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Zeitfragen | Beitrag vom 08.07.2020

Nachwendekinder West und die EinheitIst deutsch vor allem westdeutsch?

Magdalena Neubig im Gespräch mit Lydia Heller 

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Markierung der Trennlinie zwischen Ost und West auf der Glienicker Brücke, die Berlin mit Brandenburg und deren Landeshauptstadt Potsdam verbindet. (imago images / Stefan Zeitz)
Trennlinie zwischen ehemals Ost und West: Der Narrativ, "die hatten Glück, jetzt sind sie auch BRD", müsse überwunden werden, sagt Magdalena Neubig. (imago images / Stefan Zeitz)

"Ich bin ein ganz spezielles Nachwendekind West", sagt Magdalena Neubig. Die Journalistin kam als Kind westdeutscher Eltern nach der Wiedervereinigung in Thüringen zur Welt – und kennt Vorurteile und Zuschreibungen aus dieser doppelten Perspektive.

Lydia Heller: Genau 30 Jahre ist er jetzt her, der Sommer 1990, eine Zeit, in der die Menschen im Osten Deutschlands in einer Art Niemandsland gelebt haben. Die Mauer war gefallen, seit dem 1. Juli wurde schon mit D-Mark bezahlt, die erste frei gewählte DDR-Regierung arbeitete in Richtung Deutsche Einheit. Es liegt auf der Hand, dass diese Zeit alle Menschen, die sie miterlebt haben, stark geprägt hat. Aber sie hat auch die Generation geprägt, die DDR und Wendejahre nicht miterlebt haben: die nach 1989 Geborenen, die sogenannte Nachwende-Generation.

Dass es so eine Prägung gibt, darauf haben in den letzten Monaten vor allem Kinder aus dem Osten aufmerksam gemacht, also Kinder von Eltern, die in der DDR sozialisiert wurden. Aber es gibt auch die "Nachwendekinder West", also Kinder von Eltern, die in der Bundesrepublik sozialisiert wurden. Und die haben nochmal einen ganz eigenen Blick auf Ost und West. Magdalena Neubig zum Beispiel hier bei uns in den Zeitfragen.

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Magdalena, vielleicht erzählen Sie zunächst mal ganz kurz: Was macht Sie denn zu einem "Nachwendekind West"?

Magdalena Neubig: Ich bin ein ganz spezielles Nachwendekind West, weil meine Eltern aus dem Westen stammten, aber nach der Wende direkt in die ehemalige DDR gezogen sind. Und ich wurde als erstes Kind der Familie in Thüringen geboren.

Heller: Spielte die DDR in Ihrer Familie eine Rolle?

Neubig: Ich hatte nie so diese Ost-West-Teilung, weil ich natürlich in Thüringen aufgewachsen bin, zur Schule gegangen bin, aber dann meine Verwandten in Franken bzw. in Hessen besucht habe. In den Sommerferien zum Beispiel. Und als ich dann aber angefangen habe, in Tübingen zu studieren, da habe ich gemerkt, dass die Leute quasi anders hingehört haben, wenn ich gesagt habe, dass ich aus Erfurt komme und aus dem ehemaligen Osten. Das war ganz eindeutig irgendwie was anderes als aus Schleswig-Holstein zu kommen. Und tendenziell negativ besetzt war es auch.

"Viele wussten einfach nichts über den Osten"

Heller: Was gab es denn da für Nachfragen oder Zuschreibungen, die Ihnen da das erste Mal bewusst geworden sind?

Neubig: Grundsätzlich ist mir aufgefallen, dass immer erwartet wurde, wenn ich aus dem Osten bin, dann rede ich Sächsisch und die Leute waren eher positiv überrascht, dass ich Hochdeutsch spreche und keinen komischen Akzent habe.

Darüber hinaus war es aber auch so, dass viele einfach nichts wussten über den Osten und mir oft gesagt wurde: Ach, ihr habt es auch nicht mehr weit bis zur Ostsee und ich dachte dann immer: Oh, das ist aber doch noch fast acht Stunden Fahrt, Thüringen ist Mitteldeutschland! Oder dass die Leute auch gar nicht wussten, wo Erfurt liegt und dass das die thüringische Landeshauptstadt ist.

Heller: Es gab viel Unwissenheit und negative Zuschreibungen. Inwiefern hat das denn Ihren eigenen Blick dann noch einmal verändert auf Ihre Herkunftsregion?

Neubig: Für mich war es so, dass ich über diese Diskrepanz erstaunt war, weil ich Erfurt immer als wunderschöne Stadt wahrgenommen habe und mir all diese negativen Zuschreibungen komisch vorkamen. Und ich hatte dann das Gefühl, ich muss das ein bisschen verteidigen und sagen: Nein, das lohnt sich da hinzufahren, Erfurt ist eine wunderschöne Stadt, sehr lebenswert.

Und ich habe gemerkt, dass mich das in diese Situation bringt, dass ich den Osten verteidigen will. Nach außen hin.

"So schwarz-weiß ist das nicht"

Heller: Würden Sie sagen, das ist irgendwie ein Teil ostdeutscher Identität: Das Gefühl zu haben, dass man seine Heimat verteidigen muss?

Neubig: Ich glaube schon, dass das mit reinspielt. Ich kann jetzt aus meiner Sicht schon mehr nachvollziehen, wie sich ehemalige DDR-Bürger fühlen müssen, einfach weil: Wo auch immer man hinkommt, wenn man sagt, woher man kommt, dann ruft das erstmal negative Assoziationen hervor.

Und dann hat man das Bedürfnis zu sagen: So schwarz-weiß ist das nicht. Kommt doch lieber mal her und schaut euch das an. Ich glaube schon, dass das wirklich ein Teil des Ostdeutschseins auch ist.

Heller: Wenn wir sozusagen jetzt nochmal zusammen mit Ihnen zur Schule gehen: Sie sind ja in Thüringen aufgewachsen, zur Schule gegangen mit Mitschülern, die Eltern haben, die aus der DDR kommen oder kamen. In welcher Hinsicht – würden Sie sagen – haben Sie sich von den Mitschülern unterschieden?

Neubig: Ich habe definitiv ganz andere Erfahrungen gemacht als Kinder, deren Eltern in der DDR gelebt haben. Weil ich diese DDR-Geschichte eben nicht aus meinem eigenen familiären Kontext kenne, sondern wirklich eher von Nachbarn, Bekannten, von Freunden. Und dieses Gefühl noch mal spezifischer, seine Familie in Schutz nehmen zu wollen zum Beispiel, das hatte ich natürlich nicht.

Aber ich habe das auf jeden Fall auch bei Freundinnen und Freunden von mir gemerkt. Ich habe auch erst vor wenigen Tagen mit einer Freundin gesprochen, deren Großvater zu DDR-Zeiten Professor war und der quasi sofort seine Stelle verloren hat zur Wende, ohne dass auch irgendwie geprüft wurde, ob er zum Beispiel mit der Stasi verbandelt war oder nicht.

"Meine Eltern waren einfach nur die Westdeutschen"

Da merke ich natürlich immer, wenn ich diese Geschichten höre, dass es für sie in dem Fall natürlich eine besondere Form von Kränkung ist – ihrem Großvater ist Unrecht widerfahren. Da gibt es eine stärkere Identifikation damit. Und das hatte ich natürlich nicht, dass ich diese Verteidigungsposition auch noch auf meine eigene Familie hätte beziehen müssen. Weil meine Eltern natürlich solche Vorwürfe nicht erfahren haben, sondern einfach nur die Westdeutschen waren, die damit nichts zu tun hatten, aber jetzt eben im Osten wohnen.

Heller: Stichwort Identitätsbildung als Reaktion auf ungeprüfte Vorannahmen: Naika Foroutan, die Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, hat im letzten Jahr in einer Studie untersucht, ob es Parallelen gibt in Bezug auf die Vorurteile über Ostdeutsche und die Vorurteile über muslimische Migrantinnen.

Naika Foroutans Fazit: "Wir waren überrascht zu erkennen, dass bei knapp 40 Prozent der Westdeutschen diese Stereotype relativ handfest vorhanden waren: Dass Ostdeutsche sich grundsätzlich als Opfer sehen, sie würden sich nicht vom Extremismus distanzieren oder auch nicht im heutigen Deutschland angekommen sein. Und fast analoge Positionen haben wir gefunden als Vorwurf gegenüber Muslimen."

"Gemerkt, dass ich eine Art Migrationshintergrund habe"

Heller: Natürlich betont sie hier, dass man schon nochmal genau hinsehen muss: Haben wir es jetzt mit antimuslimischem Rassismus zu tun oder wird jemand wegen seines sächsischen Dialekts belächelt? Aber trotzdem: Können Sie mit diesem Befund etwas anfangen: Ostdeutsch sein ist so ähnlich wie einen Migrationshintergrund haben?

Neubig: Ich persönlich muss sagen, ich habe schon gemerkt, dass ich so eine Art Migrationshintergrund habe. Aber ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich persönlich deshalb benachteiligt werde oder dass Menschen mich anders behandeln. Ich habe das häufig erlebt, dass Leute am Anfang dumme Witze machen über meine Herkunft.

Aber ich hatte noch nie das Gefühl, deshalb bekomme ich den Job nicht oder es folgt daraus irgendeine Benachteiligung. Das habe ich noch nicht festgestellt. Ich glaube aber, dass das für ältere Generationen, die zu DDR-Zeiten schon im Osten gelebt haben, wirklich der Fall ist. Gerade dieses: "Er ist im heutigen Deutschland noch nicht angekommen, er geht nicht mit der Zeit." Das ist schon ein sehr ausgeprägtes Vorurteil, was aber eher älteren Menschen im Osten entgegengebracht wird.

Aber auch was junge Menschen betrifft, bestehen diese Vorurteile noch fort. Das habe ich ja auch mitbekommen, dass man in Westdeutschland so sozialisiert wird, dass man eben einen dummen Ossi-Witz macht, zum Beispiel, wenn einem jemand aus dem Osten über den Weg läuft.

Heller: Westdeutsche Jugendliche finden aber auch in viel geringerem Ausmaß als ihre ostdeutschen Altersgenossen, dass ihre Herkunft eine Rolle spielt. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Und westdeutsche Jugendliche bezeichnen sich auch eher als deutsch statt westdeutsch.

Und das war noch ein anderes interessantes Ergebnis der Studie von Naika Foroutan:

"Während wir bei den Ostdeutschen ungefähr 30 Prozent festhalten konnten, für die die Markierung als ostdeutsch relevanter ist, war das bei den Westdeutschen verschwindend gering. Es heißt also im Umkehrschluss: das Deutsche ist das Westdeutsche."

Das Westdeutsche als "vorherrschende Idee"

Heller: "Das Deutsche ist das Westdeutsche", sagt sie. Ist das auch Ihre Erfahrung, also dass das Westdeutsche die Norm ist sozusagen und die ostdeutsche Perspektive fehlt? Und wenn ja, wer müsste die denn wie hineintragen in das große Miteinander?

Neubig: Ja, ich glaube schon, dass das so ist. Zum einen, weil die Mehrheit, einfach der Großteil des Landes ursprünglich westdeutsch war. Schon dadurch ist das sicher die vorherrschende Idee davon, was Deutschsein bedeutet. Ich glaube aber, dass das nicht zielführend ist und vielleicht auch für die nächsten Generationen kein Thema mehr sein sollte.

Also, wenn ich es mir wünschen könnte, wäre deutsch auf jeden Fall gesamtdeutsch. Und ich glaube, ostdeutsche Positionen sichtbar zu machen, das wäre in der Hinsicht schon eine gute Idee. Wenn man auch einfach stärker darüber spricht, wie die DDR war. Was in der DDR Tatsache war, wie auch die Wende gelaufen ist und was auch die Nachwendezeit mit sich gebracht hat.

Weil ich immer den Eindruck hatte, wenn ich mit Freunden in Westdeutschland – in Hamburg oder Tübingen, wo ich studiert habe - gesprochen habe, dass sie eben ganz wenig wussten. Vielleicht haben sie sich im Geschichtsunterricht, wenn da mal ein paar Wochen Zeit war, mit der DDR beschäftigt – aber sonst ist es halt einfach rausgefallen. Die jüngste wichtigste deutsche Geschichte.

Und ich glaube, das ist total wichtig, differenziert darüber zu sprechen und nicht nur bei diesem Heldennarrativ zu bleiben: "So, die hatten Glück, jetzt sind sie auch BRD und alles super." Sondern, dass man sich damit genauer auseinandersetzt, was das für die Leute im Einzelnen eigentlich für eine Wende war und was für einen Einfluss auf das Leben das hatte.

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