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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 22.06.2014

NachwuchsMutter, Co-Vater & Kind

Familiengründung auf freundschaftlicher Basis

Von Ute Zauft

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Eine stilisierte Familie mit Vater, Mutter und einem Kind ist auf einem Familienparkplatz am 03.06.2014 im Parkhaus eines neuen Einkaufszentrums im Zentrum von Leipzig (Sachsen) aufgemalt. (picture alliance / ZB / Jan Woitas)
Eine Familie auch außerhalb einer Partnerschaft zu gründen: Warum nicht? (picture alliance / ZB / Jan Woitas)

Zwei Menschen, die gemeinsam ein Kind zeugen, aber kein Liebespaar sind: Bei Kinderwunsch ohne passenden Partner kann man sich im Netz zusammen finden. Das ist mittlerweile nicht mehr unüblich - aber solche Familien stehen vor ganz eigenen Herausforderungen.

Christine: "Hast Du schon mal nach einem Kinderwagen geschaut?"
Gianni: "Hajo sagt, man braucht keinen, braucht nur ein Tuch."
Christine: "Ein Tragetuch? Nee, wenn Du einkaufen gehst, muss Du ja auch irgendwo Deine Sachen hinpacken."

Gianni und Christine stehen in der Küche von Christines Wohnung und diskutieren über Kinderwagen. Christine ist im siebten Monat, Gianni der Vater des noch ungeborenen Kindes. Glückliche Eltern also, die Nachwuchs erwarten - und doch ist etwas anders, denn Christine ist lesbisch und Gianni schwul. Die beiden sind kein Paar, sondern Freunde.

Sie einigen sich schließlich auf einen Kinderwagen. Gianni hätte gerne einen mit drei Rädern, denn mit denen soll man besonders gut Joggen gehen können.

Christine: "Das sind die, die man hinterher auch umbauen kann zu einem Buggy, oder?"
Gianni: "Genau. Aber das sind die teuren Dinger." [beide lachen]

Christine ist klein und energiegeladen. In Jeans und T-Shirt wirkt sie mit 31 Jahren jugendlich, strahlt aber gleichzeitig eine gewisse Gelassenheit aus, die sie als Chirurgin im O.P. auch braucht. Gianni – gebürtiger Italiener – ist 39 und Manager einer erfolgreichen Theatergruppe. Ihr gemeinsames Kind haben die beiden per Bechermethode gezeugt. Immer dann wenn Christine ihre fruchtbaren Tage hatte, haben sie sich zur Übergabe getroffen – im Becher: Giannis Samenprobe.

"Also den ersten Versuch haben wir ziemlich genau nach einem Jahr, nachdem wir uns kennengelernt hatten gestartet. Ende Dezember kennengelernt, und dann im Januar im darauffolgenden Jahr den ersten Versuch gemacht."

Christine wusste schon lange, dass sie eines Tages Kinder haben will. Irgendwann war dann der Moment da, an dem sie dachte: So, jetzt kann es losgehen! Zu diesem Zeitpunkt war sie noch mit ihrer damaligen Freundin zusammen, doch als lesbisches Paar hatten sie keinen freien Zugang zu Samenbanken. Und eigentlich suchten sie auch keinen Samenspender, sondern wollten einen Mann, der auch als Vater präsent ist.

"Im Freundeskreis gab es dann heterosexuelle Männer, die vielleicht sogar in Frage gekommen wären, aber die entweder selber schon eine Familie hatten oder eine Familie gründen wollten und ich hatte immer so das Gefühl, unser Kind wäre dann schon Nummer zwei bei diesem Mann. Und das wollte ich nicht, ich wollte dass das Kind auch seinen Vater hat für sich exklusiv. So, und dann kam eigentlich ziemlich schnell der Gedanke, gut, dann suchen wir uns einen homosexuellen Mann."

Online-Plattformen für Familiengründungen

Blieb nur noch die Frage, wie sie ihn finden sollten.

"Bei Aldi an der Kasse kann ich jetzt auch nicht sagen, Du siehst schwul aus, möchtest Du Vater werden, so das ist so ein bisschen schwierig."

Schließlich gründen Christine und ihre Freundin kurzerhand die Plattform "familyship“ – ein Internetforum für Familiengründung auf freundschaftlicher Basis. Darin ein Aufruf: Lesbisches Paar sucht aktiven Vater, zwei Fotos, fertig. Gianni ist einer der ersten, der sich meldet. Das erste Treffen findet in einem Café statt. Sie sind sich auf Anhieb sympathisch. Gleichzeitig wollen sie nichts überstürzen, vereinbaren deshalb, sich erst mal ein Jahr lang in Ruhe kennenzulernen.

Gianni hat für heute Abend Freunde zum Grillen eingeladen. Viel Zeit bleibt nicht mehr, die Spülmaschine ist noch nicht ausgeräumt, der Grill auf dem Balkon noch nicht an, doch Gianni macht sich erst einmal in aller Ruhe an den Salat. Als er sich mit Anfang 20 outet, ist da immer der Gedanke: Oh nein, das bedeutet, dass ich keine Kinder haben werde. Auch bei ihm ist der Kinderwunsch schon lange da, aber erst als er Christine trifft, erzählt er, hat er das Gefühl: das passt! In dem Jahr, in dem sie sich näher kennenlernen, entwickeln ihre Treffen ein bestimmtes Muster.

"Wir haben so die erste Hälfte des Abends über uns geredet, also Affäre, Liebesgeschichte, das normale Kennenlernprozess. Aber dann, die zweite Hälfte haben wir immer über unsere Vorstellung von einer Familie, passen wir überhaupt von unseren Vorstellungen von einer Familie, wie wir das Kind erziehen möchten und so weiter und sofort. Wir haben uns ich glaube über nichts gestritten."

Christine nickt zustimmend, klemmt sich die kinnlangen blonden Haare hinters Ohr und packt das mitgebrachte Gemüse aus. Beide finden, dass bei ihnen schnell Dinge zur Sprache gekommen sind, die manche Liebespaare auch schon mal verdrängen. So ist es ihr zum Beispiel sehr wichtig, dass sie sich mit dem zukünftigen Vater ihres Kindes auf der Vernunftsebene gut versteht, beide ähnlich ticken.

"Es musste möglich sein, sich auf Augenhöhe mit denjenigen zu unterhalten, es mussten gewisse Wertvorstellungen irgendwie zusammenpassen. Weil ich glaube, es ist einfach super-schwierig, wenn einer, ach Gott, was sag ich jetzt, CDU-Anhänger ist und der andere sagt, ich favorisiere aber die Linke. Ich glaube, das passt dann einfach im Alltag nicht zusammen. Was soll ich meinem Kind da vermitteln."

"Christine, kannst Du mir helfen?"

Gianni muss jetzt noch die alte Kohle aus dem Grill holen. Christine hält die Tüte, Gianni kippt die  Grillschale. Als eine Aschewolke aufsteigt, schickt er sie schnell zurück in die Wohnung. Er möchte nicht, dass sie das in ihrem Zustand einatmet.

Gianni lädt oft Freunde zu sich zum Essen ein. Wenn nicht gegrillt wird, kocht er am liebsten die alten Rezepte seiner Großmutter.

"Das ist super wichtig für einen Italiener, also Gesellschaft und das war auch eine wichtige Teil von Vorgespräche mit Christine. Für mich es ist unheimlich wichtig, dass ich - und mein Kind auch - also viele Leute um sich haben."

Christine ist ja eher so der nordische Typ, sagt er und lacht. Deswegen ist es für ihn wichtig gewesen, dass auch sie gerne Menschen um sich hat. Die beiden wollen bald umziehen: In zwei nebeneinander liegende Wohnungen, die sie per Durchbruch verbinden können. Die Küche wird dann der Familienraum, gleichzeitig kann sich jeder bei Bedarf zurückziehen.

Bei Erziehungsfragen in die Haar kriegen

Jetzt aber ist Gianni Gastgeber und als solcher voll in seinem Element. Er steht am Grill, verteilt Fleisch und gegrillten Käse. Neben ihm steht Sebastien, einer seiner besten Freunde. Er war der erste, dem er Christine vorgestellt hat. Da hatten Gianni und Sebastien schon oft über das Thema Kinderkriegen gesprochen. Was zum Beispiel ist, wenn Vater und Mutter sich bei ganz alltäglichen Erziehungsfragen in die Haare kriegen: Soll das Kind abends alleine einschlafen? Muss es später essen, was auf den Tisch kommt, oder darf es nur das essen, was es mag? Auf welche Schule soll es gehen? Und. Und. Und. Sebastien glaubt – die beiden wuppen das.

"Na, ich denke, dass es ist vielleicht leichter - aber ich habe gar keine Ahnung, das ist nur meine Meinung - dass in eine traditionelle Familie, man hat die Neigung, leichter Kompromisse zu machen. Aber ich glaube, dass in manchen Sachen verstehen sie sich ziemlich gut und deswegen sie werden ein gutes Gleichgewicht finden, und das wird gut klappen, auf jeden Fall, und das Kind wird viele Onkel und Tanten haben."

Christine sitzt mit einer Freundin und einem alkoholfreien Bier auf dem Sofa. Auch ihre Freunde wissen natürlich von der ungewöhnlichen Konstellation – und: finden es vor allem spannend. Wenn es Bedenken gibt, dann deswegen, weil sich die beiden noch nicht so lange kennen.

"Aber dann sagen sie auch, auch gerade befreundete Paare, unsere Situation ist vielleicht ein bisschen entspannter, weil eben unsere Beziehung nicht so emotional beladen ist. Weil es eben keine Partnerschaft ist, und wir vielleicht auch mehr Freiräume jeder für sich hat."

Christine und Gianni haben sich ihren Schritt gut überlegt, wirken ruhig und besonnen. Gleichzeitig wissen sie, dass sie mit ihrem Familienmodell noch ganz am Anfang stehen – und sich bei aller Rationalität das Großziehen von Kindern natürlich nicht bis ins letzte Detail planen lässt. Die wirklichen Stresssituationen, die kommen erst noch.

"Ich hoffe, dass wir besonnen reagieren und so vernünftig sind, dass wir uns immer wieder beruhigen können sozusagen und eine gute Ebene finden. Das glaube ich auch, da gehe ich fest von aus, sonst hätte ich es auch nicht gemacht. Aber klar, die Angst besteht natürlich schon. Das hat wahrscheinlich jeder, egal aus welcher Konstellation."

Regenbogenfamilien wie Gianni und Christine machen es vor: Zwei Menschen, die sich gemeinsam um Kinder kümmern, müssen heutzutage kein Liebespaar sein. Doch auch heterosexuelle Frauen und Männer haben das Modell der Co-Elternschaft für sich entdeckt. In den USA gibt es mittlerweile mehrere Online-Portale, auf denen auffallend viele Frauen inserieren, die ihre Familienplanung unabhängig von einem Partner machen wollen. Genauso gibt es aber auch Männer, die auf der Suche nach einer Mutter für ihr zukünftiges Kind sind.

So wie Peter. In seinem Profil auf einem der Internetportale hat er seine Eckdaten eingetragen: braune Haare, grüne Augen, Jahresverdienst zwischen 35 und 55.000 Euro. Peter sitzt in der Küche seiner Altbauwohnung am anderen Ende von Berlin und scrollt auf seinem Tablet zu seiner Anzeige.

"Also hier schreibe ich jetzt über mich: Ich bin in einer glücklichen Partnerschaft mit einer kinderlieben Frau, 53, die schon erwachsene Kinder hat. Sie würde sich mit mir über Kinder in meinem Leben freuen und mich als Vater und womöglich Stiefvater unterstützen. Meine Selbstständigkeit gibt mir sehr viel Freiraum. Ich bin ein ausgeglichener liebevoller Mann mit warmem Herz und scharfem Verstand, der den Kontakt in sich zum Kind behalten hat. Ich möchte mit der Mutter meines Kindes einen liebevollen Umgang haben, den unser Kind spüren wird, sehr gern darf unser Kind auch schon Geschwister haben, ich freue mich über Zuschriften."

Als Peter zum ersten Mal ernsthaft über Kinder nachdachte, war er in den Zwanzigern. Er und seine damalige Freundin saßen gerade an ihren Doktorarbeiten und verschoben das Kinderkriegen auf die Zeit danach. Doch als es dann soweit war, hatten sie sich bereits getrennt. Mit einer späteren Freundin erwartete er zwei Mal ein Kind, doch beide Male hatte sie eine Fehlgeburt.

51 Jahre, und der Kinderwunsch ist immer noch da

Inzwischen ist Peter 51, aber der Kinderwunsch noch immer da. Er hat einige Frauen in dem Portal angeschrieben, und scrollt jetzt zu einer Antwort, die ihm tatsächlich Hoffnung macht. Ja, es könnte passen, schreibt da eine Yvonne.

"Ich bin in einer ähnlichen Situation wie Du, ich habe einen Partner, der sich zu alt für Kinder fühlt, er ist nicht ganz so begeistert von meiner Idee der Co-Elternschaft, aber er weiß, was ich hier treibe, ich denke, wir gucken, wie weit wir gehen können. Vielleicht hält unsere Beziehung das aus, wenn ich ein Kind mit einem anderen Mann habe, vielleicht nicht, das würde ich in Kauf nehmen. Ich stelle mir die Co-Elternschaft so vor, als hätte ich ein Kind mit einem Ex-Partner, mit dem ich mich natürlich gut verstehe, mir ist wichtig, das steht ja schon im Profil, dass beide die gleiche Verantwortung haben und auch mal füreinander einspringen."

Peter ist selbstständig, arbeitet erfolgreich im IT-Bereich und genießt seine freie Zeiteinteilung. Sein Schreibtisch steht im Wohnzimmer gleich unter dem Fenster, im Regal daneben ein Foto seiner Freundin, weiter hinten ein Bild seiner Eltern. Er selbst hat vier Geschwister.

Ein großer schwarzer Flügel füllt die zweite Hälfte des Raums. Klavierspielen bedeutet für den Informatiker vor allem Entspannung. Etwas, was er gern auch an sein Kind weitergeben würde.

"Was mir auch wichtig ist, dass man viel raus geht und dass das Kind auch eine Chance hat, ein bisschen was anderes kennenzulernen als nur die Stadt. Das habe ich als Kind eigentlich auch A bis Z gehabt. Ich bin auf einem Gutshof aufgewachsen, wo wir ganz viel Land um uns rum hatten, Wald und Wiesen und Äcker, und ich war völlig frei, mich da zu bewegen. Und ja, ich fände ich  schon schön wenn das Kind das auch zumindest kennenlernen kann. Wenn wir jetzt in der Stadt leben, wird das nicht jeden Tag sein, aber vielleicht ab und zu."

Über das Internet funktioniert die Suche nach einem Co-Elternteil ähnlich wie Online-Dating: Die Suchenden erstellen ein Profil, knüpfen erste Kontakte und treffen sich dann im realen Leben. Lesbische und schwule Paare nutzen die Portale für die Gründung von Regenbogenfamilien, aber eben auch heterosexuelle Frauen und Männern wie Peter. Unumstritten ist dieses Familienmodell nicht. Und diejenigen, die diesen Partnerschafts-Konstruktionen skeptisch gegenüber stehen, fürchten, dass sie besonders anfällig seien, zu zerbrechen. Für die Kinder sei aber emotionale Verlässlichkeit wichtig. Auch Peters Partnerin hatte Bedenken, als sie das erste Mal von dem Modell hörte. Und sicher spielte da auch Eifersucht mit.

"Das war erst einmal befremdlich für sie, nach dem Motto, das Kind hat es erstens auch verdient, dass die Eltern sich gegenseitig auch lieben und dann habe ich gesagt, gut es stimmt, im Prinzip wünsche ich mir auch, dass das Kind aus einer liebevollen Verbindung hervorgeht. Aber wie so eine liebevolle Verbindung aussehen muss, damit es für mich stimmt, da gibt es einen weiteren Spielraum, also es muss keine absolute Liebesbeziehung, Verliebtheit sein, sondern es kann eine liebevolle freundschaftliche Ebene sein, die auch für das Kind schön sein kann."

Ratgeber für Regenbogenfamilien – wie das Regenbogenfamilienzentrum in Berlin - betonen tatsächlich, wie wichtig es ist, dass die Eltern sich mit Liebe, Wertschätzung und Sympathie begegnen, selbst wenn ihre Beziehung rein platonisch ist. Das bedeutet aber auch, dass die Suche nach einem Co-Elternteil nicht unbedingt einfacher ist, als nach einem Liebespartner.

Gemeinsames Sorgerecht angestrebt

Rechtlich gesehen strebt Peter ein gemeinsames Sorgerecht an, wie es bei verheirateten Paaren automatisch gilt. Das bedeutet, dass beide die gleiche Verantwortung tragen und alle wichtigen Entscheidungen im Leben eines Kindes gemeinsam treffen müssen.

"Also ich möchte auch wenn es schwierig ist außer der Reihen da sein können und nicht nur nach Plan, so jetzt habe ich meine drei Tage und bin erst wieder ab Donnerstag Vater, und die anderen Tage habe ich damit nichts zu tun. So möchte ich das nicht, also ich finde wir können so viel Verantwortung übernehmen, dass im Prinzip jeder auch allein alles übernehmen könnte, also das ist eigentlich meine Vorstellung, wenn ich überhaupt Vater werde. Muss ich ja auch bereit sein, es notfalls auch alleine zu machen."

Das erste Treffen mit Yvonne, die auf seine Anzeige geantwortet hatte, ist gut gelaufen. Jetzt hat die potenzielle Co-Mutter versprochen, sich wieder zu melden.

Fast ein halbes Jahr später: große Baby-Freude bei Gianni und Christine: Ihre Eltern sind zu Besuch, und Gianni hält ganz entspannt seine Tochter auf dem Arm – ihre schwarzen Haare hat die kleine Milla ganz offensichtlich von ihrem Vater geerbt. Zur Geburt hatte er es gerade noch rechtzeitig in den Kreißsaal geschafft. Ein erster Stresstest - denn Milla kam zwei Monate zu früh.

"Wir waren vier Wochen im Krankenhaus, natürlich konnte ich nicht die ganze Zeit da bleiben, aber ich bin die erste Woche da geblieben und ich habe sozusagen im Krankenhaus mit Christine übernachtet wir hatten zwei getrennte Betten, die Krankenschwester wollte sie immer wieder zusammenlegen und wir haben gesagt, ne ne, das geht so."

Auch die erste Zeit nach dem Krankenhaus hatte Gianni eine Matratze bei Christine. Nachts hat Milla bei ihr im Bett geschlafen, morgens war er dann gleich zur Stelle, und sie konnte sich nach einer unruhigen Nacht noch einmal hinlegen. Eigentlich wollten sie ja zeitgleich in zwei Nachbarwohnungen ziehen, doch eine der Wohnungen ist noch nicht frei. Jetzt ist erst mal Christine umgezogen, und Gianni hat für den Übergang zwei Zimmer zur Zwischenmiete ganz in der Nähe gefunden.

"In Zukunft soll es ja so sein, dass Milla in den Kindergarten soll, so ab Herbst wahrscheinlich, weil ich dann wieder arbeiten muss. Weil ich sehr früh anfange, wird Gianni die Kleine zum Kindergarten  bringen, so dass es ganz gut ist, wenn er morgens da ist und jetzt schon die Routine mit ihr morgens macht. Umziehen, Schlafanzug aus, Tageskleidung an, Windelwechseln usw. und ein Stündchen mit ihr verbringt, so das sie einfach weiß, morgens kommt Papa und dann ist der für mich da."

Milla ist ein entspanntes, gut gelauntes Baby, wandert von Gianni in die Arme des stolzen Großvaters. Erst als sie leise zu quaken anfängt, reicht der sie seiner Tochter zum Stillen. Nach einem Jahr Elternzeit will Christine in ihren Job im Krankenhaus zurückkehren, spätestens dann müssen die beiden ihren Alltag gut organisieren. Christine arbeitet als Chirurgin im Schichtdienst, Gianni ist als selbstständiger Theatermanager zwar flexibler, muss mit seinem Ensemble aber regelmäßig auf Tournee.

Christine: "Ich war auch so ein braves Baby, aber nur bis 13, dann ging es los."

Gianni: "Wenn sie mit 15 zu mir kommt und sagt, Papa ich mache Weltreise. Ich gebe ihr Geld und viel Spaß."

Christine: "Mit 15???"

Gianni: "Ja gut, Du bist die Böse."

Sie: die strenge Mutter, er: der großmütige Vater. Die beiden machen oft Witze über ihre Rollenverteilung. Tatsächlich hat Gianni einen gewissen Hang zum geordneten Chaos, während Christine bodenständiger und überlegter wirkt. Die beiden haben das gemeinsame Sorgerecht, müssen sich am Ende also in den entscheidenden Fragen einig sein.

Der Opa hat Bedenken

Christines Eltern müssen los, sie hatten ihr beim Auspacken der Umzugskisten geholfen. Die Mutter wäscht noch schnell das Geschirr ab. Anfangs hatten sie und ihr Mann schon Bedenken, erzählt sie zurückhaltend. Beruhigt habe sie dann, die beiden gemeinsam in Aktion zu sehen.

"Wie sie die Zukunft aufbauen und sich Gedanken gemacht haben und das können wir nachvollziehen. Ja, mit den gemeinsamen Wohnungen, die Ziele wie sie das gemeinsam lösen wollen und auch gemeinsamer Urlaub und sich abwechseln oder die Zukunft gestalten mit dem Kita-Platz und auch dass wir Kontakt zu den anderen Großeltern haben und uns gut verstehen und uns kennengelernt haben. Wir denken, dass wird sich positiv entwickeln."

Die Großeltern verabschieden sich. Weihnachten haben beide Familien gemeinsam gefeiert, auch Giannis Eltern sind natürlich hin und weg von ihrem ersten Enkelkind – auch weil sie bei ihrem schwulen Sohn gar nicht damit gerechnet haben.

Vor zwei Wochen dann haben Christine und Milla Gianni auf einer Tournee durch Italien begleitet und dabei zahlreiche Verwandte und Freunde von Gianni besucht. Dabei haben beide immer wieder gemerkt, dass sie auf andere wie eine ganz klassische Familie wirken. Genau wie hier, zu Hause, in Berlin. Zum Beispiel gestern, als Christine zufällig eine Nachbarin im Restaurant getroffen hat.

"Und die meinte dann, ja und Dein Mann zieht dann auch mit ein und dann habe ich gesagt: Der Vater von meiner Tochter, nee, dann irgendwie nebenan. Ach so, bisschen irritierte Blicke und ich wollte eigentlich in der Situation das Ganze dann nicht erklären, habe ich auch nicht gemacht, aber das blieb so ein bisschen als Irritation im Raum stehen. Da muss ich mir noch was überlegen, wie ich damit besser umgehe. Das ist für mich  selber noch so ein bisschen oh, was sage ich jetzt überhaupt."

Diese Diskrepanz zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung, die spüren beide. Und auch wenn sie ihrer Umgebung keine Rechenschaft schuldig sind, ist da immer wieder der Impuls, das Missverständnis aufzuklären. Wichtig dabei ist ihnen, dass Milla nicht den Eindruck bekommt, sie schämten sich für ihre Konstellation. Doch ihrer Tochter eines Tages die Lage zu erklären, darin sehen sie das geringste Problem.

"Mama und Papa sind gute Freunden und sie wollten ein Kind haben, sie wollten Dich haben und wir haben Dich gehabt, wir haben Dich ganz lieb und Punkt. Also ich glaube, dass natürlich sie wird Probleme haben, in der Schule oder, aber ich glaube das Ding ist, schwule Eltern sind – glaube ich und ich hoffe – sehr gut mit Lösungen von Konflikten. Weil in unserer ganzen Existenz mussten wir viele von diesen Konflikte auf unserer Haut erleben. Und deswegen ich glaube, dass wir können sehr gut unserer Tochter mitteilen, dass unsere Familie ist gut so und falls jemand anderes damit Probleme hat, haben sie Probleme und nicht sie."

"Es gibt einige, die wissen, dass ich mir noch ein Kind wünsche und es gibt einige, denen ich jetzt schon mal erzählt hab, dass ich jetzt eine Co-Elternschaft mir auch vorstellen kann. Aber ich habe jetzt keine gefragt, ja, wie könntest Du Dir das mit mir vorstellen oder. Wenn man mit jemandem tanzt, dann so eine Frage, ich glaube, das würden die denken, hey hast Du sie nicht mehr alle."

Die Autorin Ute Zauft. (Ute Zauft (privat))Die Autorin Ute Zauft. (Ute Zauft (privat))

Peter entspannt sich am besten beim Tanzen. Beim Tango. Das Parkett in der Berliner Fabriketage ist gut gefüllt: Die Frauen tragen Tanzschuhe mit Riemchen und  sanft schwingende Kleider. Eine Aufforderung, ein Nicken, versunkenes Tanzen - jetzt geht es vor allem um die Leidenschaft zum Tango, und doch hat Peter auch hier schon über das Thema gesprochen, das ihn umtreibt.

Er fordert eine Frau auf, die mit ihren Freundinnen am Rand der Tanzfläche steht. Er wirkt nicht draufgängerisch, eher zurückhaltend, aber ohne Scheu. Wenn eine Frau nicht mit ihm tanzen will, ist es ihm lieber, sie sagt das direkt. Er tanzt drei Runden, lässt sich dann auf ein Sofa fallen. Vor ein paar Tagen, erzählt er,  hat er die potenzielle Co-Mutter noch einmal angeschrieben.

"Wie sieht´s aus, wollen wir uns bald wieder treffen und meine Partnerin und ich freuen uns schon drauf, Dich wieder zu sehen und dann hat sie einen Tag später geschrieben. Nee, ich glaube es passt nicht. Und alles Gute. Warum, konnte sie selbst nicht sagen. Ich habe extra noch einmal nachgefragt. Sie hat dann beim zweiten Mal auch nur geschrieben. Nee, eigentlich kann ich nicht mehr dazu sagen, passt einfach nicht."

Peter ist enttäuscht, vor allem weil er dieses Mal ein wirklich gutes Gefühl hatte. Die Absage empfindet er auch als eine Zurückweisung.

"Ich meine gut, muss ich jetzt nicht groß was draus machen, ist halt ein Mensch, der sagt, nee mit dem möchte ich das nicht. Mit jemanden ein Kind zu wollen ist ja auch schon was Besonderes, kann man ja nicht von jedem erwarten, der einen mal eben kennenlernt. Insofern nehme ich das jetzt nicht groß persönlich, aber ist halt schade, weil von mir aus hätte es passen können und von meiner Partnerin her auch."

Über ein anderes Portal ist er wieder mit drei Frauen in Kontakt, zwei davon hat er schon getroffen, vor allem bei der dritten ist er zuversichtlich: Sie ist 37, hat schon einen Sohn und wünscht sich ein weiteres Kind.

Spätestens mit 55 will Peter mit seiner Suche aufhören. "Ich will nicht, dass ich 70 bin, und mein Kind kommt in die Pubertät“, sagt er. Die Chance, in den nächsten vier Jahren noch die richtige Frau zu finden – die hält er für genauso groß wie für einen Vierer oder einen Fünfer im Lotto.

"Es wirklich mit Leidenschaft versucht zu haben und alles darauf ankommen lassen zu haben, das wäre mir schon wichtig. Einen Wunsch gar nicht versuchen umzusetzen, dann würde ich es wahrscheinlich bereuen. Deswegen gebe ich dem eine gute Chance."

Mehr zum Thema:

Sachbuch - Selbstbewusste Familiengründer (Deutschlandradio Kultur, KRITIK, 01.04.2014)
Anerkennung der vielfältigen Familienwirklichkeit ist zwingend (Deutschlandradio Kultur, POLITISCHES FEUILLETON, 24.07.2013)

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