal, im Ensemble wie im Apparat, so divers war und ist wie an keiner anderen Bühne zuvor.

Geschickte Wortschöpfung

Die Rede vom "postmigrantischen Theater" war dafür eine geschickte Wortschöpfung, weil sie einerseits dem medialen Wunsch nach Benennung von Differenz – wie bezeichnet man Schauspielerinnen, die nicht-weiß sind? – ein schickes neues Wort hinhielt, das Abwertung verhinderte. Und weil andererseits sich damit ein neuer Vorstellungsraum öffnete, in dem besagte Differenzen anders wahrgenommen werden konnten.

Diesen Raum betritt Foroutan nun mit ihrer Analyse, die kritische Migrations- und empirische Sozialforschung miteinander verbindet. Die Größe des Langhoffschen Claims zeigt sich also daran, dass er der Akademikerin geeignet scheint, um begriffliche Hindernisse im Diskurs zu überwinden.

Foroutan verspricht sich von der auch programmatischen Setzung des "Postmigrantischen" einen Durchbruch durch die immer gleichen Formeln, die das öffentliche Reden in der deutschen Gesellschaft bestimmen – wie sie am Begriff des, wie sie es nennt, "Metanarrativs Migration" ausführt. Darin scheint unhinterfragt alles zu verklumpen, was in der Gegenwart für Unbill sorgt. Der Satz von Horst Seehofer, "Migration ist die Mutter aller Probleme", wird im Buch zitiert.

Die Definitionsoffenheit endet beim Kopftuch

So bricht Foroutan etwa das, was auch von prominenten Autorinnen als "Überforderung" von Alteingesessenen entschuldigt wird (nämlich beispielsweise: die veränderten Begriffe im Einwanderungsland Deutschland zu verstehen), herunter auf eine demokratietheoretische Fragestellung zwischen Gleichheit und Freiheit. Sie macht vor allem das "normative Paradoxon" sichtbar, das entsteht, wo das Versprechen der Demokratie sich nicht für alle Deutschen einlöst.

Durch empirische Studien, die zum Beleg von Thesen immer wieder angeführt werden, zeigt Foroutan, wie widersprüchlich die Polarisierung der Gegenwart im Kern ist. Auf den Aufstieg, das Sichtbar-werden von Migrantenkindern, reagieren Teile der Gesellschaft mit immer engeren Vorstellungen davon, was deutsch sein soll.

Während von den Migranten einerseits erwartet wird, deutsch zu werden, wird diese Anerkennung andererseits verweigert: Wo in einer Erhebung von 2014 fast 97 Prozent deutsche Sprachbefähigung und knapp 80 Prozent die hiesige Staatsbürgerschaft für wichtig halten in der Vorstellung vom Deutschsein, endet die Definitionsoffenheit etwa beim Kopftuch – grundgesetzlich garantierter Religionsfreiheit zum Trotz.

Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan  (imago images / Jens Jeske)Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan (imago images / Jens Jeske)

Auf diese Weise hinterfragt Foroutans Schrift viele Gewissheiten, die das mediale und politische Reden bestimmen.

Auch wenn die drei Komplexe ("Anerkennung und Aushandlung", "Ambivalenzen und Ambiguitäten", "Antagonisten und Allianzen"), anhand derer die Autorin ihren Begriff von der "postmigrantischen Gesellschaft" entfaltet, nicht die gleiche Wirkmacht entwickeln wie Langhoffs Begriff – als Blick hinter die Kulissen der Diskurse ist das genaue Buch informativ für eine akademisch geübte Leserschaft.

Naika Foroutan: "Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie"
transcript Verlag, Bielefeld 2019
280 Seite, 19,99 Euro

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