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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 03.03.2019

Nachbarschaftshilfe aus Holland Die Pflegerevolution

Von Elin Hinrichsen

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Altenpflege zuhause (imago/Jochen Tack)
Wieder mehr auf die Bedürfnisse der pflegebedürftigen Menschen eingehen – das ist ein wichtiger Aspekt des Pflegekonzepts aus Holland. (Symbolbild) (imago/Jochen Tack)

Pflege, wie der Mensch sie braucht, statt zack, zack, satt und sauber. Das neue Modell „Buurtzorg“ aus den Niederlanden könnte auch hierzulande Patient und Pflegekräfte glücklich machen. Im Münsterland wird getestet, was in Holland bereits Alltag ist.

Es ist stockfinster um viertel nach sechs in Emsdetten. Aber er kennt sich aus, weiß, wo er klingeln muss. Und er weiß, er wird erwartet. Die alte Dame hat schon alle Lichter an in der Wohnung, und angezogen ist sie auch.

"Haben Sie irgendwas mit Ihrem Auge, Frau Ruhkamp? Das könnte allergisch sein. Wenn´s stärker wird, dann bitte mal zum Arzt."

Sie sitzt jetzt auf dem Bett, die Füße hoch, und hält Andreas Mühle ihr rechtes Bein hin. Er ist eigentlich hier, um ihr die Kompressionstrümpfe anzuziehen. Aber er lässt nicht locker mit dem Auge.

"Buurtzorg" steht auf seinem Kasak, seinem Pflegekittel, das ist holländisch und heißt soviel wie "Nachbarschaftshilfe". Es ist auch eine non-profit Organisation. Und ein neuer Ansatz in der Pflege, der aus den Niederlanden stammt.

"Heute schon gelacht?"

"Wir sind ja eigentlich nur ein ganz normaler Pflegedienst; mit einer anderen Vorgehensweise; mit einem anderen Blick. Eine der klassischen Fragen ist, ´Heute schon Stuhlgang gehabt? Ja, nee, die erste Frage ist: ´Heute schon gelacht?´Das ist viel wichtiger als diese rein sachlichen Fragen zu stellen, gut, sie müssen sein, dokumentarisch fordert man das von uns, aber die sind eigentlich nebensächlich, es geht um den Menschen, und was kann ich ihm heute Gutes tun, so dass er gut in den Tag starten kann oder ihn gut beenden kann."

Zu ihrem Tag gehören auch die Kompressionsstrümpfe, schon lange, und lange hat sie sie sich alleine anziehen können. Aber nach der dritten Herz-OP, sagt sie, sieht das eben anders aus. Da braucht sie Hilfe und jemanden, der nach ihr guckt. So wie Andreas das eben macht.

"Er ist immer sehr nett, zuvorkommend; letztens habe ich ihn gefragt, wie er heißt, dann sagt er Andreas, Schwester Andreas."

"Ja, das ist inzwischen so eine Art Markenzeichen in Emsdetten."

Schwester Andreas mit Klientenkatze. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)Ihm macht seine Arbeit Spaßt, sagt Pfleger Andreas. Hier mit einer Klientenkatze. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)

Die beiden kennen sich schon von früher; als ihr Mann noch lebte und Pflege brauchte; und als Andreas noch ganz in Weiß zu ihnen kam. Der neue Look war der Klientin noch nicht aufgefallen. Dass aber nur Andreas noch zu ihr kommt, das schon.

Im November ist Buurtzorg in Emsdetten gestartet, mit Andreas Mühle und vier weiteren Kolleginnen; und seitdem ist diese Klientin fest auf seiner Tour gebucht; das gefällt ihr. Und er kann mit der Zeit gucken, was er um die alte Dame herum noch verbessern könnte. Bei einer anderen Klientin hat er schon so was geschafft, erzählt er im Treppenhaus. Zweimal am Tag mussten er und seine Kollegen bei ihr vorbeifahren, um ihr mit einem einzigen Kompressionstrumpf zu helfen. Morgens an- und abends wieder ausziehen.

"Sie war oftmals traurig, dass sie zu dem Zeitpunkt zuhause sein musste, damit wir ihr den Strumpf wieder ausziehen können und ich habe gedacht, ´verdammt, das muss doch irgendwie anders gehen`, denn das Verrückte bei Buurtzorg ist ja, dass wir die Klienten, die wir zwar aufnehmen, aber eigentlich versuchen, möglichst schnell wieder loszuwerden."

Zeit statt immer nur zack, zack 

"Rehabilitierende Pflege", nennt sich das im Fachjargon; Mühles Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Soll auch in Deutschland eigentlich überall gemacht werden; aber in der Praxis fehlt oft die Zeit dafür. "Stützstrümpfe anziehen", das bringt in der herkömmlichen Pflege 11,15 Euro in Nordrheinwestfalen; und je nach "Leistungspaket" an diesem Patienten ist auch die Medikamentengabe in diesem Preis schon drin. Da kann man als Pflegekraft nicht lange fackeln oder warten, bis die Dame es selbst schafft; da muss es einfach zackzack gehen.

Zu wenig Personal. Zu viele Pflegebedürftige; und alles zu teuer. Kennt man ja, hat man alles schon oft gehört. Aber Mühle hat jetzt die Zeit; kann sie sich nehmen, Buurtzorg sei Dank. Ein anderes Bezahlsystem; ein anderer Denkansatz. Der Pfleger kümmert sich nicht nur um die körperlichen Gebrechen, sondern auch um das soziale Netz des Patienten. Daher auch der Name: Nachbarschaftshilfe. Kann das, was so harmlos klingt, vielleicht die Pflegewende bringen?

Die Buurtzorg-Zentrale in Amelo. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)Die Buurtzorg-Zentrale in Amelo. Hier in Holland gibt es viele positive Erfahrungen mit dem Pflegeansatz. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)

Almelo, Holland, knapp anderthalb Stunden Zugfahrt von Emsdetten entfernt und noch mal fünfzehn Mintuen im Bus. Hier, am Rande des Industriegebietes "Almelo Zuid" finde ich die Zentrale von Buurtzorg. Ein geschmackvoller Neubau. Dreistöckig, gelber Backstein. Drinnen: Hotelatmosphäre. Mit frischen Blumen auf dem elegant-glänzenden, schwarzen Empfangstresen. Mit zwei elegant gekleideten Damen dahinter und mit einer freundlichen Begrüßung. Ihr Chef sei gleich für mich da; sagen sie. Und dann führt mich der Revoluzzer der weltweiten Pflegeszene durch sein Backoffice.

Ein lockerer, bescheidener Typ in schwarz; schlabberige Jeans und Tshirt. Gestern hatte Jos de Blok noch Delegationen aus Griechenland und Japan zu Besuch; ab morgen wird er in Neuseeland, Australien, Kanada und Vietnam über seinen Pflege-Ansatz sprechen: aber heute ist er hier und nimmt sich Zeit für mich.

Hilfe zur Selbsthilfe 

Pflege vom Patienten aus gesehen; Verständnis für seine Lage haben; für die Diagnose, die er vielleicht gerade erhalten habe; das sei schon das ganze Geheimnis; erzählt er. Man könne Pflege in Handlungen und Leistungspaketen denken, wie es heute gang und gäbe ist oder aber in Verständnis und Unterstützung; so dass die Patienten sich wieder selber helfen können. So wie Pfleger Andreas es gemacht hat, mit dieser Klientin und ihrem einen Kompressionsstrumpf. Er hat eine gute Lösung für sie finden können, erzählt er auf dem Weg zum nächsten Einsatz.

"Es gibt Hilfsmittel, zum Ausziehen, dieser Strümpfe, so dass man das allein kann, die habe ich einfach mal organisiert, habe mit ihr geübt; habe sie das Ausprobieren lassen; der Effekt ist, sie schafft es abends allein, sie ist nicht mehr auf uns angewiesen, wir brauchen nicht mehr hin."

Ein Betriebswirtschaftler würde vielleicht sagen: Eine gute Einnahmequelle versenkt. Buurtzorg sagt: Wir haben einem Menschen geholfen, sich selbst zu helfen. Das ist wichtig. Andreas hat immer die Augen offen, wer in der Nachbarschaft noch helfen könnte; so dass er Zeit gewinnt für größere Pflegeaufgaben an anderen Klienten. So wie hier. Wir parken an einer Buchenhecke vor einem Einfamilienhaus. Oben im ersten Stock wartet schon eine Dame auf den Pfleger; ein Spezialfall, sagt er, der wirklich seine pflegerische Hilfe benötigt.

"Wir haben hier eine besondere Herausforderung"

Frau Puntke liegt noch im Bett, dick eingemummelt, nur ihr Kopf lugt unter der Bettdecke hervor. Die Männer beugen sich über sie und ihre Augen huschen von einem zum anderen; sie wirkt hilflos. Sie ist dementiell verändert, erklärt Andreas; als er im Badezimmer alles vorbereitet. Und das bedeutet, dass alle Reize von außen ungefiltert auf sie einprasseln.

"Ja, wir haben hier eine besondere Herausforderung. Frau Puntke ist in vielen Bereichen nicht mehr sehr orientiert, die Kommunikation ist erschwert, weil sie auch nicht mehr so deutlich sprechen kann, sie spricht zwar viel, aber für uns leider nicht mehr verständlich und es ist schwer, auch den Kontext zu verstehen. Aber es geht und sie ist eine sehr angenehme Klientin, es macht Spaß, mit ihr zu arbeiten. Ja, und morgens ist sie immer munter, ne, Annemie?"

Andreas zieht ihr die warme Bettdecke weg; muss sein, denn um viertel nach Acht kommt das Taxi, dass Frau Puntke in die Tagespflege bringt, also an den Ort, an dem sie über Tag versorgt wird. Am linken Bein hat sie tiefe Narben; die fügt sie sich selbst zu: Juckreiz, vermutlich, sagt Andreas, er passt auf wie ein Schießhund, dass ihre linke Hand nicht etwa in Richtung Bein wandert. Die letzte Wunde ist gerade erst wieder halbwegs verheilt.

Stützstrumpf ist nicht gleich Stützstrumpf

Ganz wenig Seife und immer wieder Bewegungsübungen zwischendurch; jeder Handgriff sitzt. So schnell wie möglich zieht Pfleger Andreas Frau Puntke dann auch die schützenden Kompressionsstrümpfe an. Was heute Morgen bei der Klientin aussah wie ein Kinderspiel und so nebenbei lief, das ist hier harte Arbeit, weil Frau Puntke kaum mithelfen kann.

"Es sind immer unterschiedliche Herausforderungen. Obwohl die Tätigkeit aus Sicht der Krankenkasse immer die gleiche ist. Wird immer gleich pauschal bezahlt. Und das bedeutet bei dem einen brauchst du 20 Minuten, hier brauchen wir bis zu einer dreiviertel Stunde und länger, je nach dem. Der Betrag ist immer der gleiche, nach jetzigem System. Dem wird natürlich ein Abrechnungssystem nach Zeit etwas gerechter."

Das ist, was sie erreichen wollen auch bei Buurtzorg Deutschland: dass Pflegerinnen und Pfleger nach Zeit abgerechnet werden, egal, welche Tätigkeit sie beim Klienten durchführen. In Holland sind sie längst so weit; das hat Jos de Blok so durchgeboxt.

Jos de Blok in der Buurtzorg-Zentrale in Amelo (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)Ob Neuseeland, Australien, Kanada oder Vietnam – in vielen Ländern interessiert man sich für das Pflegekonzept von Jos de Blok in Holland. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)

Die Führung durch die Buurtzorg-Zentrale in Almelo ist in der Finanzabteilung angekommen, einfach eine Tür weiter. Auf den ersten Blick ein ganz normales Büro: hell, hübsch dekoriert, mit vier Arbeitsplätzen. Aber seine Controller verwalten hier einen Umsatz von 450 Millionen Euro im Jahr. Angefangen hat der Ökonom und gelernte Krankenpfleger Jos de Blok mit einem Minimalbudget und drei engagierten Mitpflegern; 2006. Er war damals als Führungskraft in einem Pflegeunternehmen angestellt und er merkte über die Jahre: Die Regularien nahmen zu; die Qualität der Pflege ab. Und die Kosten explodierten.

Frustrierte Mitarbeiter; alles nur auf Leistung und Schnellschnell getrimmt. Denn auch in Holland wurden damals die Tätigkeiten der Pflegekräfte paketweise abgerechnet. Also: Duschen wird bezahlt; überlegen, wie man den Menschen wieder selbständig bekommt, nicht; und einen Moment zuhören und die Hand halten, erst recht nicht. Er dachte zurück an seine eigene Ausbildung zum Pfleger; als man den ganzen Menschen noch im Blick hatte. Er war glücklich mit seiner Arbeit damals; hat die Pflege aus den 80ern in die heutige Zeit überführt und ein Pilot-Team gegründet. Wieder eigenverantwortlich arbeiten am Menschen, sich selbst organisieren, mit einer Vergütung, die jede Tätigkeit gleich honoriert.

Ein Nein ist ein Nein  

Auch freundliche Ansprache wie die von Schwester Andreas an Annemie Puntke. Er hat ihr in der Zwischenzeit im Badezimmer das Gesicht gewaschen, den Rücken geschrubbt, sie überall eingecremt und ist jetzt dabei, sie anzukleiden. Sie sitzt auf einem Toilettenstuhl mit Rädern, vor dem Waschbecken.

"So, einmal Unterhemd anziehen, Frau Puntke, einverstanden? Nee ..."

Das Einverständnis abzufragen kostet Zeit, aber es gibt ihr Sicherheit und Orientierung. Und es belässt ihr ihre Würde.

"Das habe ich jetzt leider nicht verstanden, aber ich glaube, Sie tragen jeden Tag ein Unterhemd, ziehen wir das auch noch mal an, ja ne, ist ja auch lustig, ich tue einfach mal so, als hätten Sie ja gesagt."

Der ganz normale Pflege-Alltag. Einerseits rechtzeitig fertig zu werden, andererseits die Selbstbestimmtheit des Klienten zu respektieren, das ist schon oft ein Spagat; den auch Andreas gut kennt. Das zehrt aus; und frustriert viele seiner Kollegen. Jetzt, bei Buurtzorg, kann er es wirklich leben: Ein Nein ist ein Nein.

"Das möchte eigentlich jeder von uns, dass wir mal so behandelt werden später mal. Das ist ja so ein Grundsatz, behandele jeden Menschen so, wie Du selbst behandelt werden möchtest. Dann kann man eigentlich gar nichts mehr falsch machen."

Annemie Puntke liegt im Bett, ihr Mann Werner sitzt daneben. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)Seit zehn Jahren pflegebedürftig: Annemie Puntke mit ihrem Mann Werner. (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)

Gleich kommt ihr Taxi; und ihr Mann sitzt in der Küche schon auf heißen Kohlen. Eigentlich sind die Minuten, die Andreas sich um seine Frau kümmert, eine willkommene Pause für ihn. Aber er hat seine Werte. Pünktlich zu sein, gehört dazu. Jetzt kommt seine Frau die Treppe heruntergeschwebt, auf ihrem Sitz vom Treppenlift. Er nimmt sie entgegen.

"Das ist für mich meine Lebensaufgabe in den letzten zehn, zwölf Jahren, vorher war meine Frau ja immer noch fit, da hat sie noch was anderes gemacht. Nun ist das so. Ich bin dankbar, dass ich so gesund bin und das schaffe."

Die vier Kinder der Puntkes und deren Ehepartner helfen auch mit; sie wohnen in der Gegend. So hat die Familie ihr eigenes Netzwerk geknüpft. Bei ihnen braucht sich Buurtzorg-Schwester Andreas nicht darum zu kümmern. Hier lässt sich nichts verbessern. Sie kriegen das hin.

Überläufer aus regulären Pflegediensten

Andreas muss weiter. Zur Dienstbesprechung mit seinem Buurtzorg-Kollegen. Sie sind zu fünft bei Buurtzorg, verwalten ihr eigenes Budget; stellen eigenständig neue Kollegen ein, generieren Klienten und organisieren ihre eigenen Touren. Noch werden sie von ihrem bisherigen Arbeitgeber bezahlt; einem großen Emsdettener Pflegedienstanbieter. Denn dass sich was ändern muss, hat auch dessen Leitung verstanden; und allen 50 Mitarbeitern freigestellt, ob sie bei Buurtzorg mitmachen wollen. Es hat aber noch mehr als ein Jahr gedauert, bis sich genügend Pioniere wie Andreas gefunden haben.

"Ich kann jetzt viel mehr selber steuern und bewirken, weil wir im Team bestimmen das, es gibt keinen Chef, der sagt, ´Du machst das jetzt!´ Das macht richtig Spaß. Ich gehe morgens sehr gerne zur Arbeit."

Ein Macher, der jetzt selbst machen kann, im Team. Das motiviert. Und das ist auch die allgemeine Erfahrung bei Buurtzorg, sagt Jos de Blok in Almelo. Aus seinem einem Pionier-Team mit vier Kollegen sind inzwischen 950 Teams geworden; und es kommen immer noch weitere Überläufer aus den regulären Pflegediensten dazu.

Buurtzorg trennt Bürokratie und Pflege

Wir sind in der Personal-Abteilung angekommen. Gerade mal vier Mitarbeiterinnen weisen hier die Gehälter an; für insgesamt 14.000 Beschäftigte. Das geht, weil Buurtzorg die Bürokratie und die Pflege trennt. Weil es in Holland sowieso weniger Bürokratie gibt. Und weil Jos de Blok über die Jahre eine eigene Software hat entwickeln lassen, das Buurtzorg-Web. Es vernetzt alle miteinander: Die Pflegerinnen und Pfleger da draußen, die behandelnden Ärzte und Therapeuten und die Buurtzorg-Kollegen hier drinnen in der Verwaltung. 

Arbeiten wie in einer großen Familie; die auch zehn Jahre nach Gründung immer noch wächst. In Holland ist Buurtzorg viermal in Folge zum Arbeitgeber des Jahres gekürt worden. Und Schwester Andreas in Emsdetten geht davon aus, dass das eigenverantwortliche Arbeiten im Team auch in Deutschland immer mehr Pflegerinnen und Pflegern Mut macht und neu inspiriert.

Im Teamtreffen eben haben sie beschlossen, neue Kollegen aufzunehmen. Es gibt Interessenten und sie brauchen Verstärkung. Denn sie bekommen alle paar Tage Anfragen von neuen Klienten; sagt er.

Der zufriedene Patient spart Zeit 

Diese Dame hier kennt Andreas schon lange; sie ist 88, sitzt im Rollstuhl und ist gerne mit zu Buurtzorg gewechselt. Denn jetzt kann Andreas ihr ganz offiziell auch mal das Fenster öffnen; das Tablett auf den Tisch stellen oder die Katze auf den Balkon lassen.

"Die dürfen es gar nicht! das ist Hauswirtschaft, das dürfen die bei der normalen Pflege gar nicht, ein Bett schütteln; manche tun´s – dann darf man sie nicht verraten – und das ist hier anders, da kann er es machen, wie er meint."

Und ihr geht es viel besser; hat Andreas vorhin im Auto erzählt; die Dame klagt seltener über Schmerzen; und sie ist insgesamt zufriedener. Das spart Zeit. Das kann auch Jos de Blok in Almelo nur bestätigen; auf dem Flur, kurz vor Ende der Führung.

In Deutschland ist noch alles im Aufbau

9,2 Punkte auf einer Skala von eins bis zehn. Die Qualität der Pflege ist hoch, sagt er, und eine Buurtzorg-Pflegekraft braucht im Schnitt pro Patient pro Monat zwei Stunden weniger Arbeitszeit als jemand im herkömmlichen Pflegedienst. Das spart den Krankenkassen in Holland bares Geld. Auch Buurtzorg Deutschland möchte mal so weit kommen. Aber noch ist alles im Aufbau; und noch ist Buurtzorg ein Zusatzgeschäft für die hiesigen Pflegedienste. Aber man ist im Gespräch mit den Kassen; denn die Richtung stimmt.

Rezepte für gute und dadurch bezahlbare Pflege; in Almelo sind sie an den Wänden verewigt, in blauer Schrift auf weißen Kacheln. Hat Jos de Blok bei der Eröffnung dieses Gebäudes anbringen lassen. Gedanken seiner Mitarbeiter zur Guten Pflege.

Gute Pflege ist fühlen und denken, nicht rechnen, liest er vor; hat Yannika aus der Finanzabteilung geschrieben. Und hier, die nächste Kachel, ein Rezept für Buurtzorg, Nachbarschaftshilfe: Ein Liter Vertrauen, ein großes Maß Sorgfältigkeit, eine Prise Respekt, und immer so weiter. Die Texte haben sie bei einem Workshop zur Teambildung entwickelt. Sich beruflich und gemeinsam weiterzubilden, dafür ist Geld in den Jahresbudgets fest eingeplant. Auch bei Schwester Andreas und seinem Team.

Die Revoluzzer werden mehr 

Er beendet diesen Arbeitsvormittag, wie er ihn auch begonnen hat: Mit Kompressionsstrümpfen. Und zwar mit genau denen, die seine Klientin Ille heute als die richtigen erachtet. Andreas holt sie eben aus dem Schrank im Schlafzimmer. Sie weiß immer ganz genau, was sie will und wie sie es will.

"Es ist ganz ganz wichtig, dass man selbstbestimmt leben kann. Und dafür sollte man alles tun. Denn wenn man den Kopf klar hat, dann kann man auch den Leuten sagen, wo´s lang geht."

Klientin Ille in ihrer Wohnung (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)Gute Pflege bedeutet für Klientin Ille: "Zunächst einmal, dass man sich dem zuwendet." (Deutschlandradio / Elin Hinrichsen)

Sie hat schon einige rausgeworfen. Die, die sich nicht nach ihr gerichtet haben. Sie kennt sich aus. Hat in jüngeren Jahren sie selbst schon Angehörige gepflegt, mehrere. Gute Pflege; was bedeutet das für sie?

"Zunächst einmal, dass man sich dem zuwendet. Dass man den Menschen, den man vor sich hat, der ist ja kein Stück Holz, zum Bearbeiten, sondern, dass man den respektiert; manche sind auch sehr schrullig, auch ich bin manchmal schrullig, aber es muss stimmen, ich bin dankbar für alles, was man für mich tut; aber ich erwarte es bitte auch, dass man es so tut, wie ich es brauche."

Schwester Andreas nickt und verabschiedet sich. 60 Prozent Pflege am Bett; 40 Prozent Arbeit im Büro. Er darf jetzt noch den Dienstplan schreiben; für sich und seine Kollegen des ersten Buurtzorgteams in Emsdetten. Ab zehn Kollegen gibt es ein zweites Team. Die Revoluzzer werden mehr; die Pflege-Revolution wächst. Von unten her.

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