Montag, 13.07.2020
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.04.2010

Mut zur Nachkriegsarchitektur

Das denkmalgeschützte Kölner Schauspielhaus wird nicht zerstört

Von Friederike Schulz

Podcast abonnieren
Blick auf die Fassade des Kölner Schauspielhauses (Schauspiel Köln)
Blick auf die Fassade des Kölner Schauspielhauses (Schauspiel Köln)

Anders als zunächst geplant wird das von Wilhelm Riphahn entworfene Kölner Schauspielhaus nun doch saniert statt abgerissen. Die Bürgerinitiative "Mut zur Kultur" hatte mehr als 50.000 Unterschriften für den Erhalt gesammelt. Zuletzt zog sie die Mehrheit im Stadtrat auf ihre Seite.

Rund 50 Mitglieder der Bürgerinitiative "Mut zur Kultur" sind es, die sich in der Kantine des Schauspielhauses im ersten Stock versammelt haben. Sie feiern ihren Sieg über die Stadtverwaltung: den Erhalt des 60er-Jahre-Baus aus rotem Backstein – entworfen von Wilhelm Riphahn.

Gemeinsam mit dem schnörkellosen Betonbau des Opernhauses und den Opernterrassen bildet das Schauspiel ein Gebäude-Ensemble, das jetzt komplett saniert wird, freut sich der Sprecher der Bürgerinitiative, Jörg Jung.

"Sie sind für die Stadtgeschichte von Köln, weil sie den Geist repräsentieren, der in Köln nach der totalen Zerstörung herrschte, als erstes Bauprojekt ein großes Opern- und Schauspielensemble zu bauen. Man muss immer sagen, dass von Anfang an an das Gesamtensemble von Oper und Schauspiel gedacht war. Und dieser Geist, mitten in die Stadt Kultur zu setzen, war der Geist, der Köln mal zur Kulturhauptstadt gemacht hat. Von diesem Geist ist dann danach etwas verloren gegangen, aber vielleicht haben wir jetzt etwas wiedergewonnen, indem wir dieses Ensemble gerettet haben, denn jetzt ging es darum, einen unsinnigen Neubau zu verhindern, wo doch eine Sanierung die Bühnen durchaus zukunftsfähig machen kann."

Bereits 2006 hatte der Rat der Stadt eigentlich entschieden, das Opernhaus zu sanieren, das Schauspiel dagegen abzureißen und neu zu bauen. Denn seit Langem war klar, dass beide Gebäude völlig marode sind und der Spielbetrieb bald kaum noch aufrecht zu erhalten sein würde. Missstände, die Kölns Kulturdezernent Georg Quander seit Jahren anprangert.

"Das Grundproblem ist, dass die Stadt seit der Errichtung an diesen Bühnen für den Unterhalt und die Sanierung der Gebäude wie der technischen Anlagen so gut wie nichts getan hat. Die Gebäude sind heute in einem Zustand, in dem sie nicht mehr betriebssicher sind. Sie entsprechen auch nicht mehr den rechtlichen Vorschriften von Brandschutz, Arbeitsstättenverordnung und Barrierefreiheit. Deswegen müssen sie dringend saniert werden, und zwar sowohl in der Gebäudesubstanz als auch in den Fassaden, in den technischen Anlagen. Wir haben Rohrbrüche und massive Ausfälle zu verzeichnen."

Doch bald war klar: Der Neubau des Schauspiels würde deutlich teurer werden als geplant. Also bat der Rat die Architekten, nachzubessern und eine preiswertere Variante zu präsentieren, die die Politik im vergangenen Dezember dann auch absegnete.

Dagegen protestierte allerdings die Intendantin Karin Beier. Warum nicht besser das bestehende Haus sanieren, anstatt für 115 Millionen Euro ein neues hinzustellen, mit dem dann keiner zufrieden ist, fragte Karin Beier. Damit begann mit vier Jahren Verspätzung eine hitzige Debatte unter den Kulturschaffenden der Stadt.

Die Initiative "Mut zur Kultur" sprang der Intendantin bei und sammelte Unterschriften für den Erhalt des historischen Ensembles. Die Resonanz war unerwartet groß, innerhalb weniger Wochen kamen 50.000 Unterschriften zusammen, doppelt so viel wie für ein Bürgerbegehren nötig. Die CDU, Die Linke und zwei kleine Bürgerbündnisse im Stadtrat waren daraufhin schnell zu überzeugen, auch das Schauspiel zu sanieren – SPD, Grüne und FDP wollten es dagegen darauf ankommen lassen und einen Bürgerentscheid herbeiführen.

Doch dann knickten die Grünen, die seit Monaten in der Frage gespalten waren, in letzter Minute ein. Somit gibt der Rat dem Anliegen der Bürger statt – die Sanierung des Schauspiels ist beschlossen, der Bürgerentscheid überflüssig. Fraktionschefin Barbara Moritz rechtfertigt den Stimmungsumschwung der Grünen mit einem langen Meinungsfindungsprozess.

"Wir hatten die Architekten da, wir hatten Techniker da, wir hatten die Intendanten da und sind immer mehr zu der Überzeugung gelangt: Es ist möglich. Dann ist die Tendenz in der Fraktion immer deutlicher geworden: Lasst uns jetzt dem Bürgerbegehren beitreten. Es gab auch die Betrachtung: Man stelle sich vor, wir machen jetzt einen Bürgerentscheid, und der scheitert knapp an der Hürde, die ja in Nordrhein-Westfalen besonders hoch ist, was machen wir dann? Das gibt ja überhaupt keinen Sinn, wenn wir insgesamt für Sanierung sind."

Oberbürgermeister Jürgen Roters von der SPD hatte somit keine Mehrheit mehr und musste sich dem Beschluss beugen. Allerdings warnt er nach wie vor vor den finanziellen Risiken, die die Sanierung des Schauspielhauses mit sich bringen könnte. Denn selbst Kulturdezernent Georg Quander wagt derzeit keine Prognosen. Und auch die Zahlen, die in den Ratsfraktionen und bei der Bürgerinitiative kursieren, weichen deutlich voneinander ab, warnt Jürgen Roters.

"Die bisherigen Vorstellungen sind noch sehr vage, es muss jetzt vieles präzisiert werden. Es sind Risiken da, die man nicht unterschätzen darf – auch bei der Frage: Muss alles neu ausgeschrieben und vergeben werden? Da sind wir an Rechtsvorschriften gebunden, auch an europäische Vorgaben. Das werden wir jetzt sehr zügig prüfen und versuchen, uns mit allen Beteiligten an einen gemeinsamen Tisch zu setzen."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDas alte Rom - einfach vulkanisiert
Rauchwolken am Vulkan Okmok vor der Küste von Alaska. (imago images / StockTrek Images)

In den Feuilletons wird diskutiert, ob ein Vulkan vor der Küste Alaskas am Untergang des Römischen Reiches schuld sein könnte. Die FAZ hält nichts von der These und schmäht die Anhänger als Fantasten, die alte Quellen manipulierten.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 25Zurück aus dem Netz: Theater unter Corona-Auflagen
Stadion der Weltjugend (Schauspiel Stuttgart / Conny Mirbach)

In einigen Bundesländern dürfen die Theater wieder öffnen – unter strengsten Auflagen. Wie kann das aussehen: Live-Theater unter Corona-Bedingungen? Darüber sprechen wir mit der Theaterkritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur