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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.09.2009

Nach dem Aus für die Glühbirne

Wie weh darf Energiesparen tun?

Gäste: Dr. Rainer Grießhammer, stellvertretender Geschäftsführer des Öko-Instituts Freiburg, und Dr. Klaus Wortmann, Umweltpsychologe an der Innovationsstiftung Schleswig-Holstein

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Noch leuchten Glühbirnen in zahlreichen deutschen Haushalten. (AP)
Noch leuchten Glühbirnen in zahlreichen deutschen Haushalten. (AP)

Mit dem 1. September ist es nun Realität: Das stufenweise Aus für die Glühbirne. Zunächst enden – laut Verbot der EU-Kommission - die Produktion und der Import der 100-Watt-Birnen und der matten Varianten, der Verkauf ist jedoch noch erlaubt.

Ab September 2012 soll ganz Europa glühlampenfreie Zone sein. Die Klimaschädlinge sollen durch effizientere Energiesparlampen und langfristig durch LED-Lampen ersetzt werden. Nach Berechnungen der EU-Kommission lassen sich dadurch langfristig 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr einsparen.

Kaum jemand hat allerdings mit den hoch emotionalen Protesten gerechnet: Verbraucher hamstern Glühbirnen, Kritiker beschwören die gesundheitlichen Folgen, Pro und Kontra des Verbots werden heiß diskutiert.

Was ist da schief gelaufen?

"Ich glaube, die Menschen wehren sich, wenn ihnen in ihren Alltag hinein regiert wird", sagt der Umweltpsychologe Klaus Wortmann von der Innovationsstiftung Schleswig-Holstein. "Aus psychologischer Sicht hätte es eine längere Übergangszeit geben können, damit der Bürger Zeit hat, nachzukommen."

Der Psychologe untersucht unter anderem die Einstellung der Menschen zu Umweltfragen. Er und seine Kollegen schauen aber auch, wie man Verbrauchern das Energiesparen schmackhaft machen kann. Wie jeder Psychologe weiß auch er: Die generell positive Einstellung zum Energiesparen heiße nicht unbedingt, dass damit auch das gewünschte Verhalten einhergeht. Energiesparen sei eine "sozial geteilte Norm" – man gehe davon aus, dass es andere auch wichtig finden. Die Frage sei jedoch, wie konsequent man es selbst auch durchziehe. Man kaufe zwar den A++-Kühlschrank, fliege aber trotzdem dreimal im Jahr nach Mallorca.

Seine Überzeugung: "Energiesparen ist sexy. Energiesparen an sich noch nicht, es muss eingepasst sein in moderne Technik. Ein Passivhaus zum Beispiel kann sexy sein. Eine Pelletheizung kann auch sexy sein. Sie hat ein Pionier-Image."

Er setzt auf die Freiwilligkeit der Verbraucher: "Ich lehne alle Maßnahmen einer Ökodiktatur ab. Die Leute müssen sich als Teil der Bewegung fühlen. Die Leute müssen sehen: Wie ändere ich meinen Lebensstil, ohne den Spaß zu verlieren?"

Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch Rainer Grießhammer. Der stellvertretende Geschäftsführer des Öko-Instituts in Freiburg hat die wichtigsten Tipps in einem Buch zusammengefasst, Titel: "Der Klima-Knigge. Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen".

Wo stecken die größten Energiesparmöglichkeiten?

"Ganz klar bei der Heizung und der Wärmedämmung im Haus. Das hängt natürlich vom Haus ab, vom Alter, wo man wohnt. Aber 30 bis 50 Prozent vom Energiebedarf kann man sparen. Zweitens sind es die PKW, da ist man momentan noch oberhalb von sieben Litern beim Verbrauch. Die neuere Generation kommt mit viereinhalb oder drei Litern aus – also auch da eine Ersparnis von 30 bis 50 Prozent. Dann kommt die ganze Palette von Strom verbrauchenden Geräten: Wäschetrockner, Fernseher, Computer. Da kauft man nur, wenn man ein neues Gerät braucht, wenn sie alt sind. Aber es lohnt sich, sie früher zu entsorgen, weil man die Kosten mit effizienteren Geräten wieder reinholt."

Der Chemiker gehört zu den Verteidigern der umstrittenen Energiesparlampen: "Für einen Haushalt mit einem Verbrauch von 300 bis 400 Kilowattstunden haben sie eine große Bedeutung. Mit Energiesparlampen spart man 80 Prozent, das heißt der Bedarf geht auf 75 bis 80 runter. Und der Vorteil ist, die Kosten holen Sie nach weniger als einem Jahr wieder rein."

Er geht privat mit gutem Beispiel voran: Er und seine Frau haben einen Stromverbrauch von 1300 Kilowattstunden, zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Haushalt gleicher Größe hat 3000 Kilowattstunden. "Das ist spannend, denn wir sitzen auch nicht im Dunklen und tragen Wollsocken. Wir haben auch die volle Palette: Spülmaschine, Wäschetrockner, Espressomaschine. Aber wir haben die effektivsten Geräte, dazu Energiesparlampen, Steckerleisten – und das konsequent. Die 1700 Kilowattstunden weniger bringen uns 340 Euro im Jahr."

"Nach dem Aus für die Glühbirne – Wie weh darf Energiesparen tun?"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Klaus Wortmann und Rainer Grießhammer. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/2254–2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.


Informationen im Internet:
Über Dr. Rainer Grießhammer und das Öko-Institut
Über EcoTopTen, ein Projekt des Öko-Instituts

Über Klaus Wortmann und die Innovationsstiftung Schleswig-Holstein


Literaturhinweis:
Rainer Grießhammer: "Der Klima-Knigge: Energie sparen, Kosten senken, Klima schützen", Aufbau-Taschenbuch Verlag, Berlin 2008

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