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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.11.2006

Mysterien auf Ceylon

Michelle de Kretser: "Der Fall Hamilton", Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2006, 349 S.

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Straßenszene in  Sri Lanka (AP)
Straßenszene in Sri Lanka (AP)

In ihrem zweiten Roman "Der Fall Hamilton" erzählt Michelle de Kretser eine Geschichte, die im kolonialen Ceylon beginnt und im unabhängig, wenn auch nicht frei gewordenen, Sri Lanka der 70er Jahre eine scheinbare Auflösung erfährt. Der Romanheld ist ein Möchtegern-Dazugehörer, der am Ende einsehen muss, dass er ein Spielball mächtiger Interessen ist.

Von Romanen, über die es heißt, ihre Handlung sei in einer Rezension nur schwer nachzuerzählen, schwebt normalerweise ein nicht ganz unbegründeter Verdacht: Entweder ist die Geschichte derart handlungsarm oder im Gegenteil nur so zugeklatscht mit marionettenhaft auf- und abtretendem (Familien-)Personal.

In dieser Hinsicht jedoch können die Leser von Michelle de Kretsers Roman "Der Fall Hamilton" beruhigt sein: Die in Colombo geborene und in Melbourne lebende Schriftstellerin, welche auf dem Autorenfoto des Verlages mit ihren zwei Zöpfen einer srilankischen Ausgabe von Pippi Langstrumpf ähnelt, hat für ihr Buch nicht nur den renommierten "Commonwealth Writers Prize", sondern auch den renommierten "Encore Award" erhalten, eine Auszeichnung, die einem gelungenen Zweit-Roman gilt. Michelle de Kretser kennt folglich das literarische Handwerk genug, um zu wissen, dass ein "wirklich passiertes" Geschehnis und ein exotisches Ambiente allein noch kein Qualitätsmerkmal darstellen müssen.

Bemerkenswert deshalb, wie sie allen am Wegrand versteckten stilistischen und thematischen Fallen entkommt und ebenso arabeskenhaft wie hochkonzentriert eine Geschichte erzählt, die im kolonialen Ceylon beginnt und im unabhängig, wenn auch nicht frei gewordenen Sri Lanka der siebziger Jahre eine scheinbare Auflösung erfährt: Wer hatte damals den englischen Teepflanzer Hamilton umgebracht? Waren es ortsansässige Kulis, wie der mit den Untersuchungen beauftragte Sam Obeysekere eilfertig vermutet, oder ist statt dessen die Oberschicht der Kolonialisten mit involviert?

Nein, nacherzählen lässt sich dies auf die Kürze nicht, doch der Romanheld (der im ersten Teil des Nachnamens sinnigerweise bereits das englische Wort für gehorchen mit sich herumträgt) ist der Prototyp eines sich selbst entfremdeten und permanent Mimikry betreibenden Möchtegern-Dazugehörers, der sich gern hyper-britisch gibt und am Schluss doch einsehen muss, dass er nichts ist als ein Spielball mächtiger Interessen.

Erzählt wird all dies in einer Sprache, die sich folklorisierenden Klischees verweigert und doch die Dschungelhitze, das Stimmengewirr des Landes sowie jene zu sexuell aufgeladener Trägheit führende Tropenfeuchtigkeit in jeder Zeile sinnlich nachvollziehbar macht.
Kolonialismuskritisch, aber nicht politisch korrekt, provoziert dieser faszinierende Roman beim Leser die Frage, ob ein einziger, Unruhe verursachender (wenn auch letztlich ungelöster) Kriminalfall nicht doch so einiges – und zwar ex negativo – über den fortschrittlichen Charakter des Rechtssystems im damaligen britischen Empire aussagt.

Auf die Idee nämlich, einen Inspektor im heutigen Sri Lanka auf die Suche nach den diversen Verantwortlichen für den bis zur gegenwärtigen Stunde andauernden massenmörderischen Bürgerkrieg zu schicken, ist bislang noch kein Romancier gekommen. Auch im Bereich schwieriger Nacherzählbarkeit gibt es offensichtlich ein historisches Gefälle.

Rezensiert von Marko Martin

Michelle de Kretser: Der Fall Hamilton. Roman.
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger.
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2006, 349 S., geb., 22, 90 Euro

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