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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.12.2011

Nackter Mann auf nackter Bühne

Christoph Mehler inszeniert "Woyzeck" in Nürnberg

Von Christoph Leibold

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In Nürnberg gab es vom Publikum Bravos und Buhrufe. (Stock.XCHNG)
In Nürnberg gab es vom Publikum Bravos und Buhrufe. (Stock.XCHNG)

Er taumelt, er torkelt, er krabbelt auf allen Vieren: Am Staatstheater Nürnberg zeigt Christoph Mehler Büchners "Woyzeck" in seiner peinlichen Kreatürlichkeit, als ein gehetztes Tier. Eine ebenso faszinierende wie polarisierende Inszenierung.

"Beautiful World" steht in leuchtend roten Buchstaben über der leeren Bühne, die ein Mann betritt: Woyzeck. Eins nach dem anderen zieht er seine Kleidungsstücke aus, die graue Hose mit den Hosenträgern, das karierte Holzfällerhemd, die Unterhose. Dann beginnt er zu laufen, im Kreis, mit nichts am Leib als einem Paar schwerer Militärstiefel an den Füßen. Ein nackter Mann auf nackter Bühne. Woyzeck, das gehetzte Tier. Er läuft und läuft, mit eckigen Armbewegungen, wie beim Kasernenhof-Drill. Marie, der Arzt, der Hauptmann, der Tambourmajor und all die anderen Figuren aus Büchners Dramenfragment haben in der ersten Reihe des Nürnberger Schauspielhauses Platz genommen, schick gekleidet, manche etwas überkandidelt. Sie halten Mikrofone in den Händen und machen sich lustig über Woyzeck: "Er sieht so verhetzt aus!" Woyzeck hetzt dennoch weiter im Kreis. Sein Schritt wird schwerer, kalte Klavierakkorde klingen dazu aus Lautsprecherboxen. Und eine herzschlagartige Basedrum. Immer lauter wird die Musik werden im Laufe der nur gut einstündigen Aufführung, immer gnadenloser treibt sie Woyzeck voran.

In der ersten Reihe stehen Marie und der Tambourmajor auf. Er schenkt ihr Ohrringe, sie lächelt schüchtern, auch ein bisschen kokett. An ihren Woyzeck scheint sie dabei nicht im Mindesten zu denken. "Bin ich ein Mensch!" sagt Julia Bartolome als Marie mit einer Kälte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, den einfachen Soldaten Woyzeck für den Tambourmajor fallen zu lassen; und damit eine Sprosse höher die Gesellschaftsleiter hinauf zu klettern. Sozialdarwinismus.

Und Woyzeck läuft weiter. Taumelt, torkelt, fällt hin, krabbelt auf allen Vieren, rappelt sich wieder auf, schwankt vorwärts: "Ich hab kein' Ruh!" Schweiß rinnt von Stefan Lorchs nacktem Körper. Die Interpretation der Rolle ergibt sich aus der Bewegung. Aus der Verausgabung, aus der Atemlosigkeit. Die Leidensmiene gräbt sich in Lorchs Gesicht. Dass Woyzeck Stimmen hört, dass ihm der Arzt eine "Aberratio" attestiert – wen wundert's, dass Woyzeck angesichts seiner Erschöpfung zu halluzinieren beginnt?

Christoph Mehlers bestechende Inszenierung basiert auf einer einfachen, zwingenden Grundidee. Der nackte Woyzeck der im Kreis läuft, "immerzu, immerzu": ein Erniedrigter und Beleidigter. Und: eine peinliche Erscheinung. Denn die schamlos ausgestellte Kreatürlichkeit Woyzecks ist auch eine Belästigung für alle, die hinzusehen gezwungen sind. Wegschauen geht nicht. Nicht einen ganzen Theaterabend lang, eine Stunde kurz, aber doch zu lang, um dauerhaft die Augen zu verschließen vor Woyzecks erbarmungswürdiger Erbärmlichkeit.

Die erste halbe Stunde dreht Stefan Lorch allein seine Runden auf leerer Bühne. Als sich beim Zuschauen langsam das Gefühl einstellen will, Mehlers Inszenierung kreise vielleicht doch zu sehr um nur einen einzigen Einfall, erklimmen die übrigen Figuren die Bühne. Sie laufen neben Woyzeck her, verhöhnen ihn, lassen sich Huckepack von ihm tragen, zappeln und tanzen. Ein enthemmtes Rudel. Sie geilen sich auf an seinem Elend. Und scheinen dabei auch erleichtert, dass es ihnen nicht so dreckig geht wie Woyzeck. Als wollten sie den Gedanken, dass auch sie ganz unten landen könnten, verdrängen, mit wilden Bewegungen wegtanzen.

Nach einer Stunde hört Woyzeck endlich auf zu rennen. Die Musik verstummt. Woyzeck erwürgt seine Marie. Das Mikrofon in ihrer Hand vergrößert ihr Röcheln im Todeskampf ins Monströse. Ein letztes Zucken, dann Stille. Die Leuchtbuchstaben "Beautiful World" erlöschen. Woyzeck zieht sich an. Und tritt ab. Unter dem Gelächter der übrigen Figuren erzählt eine junge Schauspielerin das Märchen der Großmutter von der Welt, die nur ein "umgestürzter Hafen" ist. Kurz, knapp und auf den Punkt, wie die ganze Aufführung. Bravos und Buhrufe für eine faszinierende, polarisierende Inszenierung.

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