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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.03.2017

NachbarschaftDer Fremde von nebenan

Von Gerhard Richter

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Blick in ein Treppenhaus des ehemaligen IT-College Putbus auf der Insel Rügen (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)
"Guten Tag" gewünscht? Manchmal sieht man nur den Rücken des Nachbarn, bevor er hinter seiner Tür verschwindet. (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)

Machen Sie den Selbsttest: Wer wohnt neben, über und unter Ihnen? Wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn? Was wissen Sie alles über ihn oder sie − und umgekehrt? Forscher untersuchen, wie wichtig diese Beziehung für das Wohlbefinden ist.

Nachbarn sucht man sich nicht aus, sie sind Fremde und doch bekommt man vieles von ihnen mit. Welches Potential steckt in Nachbarschaften? Und welche gesellschaftlichen Herausforderungen müssen und können Nachbarn künftig bewältigen?

Nur 35 Prozent der Deutschen wünschen einen engeren Kontakt zu ihren Nachbarn. Jeder Zweite hierzulande kennt nicht einmal den Bewohner direkt nebenan. Das hat eine Studie der TU Darmstadt ergeben. Die Nachbarschaftmuffelei beginnt offensichtlich schon beim Einzug: In Städten sind nur noch drei Prozent aller neuen Mieter bereit, bei ihrem direkten Nachbarn zu klingeln und sich vorzustellen.

In einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Zeitschrift "Chrismon" sagten 84 Prozent der Befragten, sie würden beim Nachbarn vor allem dann klingeln, wenn er oder sie Post für einen angenommen hat. 72 Prozent würden klingeln, um sich ein Werkzeug zu leihen. Und 68 Prozent würden darum bitten, die Blumen zu gießen, während man weg ist. Schon mit solch kleinen Gefälligkeiten entsteht ein heikles Schuldverhältnis.

Man lässt sich in Ruhe

Die Zauberformel heißt: "Höfliche Distanz". Und so grüßt man und hilft, lässt sich aber ansonsten in Ruhe. Die eigene Wohnung begreifen viele als Rückzugsort, als privates Himmelreich, als Schutzhaut gegen die stressige Außenwelt. Zu der gehören auch die Nachbarn. Etwa dann, wenn sie Lärm verursachen. Ärgerlich, aber selbst das ist für die meisten Menschen kein Grund, beim Nachbarn zu klingeln.

40 Prozent würden sich beschweren, wenn die Musik zu laut ist, 15 Prozent klingeln, wenn die Nachbarskinder zu sehr toben, Grillgeruch begründet bei 12 Prozent der Befragten eine persönliche Beschwerde und 7 Prozent würden bei Nachbarn klingeln, wenn die zu laut beim Sex sind.

Klingelschilder "Du" und "Ich" (imago / Steinach)Duzen Sie etwa Ihre Nachbarn? (imago / Steinach)

"Was können wir füreinander tun?"

Ertrud Mühlens aus Hamburg sagt: "Im Kern ist die Nachbarschaft um uns alle herum, ob wir wollen oder nicht. Dieses positiv zu gestalten, in dem Sinne, wir helfen uns gegenseitig und wir machen gemeinsame Sache, dieser Impuls, den habe ich mitgebracht und umgesetzt. Vielleicht wählen Sie den, der Ihnen wirklich am nächsten ist, also den direkten Nachbarn auf der gleichen Etage sozusagen, klingeln, sagen mein Name ist, ich wohne neben Ihnen, das wissen Sie ja. Wie wär's denn, wenn wir uns mal zusammensetzen, einfach kennen lernen und kucken, was können wir für einander tun?"

Den ersten Schritt gehen, ist eine Herausforderung, die Mut braucht  und im besten Fall Stärke verleiht. Aber das ist allemal besser als zuhause allein fernzusehen. Denn eine gute Nachbarschaft macht stark, sorgt für Wohlergehen und Gesundheit. In Zeiten von immer größerer Segmentierung kann ein guter Nachbar auch schon mal Familie ersetzen. Was also braucht es mehr?

(Online-Text: cre)

Der vollständige Beitrag zum Nachlesen als PDF

Mehr zum Thema:

Nachbarschaft als Herausforderung - Wenn nebenan Krachmaninoff plärrt
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 9.3.2017)

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(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 19.12.2016)

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