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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 18.04.2018

Nach dem Shitstorm wegen MDR-Tweet"Wörter sind nicht gut oder schlecht"

Ijoma Mangold im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Der kulturpolitische Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit", Ijoma Mangold zu Gast bei Deutschlandfunk Kultur in Berlin (Deutschlandradio / Alexander Moritz)
"Zeit"-Kulturkorrespondent Ijoma Mangold im Januar 2018. (Deutschlandradio / Alexander Moritz)

Nach harscher Kritik an der Twitter-Ankündigung einer Sendung sagte der MDR eine Radio-Debatte ab. Zeit-Redakteur Ijoma Mangold plädiert für mehr Gelassenheit: Er warnt vor einer Welt, deren kulturelle Bestände aseptisch gereinigt sind.

Shitstorm in Sachsen - ausgelöst durch einen Tweet des MDR. Darin hatte der Sender eine Radiodiskussion, unter anderem mit Frauke Petry und Peter Hahne, mit den Fragen angekündigt:

"Darf man heute noch 'Neger' sagen? Warum ist politische Korrektheit zur Kampfzone geworden?"

Der Tweet zog heftige Kritik auf sich: Zum einen, weil das Wort "Neger" verwendet wurde, zum anderen, weil ausschließlich Weiße als Gäste geladen waren. Als Reaktion auf diese Kritik sagte der MDR die Sendung ab.

Bedeutung und Kontext

Ijoma Mangold, Redakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", plädiert hier für mehr Gelassenheit.

"Wörter sind nicht gut oder schlecht, ihre Bedeutung funktioniert immer nur im Kontext", sagte er im Deutschlandfunk Kultur. Und er bitte doch darum, "so gnädig zu sein", diesen Kontext mit einzubeziehen.

"Bei diesem Tweet war nun erkennbar das Wort nicht gebraucht in einem Sinne von: das gehört so dazu, sondern es war in Zitaten."

In einem solchen Zusammenhang fühle er sich von dem Wort auch nicht beleidigt, sagt Mangold, der als Sohn einer schlesischen Mutter und eines nigerianischen Vaters in Heidelberg geboren wurde.

"Absurd", sich dem Sprachwandel entgegenzustellen

Natürlich gebe es heute andere ethische Anforderungen an die Sprache als vor 30 Jahren, so der Autor weiter. Sich dem Sprachwandel entgegenzustellen, halte er für "völlig absurd". Dennoch stelle sich die Frage, was hier eigentlich gebannt werden solle:

"Wollen wir eine auch als rassistische Beleidigung gemeinte Vokabel bannen? Oder wollen wir ein Wort bannen, von dem wir fürchten, dass manchen gar nicht bewusst ist, dass es rassistisch ist?"

Dass es Letzteres überhaupt gebe, könne er sich nicht vorstellen, zumindest nicht in seiner Generation und in dem Milieu, in dem er sich bewege. 

"Ich kenne niemanden, der das Wort 'Neger' als neutrale Bezeichnung verwenden würde, um zu beschreiben, wie Herr Mangold aussieht. Ist mir noch nicht passiert. Ich kenne nur Fälle von Leuten, die das Wort gebrauchen, um sich irgendwie Luft zu verschaffen."

Warnung vor einer aseptisch gesäuberten Welt

Er wolle nicht in einer Welt leben, die "gewissermaßen aseptisch gereinigt wird von allem, worüber irgendjemand stolpern könnte", so der Journalist und Autor, dessen Autobiografie "Das deutsche Krokodil" im vergangenen Jahr erschienen ist.

"Ich finde nicht, dass das Wort Negerküsse aus der Welt geschafft werden muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass die Mohrenapotheke in Frankfurt umgetauft werden muss und unsere U-Bahnstation in Berlin sehe ich auch lockerer."

Mehr Höflichkeit wagen

Gegen den Streit um die richtigen Worte bringt Mangold etwas anderes ins Spiel: "Vielleicht versuchen wir es einfach mal mit so einem alten Begriff wie Höflichkeit", sagt er.

"Höflichkeit ist doch der Versuch, auf ein Gegenüber, dem man persönlich gar nicht nahesteht, dem man aber versucht, Respekt zu erweisen, den ins eigene Denken einzubeziehen. Dann sind wir auch wieder beim Kontext. Und dann schaut man, was fühlt sich in welchem Kontext gut an."

(uko)

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Die ganze Sendung "Der Tag mit Ijoma Mangold" können Sie hier nachhören:
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