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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.02.2016

Nachwuchsfilme auf der BerlinaleZwischen Sehnsucht und Krisenbewusstsein

Von Christian Berndt

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Syrische Flüchtlinge (Imago / ZUMA Press)
Die Flüchtlingsfrage beschäftigt auch den jungen deutschen Film. (Imago / ZUMA Press)

Der deutsche Film hat es weltweit schwer. Doch die Nachwuchs-Sektion auf der Berlinale lässt hoffen. Die spannendsten Filme handeln von Migration – und stammen von eingewanderten Regisseuren.

Linda Söffker:"Diese große, innovative Filmsprache finden wir einfach nicht mehr. Vielleicht hat es auch was mit den Themen, die wir bearbeiten, zu tun, dass es einfach zu wenig aufregende, andersartige Filmästhetiken gibt, sodass internationale Filmfestivals an dem deutschen Film interessiert sind."

Linda Söffker, Sektionsleiterin der Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale. Seit ihrer Gründung 2002 versteht sich die Reihe als Schau des deutschen Filmemacher-Nachwuchses. Bahnbrechende Innovationen muss man von den Regie-Erstlingswerken nicht unbedingt erwarten, aber vielleicht erfrischende Blickwinkel und zeitgemäße Themen – und die gibt es dieses Jahr: Im Fokus ist ganz klar die Migration. Eine kraftvolle, in düsterem Schwarz-Weiß gedrehte Geschichte von Immigranten erzählt "Toro". Der gleichnamige Filmheld stammt aus Polen, ist ein boxender, harter Kerl, der gleichzeitig aber als Callboy arbeitet. Toro kümmert sich rührend um Victor, einen Junkie und Stricher, der ständig Ärger bekommt – und Schläge:

"Willst Du mir nicht sagen, wer das war?"

"Ich komm schon klar."

"Ach ja, wie denn? Hör zu, wenn Du Probleme hast, dann helfe ich Dir. Aber lüg mich nicht mehr an. Hey, wir beide gehen doch nach Polen, hä?"

Die harten Themen überwiegen in den jungen deutschen Filmen

Toro ist eine anziehend-zwiespältige Figur zwischen Brutalität und Empfindsamkeit. Für Regisseur Martin Hawie hat das Thema Migration auch autobiografische Züge.

Hawie: "Ich bin sehr interessiert an diesem Thema Migranten, weil ich auch selber Migrant bin. Und das hat mich auch immer geprägt, wie sehen auch die Leute aus, die nicht das Glück hatten wie ich. Und neben meiner Schule, der Kunsthochschule für Medien, gibt es so eine große Stricherszene. Ungefähr, habe ich irgendwo gelesen, gibt es mehr als 1000 Stricher in Köln, und 75 Prozent haben Migrationshintergrund. Und das hat mich interessiert, wie die leben, was für Träume die haben." 

Die harten Themen überwiegen in den jungen deutschen Filmen. Verspielt-ironische oder formbewusste Filme im Stil der Berliner Schule sucht man vergebens. Es herrscht Realismus - mit wenigen Ausnahmen wie Sebastian Hilgers "Wir sind die Flut", der sich bildgewaltig, aber erzählerisch misslungen an einer Kombination aus Science-Fiction und Liebesdrama versucht. In der Sektion "Forum" erzählt der Film "Deadweight" von einem tragischen Vorfall auf einem Frachtschiff. Minutiös dokumentiert Regisseur Axel Koenzen den Schiffsalltag und lässt Spielhandlung und Realität spannungsvoll gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Interessanterweise sind die sonst bei jungen Filmemachern sehr beliebten Familienthemen fast verschwunden – stattdessen ist Krisenbewusstsein zu spüren: 

Deutschland als Sehnsuchtsort der Emigration

Söffker: "Ist auf jeden Fall der Anspruch, eine Geschichte zu erzählen, die gesellschaftlich relevant ist, nicht nur im privaten Bereich und im sehr Persönlichen – warum ist mein Vater nicht da und wo finde ich die erste Liebe. Mag sein, dass er diesen Pfad verlässt, der Nachwuchs."

Von einer Welt, in der Deutschland als Sehnsuchtsort der Emigration gilt, erzählt eindrucksvoll der Dokumentarfilm "Valentina" von Maximilian Feldmann. Schauplatz ist das Romaviertel Shutka in der mazedonischen Hauptstadt Skopje, wo Feldmann eine Romafamilie im Alltag begleitet hat. Erzählerin des Films ist die aufgeweckte zehnjährige Tochter Valentina. Man erlebt eine Welt archaischer, schrecklicher Armut, aber auch eine tapfere Familie, die versucht, dem Elend zu trotzen. Dass der Film in schwarz-weiß gedreht ist, dient nicht einer Romantisierung, wie der Regisseur erklärt:

"Das ist uns dann auch aufgefallen – als wir die Aufnahmen… wir haben schon in Farbe gedreht, aber als wir die Aufnahmen dann immer in schwarz-weiß gesehen haben –, dass es totale Konzentration auf die Personen ermöglicht. Also man hat den Dreck nicht so gesehen, den Müll im Hof, man hat sich nicht so ablenken lassen von der Umgebung, sondern war wirklich bei den Menschen, vor allem bei Valentina und der Geschichte, die sie erzählt."  

Tatsächlich wirken die Familienmitglieder in ihrer Ausstrahlung manchmal fast wie Filmfiguren – der Vater spielte auch mal in einem Kusturica-Film mit. Aber nichts wird verklärt, die Mühsal des Bettelns, der Hunger und die dauernde Existenzgefahr sind bedrückend präsent. Gleichzeitig entstehen aber auch ganz intime, ehrliche Momente. Für Feldmann war klar, dass er mit der Filmarbeit auch Verantwortung übernimmt.

Ein relevantes Thema gefunden

"In dem Moment, in dem wir ein Porträt über eine Familie machen, wollen wir auch uns weiter engagieren oder auch eine Beziehung aufbauen, die dann nicht einfach vorbei ist, wenn wir wieder wegfahren. Und so ist auch eine ziemlich intensive Beziehung entstanden, die dann in eine Patenschaft gemündet ist. Inzwischen sind es fünf Besuche gewesen. Letzte Woche war ich das letzte Mal da."

Mit dem Thema Migration und Emigrationssehnsüchte hat der Filmnachwuchs ein relevantes Thema gefunden – und die spannendsten Spielfilme stammen interessanterweise von eingewanderten Regisseuren. Sieht man diesen Jahrgang, lässt das auf bessere Zeiten im deutschen Kino hoffen.

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