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Interview | Beitrag vom 07.04.2021

Nächtliche Lichtverschmutzung"Da verschieben sich ganze Ökosysteme"

Sibylle Schroer im Gespräch mit Dieter Kassel

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Einige Dutzend Eintagsfliegen schwirren um eine nachts beleuchtete Straßenlaterne herum. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Wissenschaftler sprechen von einem "Staubsauereffekt": Eintagsfliegen schwirren um eine Straßenlaterne herum. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Straßenlaternen weisen uns nachts sicher den Weg, locken aber auch jede Menge Insekten an und werden für sie zur Falle. Sibylle Schroer will das ändern - sie erforscht, inwieweit der Verlust des Dunkels für das Insektensterben verantwortlich ist.

Mit der "International Dark Sky Week" vom 5. bis 12. April 2021 wollen Forscher und Hobbyastronomen an die Faszination der Nacht erinnern und auf das Thema Lichtverschmutzung aufmerksam machen. Denn zu viel künstliches Licht bei Nacht macht nicht nur die Sterne unsichtbar, es kann auch Mensch und Tier gefährlich stören.

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Sibylle Schroer vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin (IGB) beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit der Verlust des Dunkels für das Insektensterben verantwortlich ist – und dadurch auch die Nahrungskette durcheinanderbringt und weitere Arten gefährdet.

Der ökologischen Aufgabe entzogen

So würden beispielsweise Eintagsfliegen wie von einem Magneten vom Licht von Straßenlaternen angezogen: "Sie kommen aus dem Bann des Lichts nicht mehr heraus", sagt Schroer und spricht von einem "Staubsaugereffekt". Auf diese Weise würden die Insekten dann "ihrer ökologischen Aufgabe entzogen" – nämlich als Futter zu dienen. "Welche Konsequenzen das haben wird, wissen wir noch gar nicht genau."

Licht wirke sich auf fast alle Organismen auf der Erde aus, sagt Schroer. Nächtliche Beleuchtung irritiere Frösche, Fledermäuse fänden ihre Tränke nicht mehr, weil sie das Licht scheuten. "Es verschieben sich ganze Ökosysteme", betont die Wissenschaftlerin.

Auch die "extreme" Zunahme von Nacktschnecken sieht Schroer in einem Zusammenhang mit der nächtlichen Lichtverschmutzung. Diese seien ökologisch betrachtet "Kompostierer von totem Material – und wenn viele Insekten verenden, dann nehmen eben auch diese Organismen zu". Wer keine Nacktschnecken im Salatbeet wolle, müsse nachts für Dunkelheit im Garten sorgen.

Straßenlaternen mit neuem Design

In vier Modellregionen in Deutschland soll Schroer zufolge nun die Straßenleuchten angepasst werden  – damit diese nicht mehr in alle Richtungen abstrahlen, sondern nur noch tatsächlich den Boden erhellen und so weniger Insekten anlocken. "Artenschutz durch umweltverträgliche Beleuchtung" heißt das Projekt.

Modellregionen sind das nördliche und westliche Brandenburg, das südliche Mecklenburg und das hessische Fulda. Denn hier sei es nachts noch so dunkel, dass man die Dunkelheit gut erleben und erforschen könne, so das IGB. Im Westhavelland konnte eine Studie des Instituts zeigen, dass an erleuchteten Straßenlaternen bis zu 260 Mal so viele Insekten umherschwirren wie in der dunklen Umgebung.

(ahe)

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