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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.07.2010

Mythos Nordosteuropa

Johannes Bobrowski: "Nachbarschaft", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010, 77 Seiten

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Als Soldat im Krieg begann Johannes Bobrowskis 1941 zu schreiben. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Als Soldat im Krieg begann Johannes Bobrowskis 1941 zu schreiben. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Johannes Bobrowski gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker nach 1945. Sein Lebensthema wurde die deutsche Schuld - und die ursprüngliche Landschaft im Osten Europas. Zum 80. Geburtstag seines Verlegers Klaus Wagenbach erscheint nun ein Band mit zentralen Gedichten Bobrowskis.

Es ist kein Wunder, dass unter den drei "Oktavheften", die sich der Verleger Klaus Wagenbach zu seinem 80. Geburtstag zu verlegen wünschte, auch eines von Johannes Bobrowski ist. Der Lyriker aus der DDR, der weit über die DDR hinauswuchs und zu einem der großen Lyriker der letzten Jahrzehnte wurde, ist eine Wagenbach-Entdeckung.

Die wichtige Zeit Bobrowskis lag zwischen 1960 und seinem frühen Tod 1965, als 48-Jähriger. Aus den in dieser Phase entstandenen Gedichten hat Wagenbach die wichtigsten ausgewählt und dazu den Prosatext "Der Mahner" gestellt, der 1965 zum ersten Mal in der Aufsehen erregenden gesamtdeutschen Anthologie "Atlas" (der ersten und einzigen dieser Art) erschienen ist.

Den Titel "Nachbarschaft" trug auch bereits der (weitaus weniger umfangreiche) Auswahlband, den Wagenbach 1967 aus Anlass von Bobrowskis Tod zusammengestellt hatte: "Nachbarschaft" war Bobrowskis Lebensthema, es ging ihm um den mythischen Raum "Sarmatien", die nordosteuropäische, sich weit nach Russland hineinstreckende Landschaft aus Wäldern, Senken, Seen und Flüssen und das Völkergemisch, das dort vor der Eroberung durch die Nazis zusammenlebte.

Am russischen Ilmensee, als Soldat im Krieg, begann Bobrowski 1941 zu schreiben - "über russische Landschaft", wie er im Nachhinein erklärte, "aber als Fremder, als Deutscher". Bobrowski ist in Tilsit geboren und "um die Memel herum aufgewachsen", wo Polen, Litauer, Russen, Deutsche und Juden lebten. Nach 1945 wurde dies ein Raum, der eine nicht mehr einholbare Kindheit und eine nicht mehr vorstellbare geschichtliche Phase umschrieb. Die deutsche Schuld und der Osten als ursprüngliche Landschaft werden in Bobrowskis Gedichten eins.

Als Lehrmeister nannte Bobrowski Klopstock, und tatsächlich scheint in seinen Gedichten das aufklärerische 18. Jahrhundert durch, also noch nichts Deutsch-Innerliches oder Gefühlsromantisches: Es ist ein Duktus, der von den klassischen Versmaßen herrührt, von Hymne und Elegie, und manche dieser Gedichte beginnen förmlich mit einer Anrufung, oft in einer einzigen Zeile: "Ebene", "Wildnis", "Feuer", "Zeichen" heißen solche ersten Wörter, die danach aufgefächert werden, durch historische und landschaftliche Assoziationsfelder.

Bobrowski passte Anfang der 60er Jahre weder in die sprachzerlegende Spätmoderne der "abstrakten Fliesenleger" noch zu den "Nüssebewisperern" der Naturlyrik: Er stand einzigartig da, unbedingt zeitgenössisch und doch unverkennbar in der Tradition verankert.

Besprochen von Helmut Böttiger

Johannes Bobrowski: Nachbarschaft
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010
77 Seiten, 8 Euro

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