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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.11.2010

Nachdenken über das Glück

Ursula von Arx: "Ein gutes Leben", Kein & Aber Verlag 2010, 240 Seiten

Ursula von Arx schildert das Neueste aus der Glücksforschung. (Stock.XCHNG / Meral Akbulut)
Ursula von Arx schildert das Neueste aus der Glücksforschung. (Stock.XCHNG / Meral Akbulut)

Was ist ein gelungenes Leben? Geht es um Erfolg oder um Erfüllung? Um Verwirklichung oder um Hingabe? Ums Erreichen oder ums Weitermachen? Die Antworten auf diese Fragen sind so vielfältig wie die Menschen, denen man sie stellt. Genau diesen individuellen Haltungen dem Leben gegenüber geht die Journalistin Ursula von Arx in ihrem wunderbaren Erstlingswerk "Das gute Leben" nach.

Als ihr unerwartet gekündigt wird, beginnt sie, über Glück nachzudenken und mit anderen darüber zu reden. Diese Erfahrung nimmt von Arx zum Anlass, 20 Menschen nach ihrem Verhältnis zu Glück, Unglück und dem Leben an sich zu befragen.

Sie spricht mit Margarete Mitscherlich, der bekannten deutsche Psychoanalytikerin, die an der tödlichsten aller Krankheiten leidet: dem Alter. Und dem könne man nur mit Disziplin und Gelassenheit begegnen. Auch das eine Art Glück, so Mitscherlich, das Leben müsse schließlich ertragen werden.

Catherine Millet, Verfasserin des skandalösen Bestsellers "Das sexuelle Leben der Catherine M.", findet ihr Glück in ihren unzähligen Liebhabern, "mit jedem Mann öffnete sich ihr eine neue Welt".

Der Benediktinerpater Anselm Grün hingegen verbringt seine Tage in Keuschheit und Armut, "voller Vertrauen auf Gottes Weg". Über sein von Verzicht und Entsagung bestimmtes Leben sagt er: "Es gibt keinen Schmerz, der nicht zur Freude werden kann."

Doch nicht nur Prominente kommen zu Wort – auch von Arx’ Mutter, ein alter Liebhaber, eine junge Heilpraktikerin. Die älteste Befragte ist 93, die jüngste 15 Jahre alt. Manche sind angekommen, manche suchen noch.

Es geht um Selbstverwirklichung, Selbsterkenntnis und Sehnsucht. Es geht aber auch Trauer, um Kaputtsein, um Angst. Eine Frau sucht den Tod ihres Mannes zu überwinden, ein Mädchen seine Magersucht, ein Mann seine Vergewaltigung. Wie leben? Woran festhalten? Und trotzdem glücklich sein. Die Themen im Buch wiederholen sich, überschneiden sich, ein zartes Kaleidoskop, mannigfaltig wie das Leben selbst.

Ganz nah ist Ursula von Arx ihren Protagonisten, und zeichnet ebenso feinfühlige wie poetische Miniaturen, die noch lange nachwirken. Es gelingt ihr, etwas fast Unsagbares festzuhalten, etwas, das das Leben selbst betrifft. Vielleicht ist das dem klugen Einfall geschuldet, die Portraitierten in absteigender Reihe zu präsentieren – von alt zu jung. Oder es liegt an der fundamentalen Unterschiedlichkeit der beschrieben Haltungen, die allein durch ihre Vielfalt beweisen, dass man Begriffe wie Glück und Lebenssinn nicht verallgemeinern kann.

Dieses Gefühl verstärkt sich, als die Autorin abschließend noch das Neueste aus der Glücksforschung präsentiert. Glücksökonomen wie Bruno Frey und Claudia Frey Martin fanden in ihren Erhebungen heraus, dass Kinder nicht unbedingt glücklich machen, aber die Ehe schon, dass Geld weniger wichtig ist als immaterielle Güter und man mit positiven Gedanken sein Glücksniveau anheben kann.

Angesichts der vorangehenden Lebensgeschichten wirkt das alles ziemlich trivial – von Arx ist auch entsprechend skeptisch. Denn Glück ist eben nicht das Wichtigste im Leben.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Ursula von Arx: Ein gutes Leben. 20 Begegnungen mit dem Glück
Kein & Aber Verlag 2010
240 Seiten, 18,90 Euro

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