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Studio 9 | Beitrag vom 14.04.2018

NachrufDer Filmregisseur Miloš Forman ist tot

Von Peter Claus

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Der tschechisch-US-amerikanische Filmregisseur und Oscar-Preisträger Miloš Forman, aufgenommen 2007 (imago/ZUMA Press)
Der tschechisch-US-amerikanische Filmregisseur und Oscar-Preisträger Miloš Forman (imago/ZUMA Press)

Fünf Oscars gewann Miloš Forman allein mit "Einer flog übers Kuckucksnest". Als Held hat sich der Filmregisseur nie feiern lassen. Dabei hatte er sich von Anbeginn seiner Filmarbeit dem gesellschaftskritischen Kino verschrieben. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Eine Schmonzette brachte Miloš Forman endgültig den Zuspruch des breiten Publikums und machte seinen Namen auch denen bekannt, die sonst allein auf Schauspielstars achten: die mit acht "Oscar" gekrönte Adaption des Theaterstücks "Amadeus", ein effektvolles Schauerstück, das dem Komponisten Salieri zu Unrecht den Ruf bescherte, Mozarts Mörder zu sein:

Filmausschnitt: "Vergib Deinem Mörder, ich gestehe, verzeih mir, ich habe Dich umgebracht. Verzeih mir, Mozart. Perdonname" - "Signor Salieri. Macht wieder auf. Seid brav."

Miloš Forman war Protagonist des Prager Frühlings

Als der ganz große "Oscar"-Segen für Miloš Forman kam, 1985, war er Mitte Fünfzig und längst etabliert. Zehn Jahre zuvor hatte er für die Romanverfilmung "Einer flog übers Kuckucksnest" fünf "Oscar" gewonnen - und weltweit bereits das an Anspruchsvollem interessierte Publikum und die Kritik überzeugt. Im Osten Europas galt der Böhme bereits seit Mitte der 1960er-Jahre als großer Regisseur, hatte sich als einer der Protagonisten des so genannten Prager Frühlings mit gesellschaftskritischen Filmen viele Freunde gemacht - und viele Feinde in den Zensurbehörden. 1969 schlugen sie zu und verboten seine Gesellschaftsgroteske "Der Feuerwehrball". In Interviews hat er die einschneidende Wirkung dieses Ereignisses oft betont:

"Der Hauptgrund für meinen Weggang war wirklich das Verbot meines Films 'Der Feuerwehrball'. Das war zu viel: Der Film wurde offiziell für immer verboten."

Jack Nicholson in einer Szene von "Einer flog über das Kuckucksnest" ( imago/United Archives)Jack Nicholson in einer Szene von "Einer flog über das Kuckucksnest" ( imago/United Archives)

Als Held hat sich Forman nie feiern lassen. Bescheiden, nüchtern, hat er gern und mehrfach erklärt:

"Ich war ein Feigling - deshalb bin ich gegangen."

Miloš Forman, der übrigens mit Václav Havel die Schulbank gedrückt hatte, war alles andere als ein Feigling. Er verschrieb sich von Anbeginn seiner Filmarbeit dem gesellschaftskritischen Kino. Am bekanntesten wurde "Die Liebe einer Blondine". Der Studio-Auftrag war 1964/ 65, das angeblich ach so schöne und erfüllte Leben der Arbeiterklasse zu spiegeln, einen Film zu drehen, der den Sozialismus feiert. Forman begeisterte mit einem Film voller Fragen an eben diesen Sozialismus - und präsentierte mit der Arbeiterin Andula eine glaubwürdige Protagonistin, keine Propaganda-Type. Formans Credo war schon damals, sagte er, mit Blick aufs Publikum, immer nur eins:

"Das einzige, was gar nicht geht, ist, dass Du gähnst."

Die stalinistischen Show-Prozesse politisierten Miloš Forman

Gelangweilt, zum Gähnen gebracht, hat Forman sein Publikum nie. Selbst aufwändiger Hollywood-Unterhaltungsware, wie dem Musikfilm "Ragtime", hat er mit Blick auf gesellschaftliche Zustände, Missstände vor allem, besondere Akzente verliehen. Geschärft worden war sein Blick auf die Wirklichkeit schon in seiner Jugend, in der Frühzeit des Kalten Krieges:

"Es begann wirklich alles für mich in den 1950er-Jahren, als ich Filmstudent war, mit den Show-Prozessen. Es waren die Jahre dieser Prozesse, um in der Tschechoslowakei das Denken zu verbieten, reine stalinistische Show-Prozesse."

Forman empfand die Auswirkungen des stalinistischen Terrors kaum anders als die der Nazizeit. Damals gehörte auch sein Vater - wegen seines protestantischen Glaubens - zu den Opfern:

"Sie brachten meinen Vater aus dem KZ in Deutschland nach Prag vor Gericht. Ich durfte natürlich nicht dabei sein, aber ein Anwalt, immerhin. Die Anklage war absurd, frei erfunden. Wie später bei Stalin, ging's schon bei Hitler nicht um Recht, es ging darum, die Leute zu brechen. Es gab keine Beweise, keine Dokumente. nichts. Damals und dann wieder - genau dasselbe."

Die Dummheit dem Lachen Preis geben

Miloš Formans Liebe galt denn immer auch Figuren, die allen Widerständen, aller Unterdrückung zum Trotz, ihre Persönlichkeit bewahrten, ihre Würde. Am publikumswirksamsten gelang ihm dies in "Einer flog über das Kuckucksnest" und, zwei Jahrzehnte später, 1996, in "Larry Flynt", einer facettenreichen Satire wider die allgegenwärtige Doppelmoral in den USA. Die Dummheit dem Lachen Preis geben - das konnte Miloš Forman wie nur wenige in der Geschichte des Kinos. Kein Wunder, dass sich der Wahl-US-Bürger auch über die Arbeitsbedingungen in der Traumfabrik Hollywood am liebsten mit doppelbödigen Scherzen äußerte:

"Hollywood is - äh - the most democratic dictator."

Hören Sie hier auch das "Vollbild"-Interview mit Filmkritikerin Anke Leweke über das Kino subversiver Helden von Miloš Forman:

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