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Interpretationen / Archiv | Beitrag vom 23.10.2011

"Nahrung für eine ganze Generation"

Die "Faust-Sinfonie" von Franz Liszt

Gast: Michael Stegemann / Moderation: Olaf Wilhelmer

Franz Liszt im Jahr 1865
Franz Liszt im Jahr 1865

Goethes "Faust" – wer dazu Musik schreibt, kann sich öffentlicher Aufmerksamkeit sicher sein. Sollte man meinen. Aber die "Faust-Sinfonie" von Franz Liszt ist bis heute kaum über den Status eines prominenten Geheimtipps hinausgekommen. Michael Stegemann nennt Franz Liszt in seiner Biografie ein "Genie im Abseits" – wie Liszt in diese Lage kommen konnte, erläutert der Musikwissenschaftler und Publizist in unserer Sendung am Beispiel der "Faust-Sinfonie".

"Eine Faust-Sinfonie in drei Charakterbildern nach Goethe", so nannte Franz Liszt sein überwiegend 1854 bis 1857 entstandenes Werk. Drei Sätze, drei Charaktere: "Faust", "Gretchen" und "Mephistopheles" lauten die Überschriften. Goethes Tragödie steht dabei als Idee im Hintergrund und wird lediglich im Finale durch Herrenchor und Solo-Tenor zitiert. Dass es dieses Finale auch in einer rein instrumentalen Urfassung gibt, ist kaum bekannt.

In seiner "Faust-Sinfonie" ging Liszt weit über das musikalisch Übliche seiner Zeit hinaus – nicht allein von der Gattung und ihren Dimensionen her ist dieses Werk revolutionär. Nein, auch der visionäre, zwölftönige Beginn des Faust-Satzes und die scharfkantige Parodie der Faust-Thematik im Mephistopheles-Satz stellen das Werk auf eine Stufe mit den herausragenden Schöpfungen jener Epoche, etwa der kurze Zeit später komponierten Oper "Tristan und Isolde" von Richard Wagner.

"Man hat oft behauptet, Liszts Orchestermusik sei Wagner verpflichtet. Das ist ganz und gar nicht so. Ich habe gelernt, Liszt nicht nur als genialen Pianisten und Komponisten zu respektieren, sondern auch als einen Musiker, der Wagner dabei unterstützte, die Tonsprache seiner reifen Musikdramen zu finden, und der seinen Zeitgenossen ganz allein einen neuen, praktischen Weg in die Zukunft wies." So brachte es Georg Solti im Zusammenhang mit der "Faust-Sinfonie" auf den Punkt. Solti ist übrigens neben Iván Fischer erstaunlicherweise der einzige prominente ungarische Dirigent, der dieses Werk eingespielt hat. Trotz einiger anderer herausragender Aufnahmen, etwa von Jascha Horenstein oder Riccardo Muti: Die "Faust-Sinfonie" ist ein Geheimtipp.

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