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Breitband | Beitrag vom 28.09.2019

Nach Epstein-Affäre am MITMicrosoft-Forscherin Danah Boyd fordert "Stunde der Wahrheit"

Von Thomas Reintjes

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Porträt der US-amerikanischen Medienwissenschaftlerin und Sozialforscherin Danah Boyd (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Die US-amerikanische Medienwissenschaftlerin und Sozialforscherin Danah Boyd kritisiert die IT-Branche nach der Epstein-Affäre scharf. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Nach der Spenden-Affäre am Institut MIT fordert die Forscherin Danah Boyd eine radikale Stunde der Wahrheit und einen Wandel zu mehr Diversität in der IT-Branche. Das Institut hatte Spenden vom Milliardär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein angenommen.

Wie neutral kann Wissenschaft sein, wenn sie mit Spendengeldern aus fragwürdigen Quellen finanziert wird? Das Thema beschäftigt die Technologie-Branche, insbesondere nach der Spendenaffäre des Media Labs am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das Institut hatte mehr als 7,5 Millionen US-Dollar vom Milliardär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein angenommen.

Die Microsoft-Forscherin Danah Boyd, die sich viel mit der sozialen Komponente von Technik beschäftigt, forderte nun ein "Great Reckoning" in der Branche – ein "zur Rechenschaft ziehen" oder "Stunde der Wahrheit".

Danah Boyd gibt sich selbst offenbar eine Mitschuld. In einer Dankesrede bei einer Preisverleihung sagte sie, sie habe von der Großzügigkeit von Männern profitiert, die unethisches, unmoralisches und kriminelles Verhalten anderer Männer geduldet hätten. Sie habe gelernt, sich in der Männerwelt zu bewegen, aufzupassen, was sie sagt, und sich den Rücken freizuhalten.

Belästigung gehört fast schon zur Normalität

Und sie schildert eigene Erfahrungen, wie sie als Studentin am MIT, als Angestellte bei Google und bei einigen anderen Situationen im Silicon Valley belästigt wurde und wie das irgendwann fast zur Normalität gehörte. Sich mit dieser ungesunden Normalität auseinanderzusetzen und sie an der Wurzel zu verändern, fordert Danah Boyd. Ginny Fahs stimmt ihr zu – und arbeitet schon daran.

Ihre Initiative MovingForward arbeite mit 135 Investoren, die etwas verändern wollten. Fahs erarbeitet mit Risikokapital-Firmen interne Verhaltensregeln, die Diskriminierung verbieten und Konsequenzen bei Verstößen festlegen. Indem sie bei den Investoren ansetzt, packt sie das Problem bei der Wurzel.

"Wer das Geld hat, hat die Macht in einem Unternehmen – nicht nur finanziell, sondern auch ethisch, moralisch. Die Haltung eines Investors definiert, was er von einem Unternehmenschef erwartet. Wenn Investoren schlechtes Benehmen egal ist oder sie selbst Menschen belästigen oder diskriminieren, dann werden sie es auch nicht problematisch finden, wenn ein CEO das genauso macht. Umgekehrt nimmt sich der CEO ein Beispiel am Investor, wie er sich in seiner Firma verhalten sollte. Also, wenn dieses Problem auf Investoren-Ebene besteht, dann pflanzt sich das fort und betrifft jeden im Technik-Ökosystem."

Ist die Branche bereit zum Wandel?

Auf die gleiche Weise, hofft Ginny Fahs, wird sich auch positives, inklusives Verhalten von oben nach unten ausbreiten, wenn Investoren zunehmend das Problem erkennen und sich zu ethischem Verhalten verpflichten. Sie glaubt, die Branche sei bereit für diesen Wandel - auch, weil es gut fürs Geschäft sein kann.

"Risikokapitalgeber stehen miteinander im Wettbewerb um die talentiertesten Unternehmer. Um in ein gutes Unternehmen investieren zu können, müssen sie hohen Ansprüchen an Werte und Ethik genügen. Viele werden also nicht nur aktiv, weil sie es richtig finden, sondern auch wegen des Deal Flows und weil die Unternehmer, in die sie investieren, ebenfalls besser werden, wenn sie mit gutem Beispiel vorangehen."

Ein Plädoyer für mehr Diversität

Was Ginny Fahs meint, ist dass die Investoren am Ende profitieren, wenn Technik-Unternehmen mehr Wert auf Inklusivität und vielfältige Teams legen. Denn deren Ergebnisse sind in der Regel besser. Das wirkt sich dann auch auf die Produkte aus, die die Technik-Branche produziert. Wären Teams vielfältiger und gäbe es weniger Diskriminierung, hätten wir heute vielleicht nicht Gesichtserkennungssysteme, die bei Frauen und People of Color eine höhere Fehlerquote haben als bei weißen Männern. Letztlich wirkt sich das dann auch auf die Menschen aus, die die Produkte der Branche jeden Tag benutzen – und damit auf die gesamte Gesellschaft.

Das mag seine Zeit brauchen. Aber Danah Boyd hat in ihrer Rede verdeutlicht, dass jeder in der Branche etwas verändern kann. Es hängt nicht alles an den Investoren. Jeder in Tech könne etwas tun, damit sich strukturelle Ungleichbehandlung nicht noch weiter verfestigt.

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