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Sein und Streit | Beitrag vom 29.07.2018

Nach dem Ende der GeschichteWie funktioniert Ideologie heute?

Robin Celikates im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Zwei Schilder mit der Aufschrift "One Way" zeigen in entgegengesetzte Richtungen (imago stock&people)
Einbahnstraßenschilder zeigen in entgegengesetzte Richtungen (imago stock&people)

Ideologie ist ein Begriff wie eine Keule. Wann ist der knüppelharte Vorwurf berechtigt? Und ist an der Rede vom "falschen Bewusstsein" etwas dran? Ja, argumentiert der Sozialphilosoph Robin Celikates.

Leben wir tatsächlich in einem ideologiefreien Zeitalter, wie seit dem Ende des Realsozialismus überall zu lesen ist? Die Rede vom Ende der Geschichte hält sich noch heute und zitiert Francis Fukuyama herbei. Dem namhaften Politikwissenschaftler zufolge hat sich die wirtschaftsliberale Demokratie westlichen Stils als das historisch überlegene Modell erwiesen und damit auch den Streit der Ideologien erledigt.

"Das ist natürlich eine klassische Ideologie zu sagen: There is no alternative. Damit müssen wir uns jetzt den Rest der Geschichte mit abfinden", widerspricht Robin Celikates. Der Sozialphilosoph, Anfang 40, lehrt und forscht in Amsterdam in der Tradition der Kritischen Theorie.

Was macht eine Ideologie ideologisch?

Dass der Streit um politische Deutung und Ordnung keineswegs beendet ist und heute sogar in eine neue Runde geht, beweist schon allein die gegenwärtige Kakophonie. Feministische, multikulturalistische, rechtspopulistische, sozialistische, neoliberale Positionen betreten die politische Bühne und beschimpfen sich gegenseitig als ideologisch. Dieses Konzert wechselseitiger Schmähungen gibt nicht nur Terry Eagleton Recht. Der marxistische Theoretiker hat einmal gesagt, Ideologie sei wie Mundgeruch, an sich selbst merke man sie nicht. Es wirft auch die Frage auf, wann können wir sinnvoll von einer Ideologie sprechen?

"Im engeren Sinne geht es dem Ideologie-Begriff um kulturelle Deutungsmuster und soziale Praktiken, die dazu beitragen, soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten", meint Celikates. Alternativlosigkeit zu behaupten, passt da gut ins Bild.

Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Ideologie-Begriff geht auf Karl Marx zurück. "Bei Marx bezeichnet er eine Form der verzerrten Wahrnehmung und falschen Deutung der sozialen Wirklichkeit, die in dieser Wirklichkeit verankert ist", führt Celikates aus, "Ideologie ist nicht einfach eine Illusion, die wir rein zufällig so entwickelt haben, sondern sie stammt aus dieser Wirklichkeit und erfüllt in ihr eine bestimme Funktion: nämlich dafür zu sorgen, dass bestehende Machtverhältnisse reproduziert werden, ohne dass wir sie infrage stellen oder versuchen, sie zu verändern". So sollten wir den Ideologie-Begriff auch heute verwenden, argumentiert er. 

Weiße US-Amerikaner wirklich unterdrückt?

Wenn also heute zum Beispiel weiße US-Amerikaner beklagen, dass sie inzwischen die Benachteiligten und Unterdrückten seien, dann handelt es sich dabei mehr um eine Verschwörungs-Theorie als um eine ernstzunehmende Ideologie-Kritik, hält der Philosoph fest. "Da muss man sich einfach die Frage stellen: Was ist eigentlich die Diagnose, wer wird hier als herrschende Gruppe, als herrschende Ideologie präsentiert und ist das empirisch zutreffend oder nicht? Und dann kann man Statistiken über das Gefängnissystem, über Arbeitslosenquoten und Armutslosigkeit heranziehen, die alle schwarz auf weiß belegen, dass das eindeutig nicht der Fall ist."

Gibt es "falsches" Bewusstsein?

Die weißen, sich unterdrückt fühlenden Amerikaner leiden also unter einem "falschen Bewusstsein" könnte man dann meinen und damit das berühmte Diktum von Theodor W. Adorno untermauern. Damit ist ein Problem aufgerufen, dass die Ideologie-Kritik schon immer verfolgt, wie ihr eigener Schatten, die Frage nämlich: Von welchem Standpunkt aus lässt sich Ideologie-Kritik überhaupt formulieren. Kann es "richtiges Bewusstsein" geben?

"Tatsächlich kann man in bestimmten Hinsichten von 'falschem Bewusstsein' sprechen", ist Celikates überzeugt, schränkt aber ein: "Ob das politisch die schlauste Rhetorik wäre, ist noch mal eine andere Frage". Mit Blick auf die AfD zum Beispiel hält Celikates die Rede vom falschen Bewusstsein dort für treffend, wo entweder schon die Problem-Diagnose, die Wirklichkeit nicht angemessen beschreibt oder aber der Lösungsvorschlag das Problem nicht behebt.

"Nehmen wir jetzt mal an, das Problem ist tatsächlich Arbeitslosigkeit und ökonomische Verunsicherung, dann würden die Vorschläge von rechts-populistischer Seite – Migration stoppen, Illegale ausweisen, Grenzen schließen – diese Probleme überhaupt nicht effektiv adressieren. Da besteht Einigkeit unter den Experten: Selbst wenn es das Problem so gäbe, wie sie es beschreiben, würden die vorgeschlagenen Mittel nicht helfen, es effektiv zu adressieren".

Mit Linkspopulismus gegen Rechtspopulismus?

Viel wird heute mit der Frage gerungen, wie dem Rechtspopulismus am besten bei zu kommen wäre. Ein prominenter Vorschlag kommt dabei von der französischen Theoretikerin Chantal Mouffe. Sie will dem Rechtspopulismus einen Linkspopulismus entgegenstellen.

Das hält Celikates für keine gute Idee. Ein in sich abgeschlossenes Volk vorauszusetzen, das sich dann nach außen gegen Feinde durchsetzen müsse, das sei nicht übereinzubringen "mit den fundamentalen Werten einer politischen Linken: Freiheit, Solidarität, Vielfalt".

Für verfehlt hält Celikates Mouffes Vorschlag auch, weil er ein einziges großes Empörungs-Potential in der Gesellschaft voraussetze, das von unterschiedlichen Seiten angezapft werden könnte.

"Die Idee wäre dann: Wenn Bernie Sanders kandidiert hätte gegen Trump, dann hätten die ganzen Trump-Wähler eben für Sanders gestimmt. Das ist, glaube ich, ein fataler Irrtum, weil die Motivationslagen und Emotionen, die da im Spiel sind, ganz verschiedene sind. Wenn ich wütend bin über Ungerechtigkeit und ich deshalb will, dass Bernie Sanders als Sozialist gewählt wird, dann ist das eine ganz andere Emotion und politische Dynamik, als wenn ich ressentiment-geladen denke, dass die ganzen Minderheiten kommen und mir meine kulturelle Deutungshoheit und mein 'hart erarbeitetes Vorstadthaus' wegnehmen möchten" , so Celikates.

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