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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2013

Mythische Morde

Matthias Wittekindt: "Marmormänner", Edition Nautilus, Hamburg 2013, 288 Seiten

Neue Ergenisse der Spurensicherung lassen in "Marmormänner" einen alten Fall hochkochen. (AP)
Neue Ergenisse der Spurensicherung lassen in "Marmormänner" einen alten Fall hochkochen. (AP)

Der zweite Kriminalroman von Matthias Wittekindt handelt von den erneuten Ermittlungen in einem rätselhaften Fall. In "Marmormänner" geht es aber weniger um die Aufklärung der Morde von 1970, als um das Konfliktgeflecht der gespaltenen Gesellschaft des Städtchens Fleurville.

Vor 43 Jahren verschwanden in dem französischen Städtchen Fleurville vier junge Männer. Einer von ihnen wurde später mit durchgeschnittener Kehle in einer Baugrube gefunden, und die verfärbte Haut der Leiche gab dem Fall den Namen: die "Marmormänner". Seither bricht Fleurville in Hysterie aus, sobald auch nur ein Fetzen Stoff im Wald gefunden wird. Denn die Morde wurden nie aufgeklärt. Nun tauchen bei Abraumarbeiten ein Turnschuh und eine Jogginghose auf, und Marie Grenier von der Spurensicherung beweist, dass sie einem der Opfer gehörten, und nimmt die Ermittlungen wieder auf.

Matthias Wittekindt, der mit "Marmormänner" seinen zweiten Kriminalroman vorlegt, belässt es aber nicht bei dieser Geschichte. Zeitgleich entführt ein geschiedener Mann seine Tochter, hat dabei einen Autounfall, flieht und entführt später seine Ex-Frau. Eine rätselhafte Frauenstimme versucht, sich an die Ereignisse von 1970 zu erinnern. Und en passant, aber nicht zuletzt erzählt Wittekindt auch von den Geschicken Fleurvilles, einer Stadt in der Nähe der deutschen Grenze. Denn dass die Bagger überhaupt anrücken, hat mit einem Großinvestor zu tun, der mit Luxuswohnungen viel Geld ins Städtchen spült, aber auch den Charakter Fleurvilles in ein Altenheim für Reiche verwandelt. Die Abstimmung im Stadtrat steht an und spaltet die Bürger.

Das Konfliktgeflecht ist so verzweigt, dass der Verlag ein Personenverzeichnis und eine Landkarte am Ende des Buches abdruckt. Und darum geht es eigentlich auch: Weniger um die Mörder von vor 40 Jahren, als um die Dynamik menschlicher Beziehungen. Und darum, dass nicht unbedingt vorherbestimmt ist, wer in einer sich zuspitzenden Situation zum Täter und wer zum Opfer wird.

Und weil die Dinge so kompliziert sind, schickt Matthias Wittekindt ein ganzes Ermittlerteam los, das sich perfekt ergänzt: Der rationale Roland Colbert ist der Chef. Die hartnäckige Marie von der Spurensicherung arbeitet widerwillig mit Gabrielle Mazet aus der Informatik zusammen, die systematisch denkt. Sergeant Ohayon ist furchtbar langsam, verfügt aber über eine gute Intuition, während sein Kollege Conrey rasant schnell arbeitet. Und Sergeant Resnais ist mit der Tochter eines der Fleurviller Honoratioren liiert.

Die häufigen Einschübe zu den familiären Sorgen der Ermittler nerven zunächst ein wenig, genau wie solche plakativen Sätze: "Die Vergangenheit lässt sich nicht ausschalten". Doch nach und nach stellt sich heraus, dass alles für das Buch seine Bedeutung hat und auch noch das kleinste Teilchen in das riesige "Marmormänner"-Puzzle gehört.

Trotz Wittekindts ungeheurem Figuren- und Handlungsaufwand wirkt sein Stil niemals angestrengt, sondern eher, als hätte dem Autor sein Panorama Fleurvilles und seiner Bewohner großen Spaß gemacht. Die Szenenwechsel sind perfekt konstruiert wie Filmschnitte; die knappe, direkte Sprache treibt die Handlung wie ein Trommelrhythmus voran. Wer der Mörder ist, ist da schon fast egal.

Besprochen von Dina Netz

Matthias Wittekindt: Marmormänner
Kriminalroman
Edition Nautilus, Hamburg 2013
288 Seiten, 16,90 Euro

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