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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.05.2013

Musterbeispiel für Regiewillkür

Uraufführung von Nußbaumeders "Mutter Kramers Fahrt zur Gnade"

Von Ulrich Fischer

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Die Protagonistin des Stücks ist eine pensionierte Grundschullehrerin - und sie hat Sendungsbewusstsein.  (AP)
Die Protagonistin des Stücks ist eine pensionierte Grundschullehrerin - und sie hat Sendungsbewusstsein. (AP)

Christoph Nußbaumeder hat ein aktuelles und gesellschaftskritisches Stück geschrieben. Doch seine Uraufführung in Recklinghausen geriet willkürlich - die Regisseurin Heike M. Götze verhunzte das Stück, indem sie die Figuren ins Absonderliche trieb.

Mutter Kramer ist "eine pensionierte Grundschullehrerin", Christoph Nußbaumeder hat mit ihr eine klar konturierte Protagonistin für sein neues Volksstück "Mutter Kramers Fahrt zur Gnade" geschaffen.

Vor einem Jahr ist ihr Mann gestorben, sie wohnt jetzt allein im zu groß gewordenen Haus. Eines Tages klingelt es, vor der Tür steht Rudi Schmitz, ein arbeitsloser Konditor; er bringt Anita Kramer das Portemonnaie zurück, sie habe es verloren. Aber nichts ist, wie es scheint…

Mutter Kramer ist dankbar, aus dem Kontakt ergibt sich eine Liebesgeschichte. Erst später erfährt Anita, dass sie Opfer eines Komplotts geworden ist. Ihre Putzfrau hat Rudi erzählt, ihre Arbeitgeberin habe Geld, auch eine Sammlung mit Goldmünzen, die könne er, wenn er erst einmal in der Wohnung sei, stehlen. Die Putzfrau erweist sich später als Geliebte von Anitas verstorbenem Mann, er hatte mit ihr ein Kind.

Die Enttäuschungen hageln nur so auf Mutter Kramer ein – aber sie ist vom Leben gestählt. Ihre Arbeit als Lehrerin hat sie mit den Schwächen der Menschen vertraut gemacht: "Ich hatte eigentlich nie Probleme mit meinen Schülern, meine Devise war immer: Wenn man einen Menschen besser behandelt als er ist, dann wird er auch ein besserer Mensch", lautet ein Schlüsselsatz.

Rudi ist skeptischer; er hat als Langzeitarbeitsloser schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter gemacht. Eines Tages heißt es, er sei mit dem Messer auf seine Vermittlerin losgegangen – aber ob das stimmt? Oder ist es nur die Erfindung eines Revolverblatts? Mutter Kramer hilft dem Flüchtigen und spricht ihm Mut zu – er solle sich stellen, er werde sicher bestraft, aber danach sehe man weiter.

Christoph Nußbaumeder diskutiert die Frage, ob die Arbeitslosen selbst an ihrer Arbeitslosigkeit schuld sind oder die Gesellschaft, die nicht hinreichend Arbeit zur Verfügung stellt – und er ergreift Partei. Wie seine Protagonistin für die Arbeitslosen.

Gleichzeitig übt Nußbaumeder noch Medienschelte: eine solche Geschichte wie die mit dem mörderischen Arbeitslosen und dem armen Opfer, der Arbeitsvermittlerin, versucht die Arbeitslosen (auch noch) zu kriminalisieren. Wem nützt das?, fragt das Stück.

Am besten aber ist Nußbaumeder Mutter Kramer gelungen. Sie ist eine patente Frau – und souverän. Am Ende ordnet sie die Wirrnis. Sie verkauft das zu große Haus und gibt denen etwas ab, die bedürftig sind. Ihre Tochter, die eine erstklassige Ausbildung und eine wohlbezahlte Arbeit hat, geht leer aus.

Wie in jedem guten Volksstück steht die kleine Welt für die große. Unsere Krise, so legt Nußbaumeder, ganz im Sinn des letzten Kirchentages, nah, ist nicht undurchschaubar – im Gegenteil, jede Grundschullehrerin könnte sie lösen: Wir haben genug, müssen aber den Wohlstand gerecht verteilen.

Wenn die Dialoge mitunter auch etwas papieren klingen, so ist Nußbaumeder doch ein interessantes, aktuelles, provozierendes und gesellschaftskritisches neues Volksstück geglückt – Heike M. Götze hat es bei ihrer Uraufführungsinszenierung verhunzt. Alle Figuren sind ins Absonderliche getrieben, Rudi erinnert eher an Charlie Chaplin und einen Clown als an einen Konditor.

Alle sprechen zu laut und selten miteinander, sondern meistens ins Publikum und die Kostüme, die die junge Regisseurin auch noch entworfen hat. Sie haben Zeigecharakter weit entfernt vom Alltag. Gerade Rudi als Clown erinnert an Figuren Becketts – der ist ein Meister der Absurden. Nußbaumeder aber hat ein realistisches Stück geschrieben.

Diese Uraufführung, die am Mittwoch im Rahmen der Ruhrfestspiele in Recklinghausen über die Bretter ging, ist ein Musterbeispiel für Regiewillkür. Heike M. Götze versucht, sich auf Kosten des Dramatikers zu profilieren. Wichtige Aspekte des Stücks gehen über Bord, es ist ein Jammer. Das Stück harrt noch seiner Entdeckung auf der und für die Bühne.

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