Seit 13:05 Uhr Breitband

Samstag, 22.02.2020
 
Seit 13:05 Uhr Breitband

Lesart | Beitrag vom 11.02.2020

Myriam Ouyessad / Ronan Badel: „Der Wolf kommt nicht“Wer hat noch Angst vorm bösen Wolf?

Von Sylvia Schwab

Beitrag hören Podcast abonnieren
Das Cover zeigt die Zeichnung eines Häschens, das sich ängstlich unter einer Bettdecke versteckt. (Cover: Gerstenberg Verlag / Collage: Deutschlandradio)
Die charmante Leichtigkeit französischer Illustrationskunst: "Der Wolf kommt nicht". (Cover: Gerstenberg Verlag / Collage: Deutschlandradio)

Der Wolf hat einen schlechten Ruf: bösartig soll er sein, gefährlich - ein Raubtier eben. Und so taucht er auch in den Märchen und Geschichten auf. Das neue Bilderbuch von Myriam Ouyessad räumt mit diesem Klischee gründlich auf.

Wölfe sind böse, gierig und gemein. Sie fressen kleine Mädchen, alte Großmütter und sechs Geißlein auf einmal. Und dumm sind sie auch, wie man aus dem Märchen vom Wolf und dem Fuchs weiß. Kein anderes Tier hat ein so schlechtes Image wie der Wolf, zumindest im europäischen und besonders im deutschen Märchen wie "Rotkäppchen" oder "der Wolf und die sieben Geißlein".

Ganz anders das sehr witzige und einfallsreiche Bilderbuch "Der Wolf kommt nicht". Schon der Titel bürstet die Erwartung an eine Wolfsgeschichte gegen den Strich, denn: der Wolf kommt ja wohl nicht! Warum also eine Geschichte erzählen? Weil - das wird schnell klar - es in erster Linie nicht um einen bestimmten Wolf geht, sondern um die ganz allgemeine Angst vor dem Wolf.

"Bist du dir sicher, dass der Wolf nicht kommt?" 

Ein kleines Hasenkind wird von seiner Mutter ins Bett gebracht und fragt aus heiterem Himmel: "Bist du dir sicher, dass der Wolf nicht kommt?" Worauf die Mutter es beruhigt und alle möglichen Argumente anführt, warum der Wolf auf keinen Fall in ihre Wohnung kommen kann. Doch das Häschen bohrt weiter, fragt immer genauer, hinterfragt jede weitere Erklärung der Mutter und hat immer wieder Gegenargumente parat, warum der Wolf doch ins Haus kommen könnte. Bis die Mutter das Gespräch rigoros mit einem "Gute Nacht, Häschen!" beendet.

Aber dann macht es "Klopf, klopf, klopf" an der Tür, und wer nun kommt, kann man sich denken. Doch statt sich verschreckt zu verstecken, springt das Hasenkind dem Wolf mit einem Freudensprung in die Arme. Schlagartig wird klar, dass man das Buch bisher ganz falsch verstanden hat: Nicht die Angst, der Wolf käme, stand hinter den besorgten Fragen des Häschens, sondern die Angst, er käme nicht. Denn das Häschen hat Geburtstag und der Wolf war noch nicht da, um sein Geschenk zu überreichen!

Hintergründig und ironisch

Es ist genial, wie einfach und zugleich überraschend der Schluss dieser Geschichte daherkommt! Man hat sie von Anfang an missverstanden, muss sie also sofort noch einmal lesen. Plötzlich liest sich jeder Satz anders – und auch jedes Bild betrachtet man neu. Was beim ersten Anschauen nur lustig oder komisch war, erscheint nun hintergründig und ironisch. Auch die Bilder zu den knappen zweifarbigen Dialogen - Mutter blau, Häschen rosa - persiflieren die alte Mär vom bösen und dummen Wolf. Denn der entkommt auf dem Weg zum Kind den schießwütigen Jägern wie auch den gefährlichen Autos, versteckt sich listig im Park und schlüpft schlau ins Haus. Um im letzten Moment noch sein Geschenk zu übergeben.

In zartem hellblau-rosa-grau-braun sind diese Bilder gehalten, locker und schwungvoll im Strich, witzig im Detail und kurios in der Beobachtung der missverständlichen Kommunikation zwischen Mutter und Kind. Ein typisches Beispiel für die charmante Leichtigkeit französischer Illustrationskunst. Ein echter Spaß!  

Myriam Ouyessad/ Ronan Badel: "Der Wolf kommt nicht" 
Übersetzt aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Gerstenberg/ Hildesheim 2019, 32 Seiten, 13 EUR

Mehr zum Thema

Bayerischer Naturschutz - Das Dilemma mit Wolf und Rhönschaf-Lämmchen
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 28.05.2019)

Bücher über Hunde - Ein besonderes Tier, ein besonderes Verhältnis
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 20.09.2019)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur