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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.03.2019

Muslimische VereineWie die Muslimbruderschaft Einfluss gewinnt

Von Joseph Röhmel

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Eine kleine Holz-Moschee auf einem Tisch wirft lange Schatten. (dpa/picture alliance/ Friso Gentsch)
Die Bruderschaft will strenge islamische Werte weltweit vermitteln. (dpa/picture alliance/ Friso Gentsch)

Die Muslimbruderschaft gilt als einflussreichste und älteste Bewegung des politischen Islam. Ihr Ziel: Die westliche Kultur unterwandern und Gottesstaaten gründen. In Deutschland versucht die Bruderschaft, Einfluss auf muslimische Vereine zu gewinnen.

Hausbesuch bei Khallad Swaid, Präsident der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft. Die DMG ist ein Verband von rund rund 50 Moscheen. Eine besonders enge Bindung besteht zum Islamischen Zentrum München. Dort wurde die DMG vor 60 Jahren gegründet. Vereinzelt wirkten Muslimbrüder am Aufbau des Zentrums mit.

"Die Muslimbrüderschaft ist in diversen Phasen politisch bekämpft worden in den Heimatländern, aus denen diese Menschen hergekommen sind," sagt Khallad Swaid. Laut bayerischem Verfassungsschutz gelten DMG und das Islamische Zentrum als muslimbrudernah und daher als demokratiefeindlich. Das hält Khallad Swaid für falsch:  

"Wir haben uns eine Vision gegeben als Deutsche Muslimische Gemeinschaft, die heißt: Muslimisches Leben ist bereichernder Teil der deutschen Gesellschaft. Wir wollen, dass Muslime ihren staatsbürgerlichen Pflichten nachkommen und sich auf den unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlich einbringen."

Das islamische Zentrum München mit seinem hellblauen Minarett ist auf der anderen Straßenseite zu sehen. (Picture Alliance/ Marc Müller)Das Islamische Zentrum München wurde 1973 eröffnet. (Picture Alliance/ Marc Müller)

Verfassungsschützer behaupten, viele den Muslimbrüdern nahestehende Organisationen geben sich nach außen offen und dialogbereit, um Fuß zu fassen in der Gesellschaft. Ihr Ziel ist es jedoch, Deutschland in einen Gottesstaat zu verwandeln. Alles nur eine Verschwörungstheorie?

Wir schauen uns um, auf der Website des Islamischen Zentrums München. Einträge, die sich auf den Koran berufen und den Alltag regeln sollen:

"Üblicherweise geht die Frau nach der Scheidung ohne die Kinder in ihr Elternhaus zurück."

"Durch die Mehrehe kann vor allem verwitweten oder geschiedenen Frauen eine Versorgung ermöglicht werden."

"Die niedrige Verbrechensrate in muslimischen Gesellschaften ist auf die Anwendung des islamischen Gesetzes zurückzuführen."

Solche Einträge lassen die Islamismusforscherin Susanne Schröter zweifeln, ob das Islamische Zentrum in München wirklich auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Die Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe Universität findet:

"Eine patriarchalische Familie wird da gezeichnet, in der die Frau lediglich die Aufgaben hat, für die Kinder zu sorgen, so lange sie verheiratet ist. Sie muss sich in jedem Fall dem Manne unterordnen. Und all das widerspricht komplett der Realität, die wir in Deutschland haben und widerspricht auch deutschem Recht. Dieses islamische Zentrum separiert Muslime dezidiert vom Rest der Gesellschaft."

Abwertung von Nichtmuslimen

Eine Parallelgesellschaft, in der westliche Werte "haram", also verboten, sind. Wird das gelebt? Zwei Schülerinnen und Muslima aus Bayern berichten davon:

Mädchen: "Wir haben ja in jedem Klassenzimmer ein Kreuz. Und da hat mir ein Schüler gesagt: Schau da nicht hin, das ist haram."

Ein anderes Mädchen: "Wir haben gegessen. Dann hat der Sohn sich über die Schule beschwert, dass die halt auch Weihnachten feiern und Ostern. Dann hat der Vater gesagt, dann sag doch einfach deine Meinung, dass es dir nicht passt."

Trägt auch das Islamische Zentrum in München mit seiner Internetseite zu einem solchen Denken bei? Khallad Swaid verurteilt es, wenn Nichtmuslime abgewertet werden. Und er verspricht, die Website werde heutigen Maßstäben angepasst:

"Wir haben mit den Verantwortlichen im Zentrum diskutiert. Ist das noch eure Position? Und dann haben die das verneint. Aber wir haben nie Zeit gehabt, uns nochmal damit zu beschäftigen. Und das ist vor 20 Jahren ins Internet gekommen."

"Wir betrachten München als unsere Heimat"

Offen und dialogbereit gibt sich auch der junge Münchner Taha Ali Zeidan. Er ist schon mit Personen aufgetreten, die von Verfassungsschützern als muslimbrudernah eingestuft werden. Zeidan ist Mitbegründer mehrerer Vereine. Sie setzen sich zum Beispiel für den Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen in München ein.

Auf dem Youtube-Kanal eines solchen Vereins ist bis Redaktionsschluss ein Video sichtbar. Hochgeladen wurde es im Dezember 2015. Das Video zeugt vom München-Besuch des Gelehrten Abdullah Al-Muslih aus Saudi Arabien, der auch immer wieder in salafistischen Moscheen aufgetreten ist. Taha Ali Zeidan übersetzt die Worte des Gelehrten: "Der erste Anlass zur Freude ist, dass ein Großteil der Anwesenden Jugendliche sind."

Wir fragen ihn, ob er den Muslimbrüdern nahe steht. Er reagiert irritiert und verweist auf Äußerungen im Bayerischen Rundfunk aus dem Jahr 2016, als das Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert wurde und er ein großes Fest organisierte: "Wir sind hier geboren, aufgewachsen und wir betrachten München als unsere Heimat." 

Vortrag über das symbolische Schlagen von Frauen

Zurück zum Video über Al-Muslih. Er war viele Jahre Generalsekretär einer Unterorganisation der Islamischen Weltliga, eine missionarisch ausgerichtete Einrichtung, die weltweit eigene Büros und Kulturzentren unterhält. Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik erklärt ihre Bedeutung:

"Die Weltliga ist Anfang der Sechziger entstanden als Bündnis zwischen der sogenannten Wahabia, also der Lehre, die in Saudi Arabien so eine Art offizielle Staatsreligion oder zumindest eine offizielle Interpretation des Islam ist, und der Muslimbrüder."

Inzwischen würden die Muslimbrüder in der Weltliga nicht mehr eine so wichtige Rolle spielen, sagt Steinberg:

"Aber die Ideologie der Weltliga ist doch weiterhin stark von diesem Bündnis geprägt. Die Weltliga vertritt vor allem die Interessen des saudi-arabischen Staates. Das ist ein Land, indem man noch nicht einmal eine Kirche bauen darf. Und in dem Religionsausübung, solange es nicht die muslimische ist und zwar die richtige muslimische, unter Strafe steht."

Wir stoßen im Internet auf ein Audio, das 2013 hochgeladen wurde. Es ist ein Vortrag des Gelehrten Abdullah Al-Muslih vor deutschsprachigen Muslimen. Darin spricht Al-Muslih laut Übersetzer unter anderem über das symbolische Schlagen von Frauen:

"Er sagt, wie etwas romantisches schon fast. Dass du das Ende der Kleidung nimmst und dann damit deiner Frau irgendwie…. oder mit dem kleinen Holzstück, mit dem wir uns die Zähne putzen. Damit kann man ja niemanden weh tun oder verletzen."

Kann man einen Menschen nach seinen Kontakten beurteilen?

Warum ist der Münchner Taha Ali Zeidan gemeinsam mit dem saudischen Gelehrten Abdullah Al-Muslih in München aufgetreten? Auf schriftliche Anfrage von Deutschlandfunk Kultur antwortet Zeidan unter anderem:

"Dass ich mit Menschen gemeinsam auftrete, muss nicht heißen, dass ich deren Ansicht teile. Aber genau das ist es, was unsere offene Gesellschaft ausmacht. Für Ihre Recherche sind Sie bei mir nicht richtig, da ich die Muslimbruderschaft und Begriffe wie Islamismus, Missionierung und Terrorismus, egal wodurch motiviert, kategorisch ablehne."

Kann man einen Menschen nach seinen Kontakten beurteilen? Khallad Swaid vom islamischen Verband DMG rät davon ab und spricht von Kontaktschuld. Heißt, ein unbescholtener Bürger wird als Extremist eingestuft, allein deshalb weil er einen Extremisten getroffen hat.

"Warum wird das nicht positiv gesehen? Warum wird nicht der Kontakt dahingehend gewertet, dass die Positionen, die der Herr Swaid vertritt dann auf den übergehen, den man extreme Positionen nachsagt?"

Verfassungsschützer stellen trotzdem fest, wer sich mit wem trifft, ziehen ihre Schlüsse und registrieren strukturelle Zusammenhänge.

Verbindungen zu salafistisch-missionarischen Organisationen

Der Münchner Taha Ali Zeidan zum Beispiel hat den Verein "Deutscher Bund für den edlen Koran" mitgegründet, der Koranwissen vermitteln will. Kein Beobachtungsobjekt der Sicherheitsbehörden, aber der Verein hat 2018 einen Koran-Workshop gemeinsam mit dem "Europäischem Institut für Humanwissenschaften" in Frankfurt organisiert.

Laut Verfassungsschutz Hessen eine muslimbrudernahe Bildungseinrichtung. Auf Anfrage bekennt sich das Institut zu den Gesetzen und Werten dieser Gesellschaft. Wie glaubwürdig aber sind solche Bekenntnisse?

Bis Januar 2018 hat das Europäische Institut für Humanwissenschaften einen dreimonatigen Intensivkurs für arabische Studenten ausgerichtet, gemeinsam mit dem Ministerium für religiöse Stiftungen und islamische Angelegenheiten in Kuwait. Ein Ministerium, das nach Recherchen des anerkannten Think Tanks "Carnegie Middle East Center" eine Vernetzung salafistisch-missionarischer Strukturen fördert.

Laut dem Artikel hat das Ministerium in Kuwait in den vergangenen Jahren eine Konferenz organisiert, zu der auch Salafisten geladen waren. Bei diesem jährlichen Treffen sei auch über die religiöse Mission gesprochen worden und wie man neue Gebiete erreichen könne.

"Die muslimische Welt ist in einem großen Umbruch"

"Die muslimische Welt ist in einem großen Umbruch. Ich finde als Muslime, die in Europa sind und die auch Freiheit genießen, dass wir in gewisser Weise eine Verantwortung haben, den Leuten dort zu sagen: Ihr könnt nicht über andere Religionen einfach so hinweggehen."

Susanne Schröter guckt vor einem dunkelroten Hintergrund lächelnd in die Kamera. (imago/ Sven Simon)Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. (imago/ Sven Simon)

Khallad Swaid vom islamischen Verband DMG ist auch Vorsitzender des Vereins der Bildungseinrichtung Europäisches "Institut für Humanwissenschaften". Er verteidigt den Kurs mit dem Ministerium. Es seien nur eine Handvoll Studenten gewesen, überhaupt sei es rein um die arabische Sprache gegangen: "Nicht jeder hat die Gelegenheit, in einem arabischen Land drei Monate zu leben."

Was Khallad Swaid bisher nicht wusste: Laut Verfassungsschutz Baden-Württemberg finanzierte das Ministerium in Kuwait eine Firma, die 2014 ein Gelände in Fellbach-Oeffingen erworben hatte. Die Frankfurter Islamismusforscherin Susanne Schröter:

"Unter anderem ist es aufgefallen als einer der Mitfinanziers eines Zentrums in Baden-Württemberg, eines salafistischen Zentrums."

Durch den Einsatz der Sicherheitsbehörden konnte der Aufbau des Zentrums gestoppt werden.

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