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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 20.07.2018

Nach Frankreichs WM-SiegNutzt das Potenzial der Neubürger!

Von Martin Gerner

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Fans von Frankreich feiern über den WM-Sieg auf den Champs-Elysees vor dem Arc de Triomphe und schwenken eine Nationalflagge. (dpa-Bildfunk / AP / Francois Mori)
Frankreich im Siegestaumel. Auch die arabischstämmigen Jugendlichen der Banlieues schwenkten begeistert die Trikolore. (dpa-Bildfunk / AP / Francois Mori)

Der WM-Erfolg der französischen Nationalmannschaft ist auch ein Sieg der multiethnischen Banlieues. Auch Deutschland kann daraus lernen – und sollte sich endlich für das Potenzial seiner Millionen Neubürger interessieren.

Das Echo, das ich dieser Tage von meinen Gesprächspartnern aus Frankreich bekomme, lässt wenig Zweifel: Wenn die Welle des Erfolgs nach dem WM-Sieg trägt, könnten sich im besten Fall viele dumpfe, fremdenfeindliche Parolen von Marine Le Pen und des Front National von selbst erledigen.

Keine Integration nach der WM '98

Denn vor allem in den Fan-Meilen der Banlieues von Paris und der Großstädte haben junge Franzosen arabischer und afrikanischer Abstammung die Trikolore geschwenkt und bis tief in die Nacht die Marseillaise gesungen. Das gab es selbst 1998 nicht, als die Medien nach dem ersten WM-Erfolg den Black-Blanc-Beur-Mythos ausriefen. Der grosse Pakt mit Immigranten-Familien aus Nord- und Schwarzafrika folgte allerdings nicht auf dem Fuß.

Vor allem ließ sich der Mythos nicht von einer Mannschaft auf ein ganzes Land übertragen. Mythos auch, weil schnell klar wurde, welche Probleme Frankreichs Vorstadt-Ghettos unverändert haben und warum nicht nur Pariser Vororte als No-go-Areas gelten.

Sammelbecken der Gescheiterten...

Vor allem Präsident Nicolas Sarkozy hat die Banlieues als Sammelbecken der Gescheiterten stigmatisiert, in denen Menschen in selbstverschuldeter Arbeitslosigkeit und Drogensucht leben und Straßenkrawalle anzetteln. Ein Teil der Medien hat dieses Bild aufgenommen. Fast zwangsläufig und im Sog terroristischer Anschläge der letzten Jahre, wurde so eine Erzählung daraus - mit Banlieues als Hort politischen Fundamentalismus.

Alles Dinge, die das Erstarken des Front National erleichtert haben. Falls jetzt die richtigen Lehren gezogen werden, könnte sich diese Tendenz umkehren.

... oder Ort des Möglichen?

Klar ist: die Franzosen haben sich, quer durch alle Schichten, den Druck des Ausnahmezustandes in ihren Städten mit dem WM-Titel von der Seele gefeiert. Zum ersten Mal nach langer Zeit finden die Banlieues jetzt ein positives mediales Echo. So auch Bondy, der Pariser Vorort, aus dem Kilian Mbappé stammt: "Bondy – Ort des Möglichen" heißt es auf riesigen Werbetafeln mit dem Konterfei des neuen Shooting Stars.

Mbappé lächelt und reckt beide Fäuste in die Höhe. (dpa/TASS/Valery Sharifulin)Der französische Nationalspieler Kylian Mbappé feiert den Finalsieg der französischen Nationalmannschaft (dpa/TASS/Valery Sharifulin)

Nicht nur Frankreichs Fußball, zahlreiche Fußball-Ligen weltweit schöpfen vom Reservoir der Talente, die die anonymen Pariser Vorstädte mit ihren 10-Millionen einsamen Seelen produzieren. Fußball ist dabei keine Erfolgsgarantie. Sport als Leiter zum sozialen Aufstieg kaschiert vielmehr Nachteile, allen voran ungleiche Bildungschancen und Vorurteile über Hautfarbe und Religion.

Das Potential unserer Neubürger

Was geht uns das an? In 20 Jahren – so lange hat es vom ersten zum zweiten WM-Titel der Franzosen gedauert – werden in Berlin-Marzahn, Köln-Chorweiler und Hamburg-Wilhelmsburg, in unseren Vorstädten also, viele von der Million neuer Menschen, die als Flüchtlinge und Migranten zu uns gekommen sind, aufgewachsen sein. Zeit also, diese neuen Mitbürger schon jetzt in ihrem ganzen Potenzial wahrzunehmen und zu fördern.

Neulich habe ich den Lebenslauf eines jungen Afghanen korrigieren dürfen, der ohne Familie vom Hindukusch geflüchtet ist. Dort war er Mitglied des Taekwondo-Nationalteams. Nichts davon stand in seinem Lebenslauf. In der Halle, bei seinen Turnieren aber, kann ich sehen, was er neben Deutsch-Lernen noch draufhat.

Das Positive in der Krise

Dass Deutschland im Umgang mit Minderheiten Nachhol-Bedarf hat, hat der Fall Mesut Özil gezeigt. Frankreich hat hier durch seine Kolonialgeschichte längere Erfahrungen. Ein Modell für Integration hat es ebenso wenig wie Deutschland.

Vom WM-Sieg der Franzosen lässt sich immerhin Eines lernen: das Positive in der Krise zu sehen. Das halb volle Glas, statt des halb leeren. Und dass Aufstehen möglich ist, wenn man kläglich versagt hat oder irrlichtert – sportlich wie politisch, liebes Deutschland!

Martin Gerner ist freier Journalist und Regisseur. Er berichtet als Korrespondent und Autor regelmäßig aus Frankreich und aus Konflikt - und Krisengebieten des Nahen Ostens und Afghanistan. Gerner wuchs in der Pariser Banlieue auf und veröffentlicht u.a. in französischsprachigen Medien. Sein Dokumentarfilm "Generation Kunduz" wurde weltweit ausgezeichnet.

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