Nachwuchsfilme, die gefangen nehmen

Von Wolfgang Martin Hamdorf · 18.11.2012
Das Filmfestival in Mannheim-Heidelberg widmet sich traditionell den "Newcomern". Mehr als drei Filme dürfen die Regisseure nicht gedreht haben. Das regionale Spektrum reichte in diesem Jahr von China nach Lateinamerika, von Patagonien bis nach Schweden.
Der Hauptpreis ging an den iranischen Film "Soote Payan" (Schlusspfiff), der dritte Spielfilm der 42-jährigen Schauspielerin Niki Karimi, die selbst auch die Hauptrolle spielt. Im Zentrum steht eine iranische Dokumentarfilmerin. Sie setzt sich für eine junge Frau ein deren Mutter zum Tode verurteilt wurde, weil sie den Mann tötete, der ihre Tochter vergewaltigen wollte. Nach den Gesetzen der Scharia kann das Urteil nur aufgehoben werden, wenn den Angehörigen des Toten ein hohes Blutgeld gezahlt wird. Bei dem Versuch die Frau zu retten, begreift die Protagonistin, dass weder ihr Ehemann, noch ihre Freunde sich gegen die Hinrichtung einer Unbekannten engagieren wollen und stattdessen lieber die Fußball WM verfolgen.

"Schlusspfiff" zeigt eine zerrissene iranische Gesellschaft, zwischen Arm und Reich, zwischen Tradition und Moderne, zeigt eine aufgeklärte Kulturelite, die die Realität des Landes ignoriert. Niki Karimi gehört zu einer neuen Generation iranischer Filmemacher, die ihre Geschichten nicht mehr metaphorisch in ländlicher Idylle entwickeln, sondern die gesellschaftlichen Konflikte, wie hier Todesstrafe und Organhandel direkt benennen.

19 Filme standen dieses Jahr im Wettbewerb. Dabei ging es um Konflikte zwischen Kulturen, zwischen Generationen, es ging um Auseinandersetzungen und Versöhnungen. Oft setzten Filmemacher auf autobiografische Momente, um gesellschaftliche Zustände zu beschreiben, etwa die Spannungen zwischen Tradition und Moderne in einer islamischen Gemeinde in Kanada. Andere setzten sich mit verschiedenen Wertvorstellungen innerhalb der Familie auseinander oder mit der Last familiärer Erinnerungen. So erzählt der schwedische Film "Viel Glück und pass gut auf dich auf" die ungewöhnliche Beziehung eines todkranken Witwers und einer störrischen 15-Jährigen.

Er lebt in seinen Erinnerungen, zwischen Modelllandschaften und geschnitzten Holzfiguren. Sie versucht über Graffitis und schüchterne erste Schreibversuche ihren Platz in der Welt zu definieren. Der Film wurde von der Jury mit dem "Rainer Werner Fassbinder Preis" ausgezeichnet. Der 36-jährige Schwede Jens Sjögren sieht sein Debüt in erster Linie als Plädoyer für mehr Toleranz, mehr Vielfalt und weniger gesellschaftliche Anpassung:

"Es gibt Menschen die wollen der ganzen Welt zeigen, dass sie gesellschaftliche Normen überwinden. Ich finde das auch bewundernswert und wir wollten im Film viele solche Charaktere mit ihren Schrullen zeigen. Vielleicht beschreibe ich damit eine Gesellschaft, wie ich sie gerne hätte und weniger, wie sie in Wirklichkeit ist. Aber es ist eine Hoffnung."

Vom Zusammenstoß unterschiedlicher Kulturen erzählt der argentinische Film "Tiempos menos modernos" (Weniger moderne Zeiten). Ein indigener Sängers lebt zurückgezogen im südargentinischen Patagonien, bis er eines Tages einen Fernseher geschenkt bekommt und Einblick in eine für ihn völlig absurde globalisierte Fernsehwelt erhält.

"Zunächst einmal ist es ein Film über einen Mann, der einen Fernseher erhält, es ist aber auch die Geschichte eines stolzen Einheimischen, der sich weigert vor den Touristen, die aus allen Teilen der Welt nach Patagonien kommen, den Folklore-Clown zu machen."

Regisseur Simón Franco stammt selbst aus dem ländlichen Patagonien, und würde für seine Regieleistung mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Die Vertrautheit der Regisseure mit der Landschaft ihrer Filme ist ein wichtiges Merkmal. So inszeniert der 30 jährige Italiener Bonifacio Angius in seinem Regiedebüt "Sa Gráscia" (Der Glaube) eine alte Familiegeschichte, - die Wallfahrt eines kleinen Jungen zum heiligen Antonius – mit einer ungewöhnlichen ausdrucksstarken Bildsprache, lässt Raum und Zeit auf den ländlichen Straßen seiner Heimat Sardinien verschwimmen und schafft so einen ganz eigenen magischen Mikrokosmos.

"Natürlich hat mich der Ort sehr inspiriert, es war der Geburtsort meiner Mutter, das kleine Dorf, in dem ich die Sommer meiner Kindheit verbrachte. Ich kannte den Ort wie meine Westentasche. Beim Drehen sind mir die Bilder eigentlich zugeflogen, intuitiv, fast magisch. Meinen zweiten Spielfilm drehe ich im Moment in der Großstadt, aber hier fällt es mir sehr viel schwerer die richtigen Kamerapositionen zu finden."

Vom italienischen Dorf bis zum schwedischen Vorort erzählten die Nachwuchsfilme in Mannheim und Heidelberg unterschiedliche Geschichten, die sich nicht einfach in fünf Zeilen zusammenfassen lassen. Gemeinsam war den Filmen aus allen Kontinenten eine ganz besondere Atmosphäre, die Suche nach dem ganz eigenen filmischen Ausdruck und die Fähigkeit auch die eigene Biografie einzubringen.