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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.12.2008

Nachgetragene Tochterliebe

Doris Lessing: "Alfred und Emily", Hoffmann und Campe, 300 Seiten, 19,95 Euro

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Die Schriftstellerin Doris Lessing. (AP Archiv)
Die Schriftstellerin Doris Lessing. (AP Archiv)

In ihrem neuen Buch "Alfred und Emily" hat sich die englische Literaturnobelpreisträgerin einen Traum erfüllt: Sie entwirft ihre Kindheitsgeschichte neu. In ihrem Roman sind ihre Eltern nicht unglücklich, sondern führen mit anderen Partnern ein erfüllteres Leben.

Doris Lessing war ein unglückliches Kind unglücklicher Eltern. In gleich zwei Autobiografien und 49 weiteren Büchern hat die englische Literaturnobelpreisträgerin unaufhörlich darüber nachgedacht, woher das Unglück ihrer Familie und in Familien überhaupt rührt.

Die Antworten Doris Lessings, die im nächsten Jahr 90 wird, fielen über die Jahre sehr unterschiedlich aus, immer aber radikal: Mal war es die ungerechte Geschlechterordnung, mal das ausbeuterische Wirtschaftssystem, mal die finsteren Zeitläufe. Meistens eine Mischung aus allem.

In ihrem neuen Werk "Alfred und Emily" schlägt die immer auch der Science-Fiction zugeneigte Doris Lessing aufs Wundervollste über die Stränge. Lessing konstruiert - wie übrigens in diesem literarischen Herbst auch Paul Auster und Christian Kracht in ihren neuen Romanen - eine Alternativweltgeschichte, in der es keinen Ersten Weltkrieg gibt und in der die titelgebenden Alfred und Emily, die Eltern von Doris Lessing in unserer Welt, nicht einander heiraten, sondern statt dessen mit anderen Partnern ein glücklicheres, zumindest ein erfüllteres Leben führen.

Aus Alfred wird ein englischer Farmer, aus Emily nach kurzer Ehe mit einem Kardiologen als Stiftungsgründerin von Reformschulen eine Figur des öffentlichen Lebens.

"Alfred und Emily" ist das Buch einer nachgetragenen Tochterliebe, eine besondere Form der Familienaufstellung. Doch damit nicht genug. Einer kühnen formalen Idee folgend, wechselt Lessing mitten im Buch Stil- und Tonlage, springt von der Prosa zum Essay und erzählt nach der Novelle die Geschichte von Alfred und Emily ein zweites Mal, diesmal autobiografisch.

So erfahren die Leser von "Alfred und Emily" wie es war - und wie es besser gewesen wäre.

Rezensiert von Dennis Scheck

Doris Lessing: Alfred und Emily
Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Christ
Hoffmann und Campe,
300 Seiten, 19,95 Euro

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