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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2006

Nachhaltig Geld ausgeben

Fred Grimm: "Shopping hilft die Welt verbessern", Goldmann, München 2006, 396 Seiten

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Lebensmittel in einem Supermarktregal (Stock.XCHNG / lurba)
Lebensmittel in einem Supermarktregal (Stock.XCHNG / lurba)

Der Titel verkündet bereits die frohe Botschaft: "Shopping hilft die Welt verbessern" heißt dieser etwas "andere Einkaufsführer", den der Journalist Fred Grimm zusammengestellt hat. Auf knapp vierhundert Seiten widmete er sich sämtlichen Aspekten des politisch korrekten Einkaufens, von fair gehandelter Schokolade über T-Shirts aus Bio-Baumwolle bis hin zu ökologisch sensibilisierten Fluggesellschaften.

"Wir haben die Macht, mit der Wahl bestimmter Produkte auch eine bestimmte Art des Wirtschaftens zu unterstützen", meint der Autor, "eine, die auf den Erhalt der Umwelt achtet, auf die korrekte Entlohnung und Behandlung der Mitarbeiter, auf gesellschaftliches Engagement."

Mit dieser Ansicht steht Grimm nicht alleine da. Bereits im Jahre 2000 hatte sich der amerikanische Publizist David Brooks in seinem viel beachteten Buch über die "Bobos" und den "Lebensstil der neuen Elite" darüber lustig gemacht, dass junge Amerikaner am "Kühlregal des nächsten Einkaufszentrums" mit der richtigen Kaufentscheidung "den Regenwald retten" oder "den Treibhauseffekt lindern" wollen.

Inzwischen ist diese Einstellung mehrheitsfähig geworden und hat, so Grimm, eine "neue Verbrauchermacht" hervorgebracht. Auf rund 63 Millionen wird in den USA die Zahl der "Lohas" geschätzt, derjenigen Menschen also, die sich einem "Lifestyle of Health and Sustainability" verschrieben haben. Zu Deutsch: einem gesunden und nachhaltigen Lebensstil.

Von der ökologischen Bewegung der siebziger Jahre, mit der die meisten Menschen vermutlich Jutetaschen, naturgefärbte Seidenschals und sackartige Jacken aus dem Dritte-Welt-Laden verbindet, hat das "new ecology movement" des 21. Jahrhunderts angeblich nichts zu tun.

Fred Grimm verspricht, dass "eine andere Art von Konsum möglich ist, ohne dass das Leben seinen Glamour verliert". Der Mode-Hersteller American Apparel zum Beispiel zahlt seinen Angestellten überdurchschnittlich hohe Löhne und verkauft mit viel Erfolg Streetwear, die erklärtermaßen nicht in Sweatshops genäht wird. Und auch die Stars in Hollywood helfen eifrig mit, der Nachhaltigkeit zu Glanz zu verhelfen: Julia Roberts hat ein Solardach auf ihrer Villa in Los Angeles installiert, George Clooney hat sich ein emissionsfreies Elektromobil zugelegt, und Brad Pitt setzt auf deutsche Naturkosmetik aus dem altehrwürdigen Hause Dr. Hauschka. "Superhipp", meint Fred Grimm, und natürlich findet man im ausführlichen Serviceteil seines Buches die Bezugsadresse für die Produkte.

Zunächst einmal verbessert Shopping im Sinne von Fred Grimms Einkaufsführer also nicht die Welt, sondern hebt das eigene Sozialprestige. Die Wirtschaftswissenschaft hält für dieses Phänomen den Begriffs des "Geltungskonsums" bereit, und ähnlich wie Aufsteiger und Neureiche vor hundert Jahren durch den demonstrativen Verbrauch von Luxusgütern ihre gesellschaftliche Stellung symbolisch festigten, erklärt man heute mit einem Tiegel Handcreme, einer fair produzierten Jeans von Edun oder einem ökologisch einwandfreien Möbelstück aus der Werkstatt Zeitraum seine Zugehörigkeit zum Kreis der Schönen, Gesunden und Verantwortungsbewussten – und ist bei der nächsten Unterschichtendebatte aus dem Schneider.

Aber ist eine halbwegs durchdachte Kaufentscheidung auch gleich ein politischer oder gar revolutionärer Akt, wie der Titel dieses Buches nahelegt?

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz hatte vor einigen Jahren in seinem "konsumistischen Manifest" den Konsum zum "Immunsystem der Weltgesellschaft" stilisiert und in ihm ein Bollwerk gegen religiösen Fanatismus gesehen. Fred Grimm hält sich jetzt eher an Geschichten wie die des Sportartikelherstellers Nike, der nach Bekanntwerden der haarsträubenden Produktionsbedingungen in der Dritten Welt starke Umsatzeinbußen erlitten und daraufhin seine Firmenpolitik grundsätzlich umgestellt hat.

Zu viel Vertrauen sollte man in die moralischen Selbstheilungskräfte des Marktes und die Strahlkraft des "bewussten Kapitalismus" trotzdem nicht setzen. Als demokratische Kontrollinstanzen sind die Supermarktkasse und die Börse doch etwas zu sehr vom Zeitgeist abhängig. Heute mag ein gutes Gewissen hoch im Kurs liegen, aber morgen könnte das schon ganz anders aussehen.

Fred Grimm scheint das trotz seines kantianischen Glaubens an das beständige Fortschreiten des Menschengeschlechts zum Besseren ebenfalls zu ahnen. Das Kapitel, in dem es eigentlich um Öko-Banken und nachhaltige Geldanlage geht, beschließt er nämlich mit dem augenzwinkernden Verweis auf die derzeit an der Börse durchaus beliebten "Sündenfonds", die ausschließlich in Schnapsfabriken, Waffenschmieden, Pornografie oder Tabakkonzerne investieren.

Rezensiert von Kolja Mensing


Fred Grimm: Shopping hilft die Welt verbessern. Der andere Einkaufsführer
Goldmann, München 2006, 396 Seiten, 14,95 Euro

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