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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.03.2018

Nachruf auf José Antonio AbreuAlle Wissensgebiete der Kunst

Von Peter B. Schumann

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Das Bild zeigt den Kopf des venezolanischen Komponisten und Musikers José Antonio Abreu in schwarz weiß.  (AFP / Robyn BECK)
Der Komponist José Antonio Abreu. (AFP / Robyn BECK)

Er war ein Wirtschaftswissenschaftler, der nebenbei Musik studierte. Mit seiner musikalischen Bewegung „El Sistema“ veränderte der Komponist José Antonio Abreu das Leben Hunderttausender Jugendlicher in Venezuela.

An einem Mittwochabend im Februar 1975 begannen 11 junge Musiker in einer Tiefgarage von Caracas mit den Proben für ein Jugend-Orchester, das erste in Venezuela. Es war die Geburtsstunde von El Sistema, einer Musikbewegung, die das Leben von Hunderttausenden von Jugendlichen nachhaltig verändern sollte. Sein Initiator hieß José Antonio Abreu, ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler, der nebenbei Musik studiert hatte. Sein Ziel bestand darin, in den Armenvierteln des Landes eine ganz neue Form von Musikunterricht zu etablieren. Wie das kleine Ensemble seiner Jünger, so sollten die Kinder ihr Instrument sich von Anfang an im Gruppenspiel aneignen, also in der Gemeinschaft lernen.

José Antonio Abreu war damals 36 Jahre, war als Universitätsprofessor bekannt geworden und als Pianist und Dirigent aufgetreten. Später wurde er zum Vorsitzenden des Nationalen Kulturrats und zum Kulturminister berufen. Eigentlich war er ein Mann von geradezu asketischer Bescheidenheit, der sich nie in den Vordergrund spielte, sondern im wahrsten Sinn des Wortes hinter seinem Orchester stand.

Abreu spielte sich nie in den Vordergrund

Es war ein weiter, steiniger Weg, bis sich das neue pädagogische Modell in den Köpfen venezolanischer Politiker zur Kulturpolitik verfestigte. José Antonio Abreu verfügte aber über die nötige Insistenz und das diplomatische Geschick, um sein Projekt, Elend mit Musik zu bekämpfen, gegen alle Widerstände, auch aus der traditionellen Musikpädagogik, zu realisieren.

Das ist ihm auf unglaubliche Weise gelungen. Aus der Musikprobe in der Tiefgarage ist El Sistema entstanden, das Werk eines Visionärs, der unerbittlich und unbeirrbar sein soziales Musik-Projekt verfolgt und damit auch einen Beitrag zur demokratischen Bewusstseinsbildung der Jugend geliefert hat.

"El Sistema" – so hat er mir einmal gesagt – "soll alle Wissensgebiete der Kunst umfassen, und Protagonisten der verschiedenen Disziplinen vereinen, Künstler, Wissenschaftler usw., und eine neue internationale Institution schaffen, die diese Idee fördert."

Seine Programm zur musikalischen Bildung wirkt bis heute

Der Erfolg war unglaublich. 250.000 Kinder und Jugendliche spielen heute in 125 Orchestern und Chören Venezuelas. In 25 Ländern Lateinamerikas haben sich ähnliche Klangkörper gebildet. Die berühmtesten Dirigenten haben mit dem Jugendorchester Simón Bolívar gearbeitet: Simon Rattle, Claudio Abbado, Zubin Mehta, Daniel Barenboim. Und es hat auch einen inzwischen weltberühmten Dirigenten hervorgebracht: Gustavo Dudamel.

Selbst in den Wirren der sog. bolivarianischen Revolution eines Hugo Chávez konnte José Antonio Abreu weitgehend die Unabhängigkeit seines Projektes bewahren. Chávez, der andere Teile der venezolanischen Kultur plattgemacht hat, entdeckte in El Sistema ein System, in dessen Ruhm er sich sonnen konnte.

Abreus Vision

Unter seinem Nachfolger Maduro ist das ölreiche Land zum Armenhaus Lateinamerikas verkommen. Sämtliche Tourneen von Venezuelas bestem kulturellen Aushängeschild wurden abgesagt und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen. Denn Gustavo Dudamel hat heftig Kritik am Regime geübt, nachdem ein 18-jähriger Geiger des Orchesters bei einer Demonstration durch einen Kopfschuss ermordet und ein anderer inhaftiert und gefoltert wurde. Außerdem haben inzwischen 40 Mitglieder des Simón Bolívar, ein Drittel des Orchesters, aus existentieller Not das Land verlassen.

Doch die Vision von José Antonio Abreu, Menschen durch Musik aus dem Elend zu befreien, wird den politischen Niedergang überleben.

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