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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 28.10.2016

Nach dem BrexitWie Londoner Start-ups nach Berlin gelockt werden

Von Philip Banse

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Blick auf einen Arbeitsplatz in der Factory Berlin. (dpa/ picture alliance/ Jörg Carstensen)
Blick in die Factory Berlin, ein neues Zentrum der wachsenden Berliner Start-up-Szene (dpa/ picture alliance/ Jörg Carstensen)

Das Land Berlin hat ein Programm aufgelegt, durch das Steuerzahler bis zu 30 Prozent der Gehälter von Start-ups übernehmen. Und das ist nur einer der Gründe, warum immer mehr junge Unternehmer aus London nach Berlin ziehen.

"Wir sitzen hier gerade in Jakarta und es ist ziemlich smogy, es ist sehr grau."

Julian Baladurage reist viel herum dieser Tage, neue Märkte erschließen.

"Ich bin Julian Baladurage, ich bin Mitgründer von MBJ London und MBJ Berlin."

MBJ, das Start-up von Julian Baladurage, baut Webseiten für Mittelständler. Julian Baladurage und sein Mitgründer haben die letzten sechs Jahre in London gelebt, dort ihre Firma gegründet und das Brexit-Votum mitgemacht. Sie wollten immer schon auf den deutschen Markt. Aber der Brexit habe den Umzug des Hauptquartiers nach Berlin beschleunigt.

"Vor allem weil wir ein sehr internationales Team haben. In London sind wir 15 Nationalitäten und wir haben mittelfristig die Sorge, dass diese Leute alle ein Visum brauchen und uns das administrativ und kostentechnisch zu viel wird.

Und da ist es in Deutschland doch leichter, ein großes Team zu bauen. Wir wollen 100 bis 150 Leute einstellen und das werden wir dann doch lieber in Deutschland machen als in London, wo es dann sein kann, dass 80 Prozent der Leute ein Visum brauchen."

MBJ ist nicht das einzige Start-up, dass London den Rücken kehrt.

"Viele überlegen wirklich rüberzukommen. Wir kennen einige, die jetzt ihren Move planen und auch schon rüberkommen. Ich denke, was die meisten Leute stört, ist diese Unsicherheit, dass man nicht genau weiß, was passiert, das ist der Hauptgrund.

Es ist nicht so, dass alle denken, oh Gott, in ein paar Monaten wird London nicht mehr businesstechnisch interessant sein für uns, sondern die Unsicherheit, dass man nicht weiß, was passieren kann und da will man natürlich nicht ein riesen Team aufbauen."

"Das ist keine Blase"

"Ick finde es super praktisch. Ick muss nicht mehr durch die Gegend jetten, die kommen jetzt zu mir, das ist doch super",

...sagt der Berliner Internet-Unternehmer Lukas Weber im Podcast "Freakshow". Weber hat Vimcar mitgegründet, ein elektronisches Fahrtenbuch für Autos. Um ein Start-up zu bauen, sagt Weber, brauche es vor allem gute Leute.

"Berlin geht immer. Wenn Du die Leute fragst, würdest Du nach London ziehen, dann geht's schon wieder los mit Bedingungen. Es darf nicht zwei Stunden U-Bahn fahren und dickes Gehalt und in Frankfurt ist das ja ähnlich. Was aber im Moment geht, ist, dass Du sagst: 'Hey, ist Berlin, ist geil.' Und die Leute sagen: 'Jo, ist geil, komm ich.'

Der andere Aspekt ist, dass es tatsächlich ein riesen Interesse gibt, sowohl von Leuten, die was draufhaben, als auch von Investoren, das in Berlin zu machen. Das ist total real. Das ist keine Blase, das ist ein großartiges Ökosystem. Vielleicht ist das nur eine Mode, aber es ist so."

Die Berliner Landesregierung befeuert den Hype, wirbt mit viel Geld vor allem um Unternehmer aus London.

"Ladies and Gentlemen, good afternoon."

Berlin eröffnete Rekrutierungsbüro in London

Die Berliner Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer beauftragte die Unternehmensberatung KPMG in London ein Rekrutierungsbüro zu gründen: Start-ups, kommt nach Berlin! Auf einer Start-up-Konferenz in London kurz nach dem Brexit-Votum, sagt die Berliner Senatorin:

"Berlin ist der führende Hub für private Investitionen. 2015 sammelten Start-ups in Berlin 2,2 Milliarden Dollar ein. Drei Viertel des Risikokapitals, das in Deutschland investiert wird, geht nach Berlin. Damit liegen wir auch vor London. Und das wird sich noch verbessern."

Denn die hoch verschuldete deutsche Hauptstadt nimmt Millionen in die Hand, um Start-ups nach Berlin zu locken.

"Die Berliner Regierung bietet zahlreiche staatliche Programme an, das reicht von Frühfinanzierung bis zu Kapital für das spätere Wachstum."

Mit einem dieser Programme übernimmt der Berliner Steuerzahler bis zu 30 Prozent der Gehälter der Start-ups – ein Angebot, dass auch der Londoner Gründer Julian Baladurage von MBJ erstaunt und überzeugt hat.

"Da geht es nicht um Anteile oder ein Darlehen, das ist wirklich einfach Funding, das die Stadt Berlin Start-ups gibt, um innovative Leute einzustellen. Und wenn man sich überlegt, gut, wenn man 120 Leute einstellt über drei Jahre hinweg und dafür 30 Prozent Unterstützung bekommt vom Staat, das ist natürlich riesig. Da reden wir über ein paar Millionen."

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