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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.02.2021

Nachwenderoman von Björn StephanHinter der Tristesse verbirgt sich eine Buntheit

Björn Stephan im Gespräch mit Andrea Gerk

Ein junger Mann mit dichtem, kurzen Haar. Er hat das Haar wie James Dean nach hinten aus dem Gesicht gekämmt und posiert mit ausdrucksloser Miene vor einer Wand. Die Wand ist mit einem gold schimmernden Metall beschlagen. Der Mann trägt über einem offenen schwarzen Hemd einen dunklen Blouson. (Mario Wezel / Galiani)
Der Schriftsteller Björn Stephan sagt: "Zum Stoff kam ich, indem ich mich meiner Herkunft, mit Ostdeutschland auseinandergesetzt habe." (Mario Wezel / Galiani)

Es sei der Reiz der Literatur, Geschichten zu erfinden, die andere dann zu ihrer Geschichte machen, sagt der Schriftsteller Björn Stephan. Sein Debüt "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" verarbeitet die 90er-Jahre in Ostdeutschland.

"Ich hatte Lust, eine neue Form des Schreibens auszuprobieren. Nicht nur zu schreiben, was ist, sondern auch, was sein könnte. Was meine Figuren fühlen, denken, was sie sich erhoffen, woran sie sich erinnern, wovon sie träumen."

Das sagt Björn Stephan, aufgewachsen in den 90er-Jahren in Schwerin. Heute arbeitet er als Reporter für die "Zeit" oder das "SZ-Magazin" und lebt in München.

Sein erster Roman "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" (erschienen bei Galiani) spielt im fiktiven Klein Krebslow in einer Plattenbausiedlung im Sommer des Jahres 1994 – die Protagonisten sind Teenager, talentiert und voller Träume.

Zu wenige Geschichten aus der Nachwendezeit

"Zum Stoff kam ich, indem ich mich meiner Herkunft, mit Ostdeutschland, auseinandergesetzt habe. Und dann hatte ich plötzlich diesen Ton von dem Sascha Labude im Ohr", sagt Stephan.

Sascha Labude ist 13 Jahre alt und kann, wie er meint, erst seit einigen Monaten klar denken. Sein Leben ist relativ ereignislos, sofern man außer Acht lässt, dass das alte Land – wie es im Roman heißt – untergegangen und Saschas Vater verstummt ist, und dass die Pawelkes, die scheußlichsten Schläger der Siedlung, im selben Aufgang wohnen wie er. Sein bester Freund spielt Klavier und verehrt Elton John. Und dann gibt es noch Juri, ein Mädchen, das alles über den Weltraum weiß.

"Ich wollte mich mit der Nachwendezeit beschäftigen, weil ich das Gefühl habe, es gibt immer noch zu wenige Geschichten, die von dieser Zeit erzählen", sagt Björn Stephan.

Biografien verbinden das "Davor" und das "Danach"

Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriere sich auf den Mauerfall, auf die Zäsur, auf das Davor und Danach. "Davor ein ausgelaugtes und erschöpftes Land und danach der direkte Weg zur Einheit. Aber was dieses Davor und Danach verbindet, sind ja die Menschen, ihre Biografien."

Somit ist "Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau" auch ein Roman, der sich bewusst diesem "Abziehbild" der ostdeutschen Tristesse widersetzt, meint Stephan. Er zeige in seinem Debüt, dass sich hinter dieser Tristesse auch eine Buntheit verbirgt "und dass das eine Welt sein kann, die voller Zauber, voller Spannung ist".

(huc)

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