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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.12.2014

Muslimische MigrantenReden in der Emotionssprache

Von Eva Wolk

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Behandlung und Heilung können nur gelingen, wenn die Diagnose stimmt - doch unterschiedliche Kultur und Sprache sorgen für Verständnisprobleme (picture-alliance / dpa / Lehtikuva Marja Airio)
Behandlung und Heilung können nur gelingen, wenn die Diagnose stimmt - doch unterschiedliche Kultur und Sprache sorgen für Verständnisprobleme (picture-alliance / dpa / Lehtikuva Marja Airio)

Die rund vier Millionen Muslime in Deutschland haben nicht nur psychische Leiden, die mit dem Stress der Einwanderung zu tun haben. Sprachbarrieren verhindern hier oft die exakten Diagnosen. In Köln geht eine Praxis auf die Hindernisse von Kultur und Sprache ein.

"Menschen mit dem islamischen Glauben erklären ihre Erkrankungen anders."

Hamidiye Ünal ist Psychotherapeutin in der Kölner Innenstadt.

"Krankheit, Leid werden im Islam als Prüfung Gottes im Leben verstanden. Manche Patienten erklären ihre Erkrankungen zum Beispiel, dass sie sich nicht der Religion gemäß verhalten haben, dass sie wenig gebetet haben oder in diesem Jahr nicht viel gefastet haben, Almosen gegeben haben..."

Vielen Muslimen fällt es nicht leicht, deutschen Therapeuten mit anderem religiösen beziehungsweise soziokulturellem Hintergrund solche Dinge klarzumachen, noch dazu in einer für sie fremden Sprache.

"Die konnten nicht über sich sprechen, über ihr Problem sprechen, sondern mussten ständig, was sie empfinden, erklären."

(Patientin Hülya:) "Zum Beispiel, unter Deutschen: Das 18jährige Kind aus dem Haus – das ist da okay. Aber bei uns - zum Beispiel - ist es nicht okay. Wenn ich das einem deutschen Psychologen erzählen würde: 'Mein Kind ist 18 und will jetzt ausziehen.' Und dann weinen würde – das würde er nicht verstehen. Dann müsste ich also erst einmal erklären und erzählen, wie es bei uns ist oder war.... "

Hülya ist in der Türkei geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland. Die 39jährige geht einmal pro Woche zur Psychotherapie. Obwohl sie gut Deutsch spricht, ist sie froh, einen muttersprachlichen Therapieplatz bei Hamidiye Ünal gefunden zu haben.

"Psychotherapie ist eine emotionale Begegnung. Auch wenn jemand sehr gut Deutsch kann, auch vielleicht hier geboren ist, hat er ein bestimmtes  Bedürfnis, Psychotherapie bei Landsmann oder Landsfrau in Anspruch zu nehmen. Auch Patienten, die sich in der deutschen Sprache richtig mächtig fühlen, können zum Beispiel von Geburt an gelernte Traditionen, Normen, Kultur oder Bedeutungen nur in der Emotionssprache mit mir teilen, dass sie sich auch verstanden fühlen."

Die Kölner Therapeutin hat sowohl muslimische als auch christliche Patienten. Die anfänglichen Sorgen und Bedenken, sich auf psychologische Hilfe einzulassen, sind bei beiden Gruppen die gleichen:  Unsicherheit, was die Therapie denn bringt, die Befürchtung, für verrückt gehalten zu werden, Angst, in der eigenen Vergangenheit zu graben und sich den persönlichen Untiefen zu stellen. Unterschiede hat sie in der Art des Umgangs mit bestimmten psychischen Problemen beobachtet.

Großer Bedarf an muttersprachlicher Therapie

"Zum Beispiel für manche Muslime ist es sehr schwierig, über ihre Suchterkrankungen zu sprechen: Alkohol oder auch Sexsucht, weil Alkohol und Masturbation im Islam verboten sind."

Manchmal erlebt sie auch, dass ihr muslimische Männer nicht die Hand geben bei der Begrüßung, weil sie eine Frau ist.

"Es hat nichts mit mir persönlich zu tun, sondern das hat definitiv religiöse Gründe. Sexuelle Komponenten spielen eine große Rolle. Zum Beispiel, dass die Männer nicht durch die Berührung der Haut erregt werden. Oder dass sie religiöse Waschungen gehabt haben, dass sie dann diese Waschung nochmal machen müssen."

Die Religionen bieten der Psychotherapeutin aber auch nützliche Ansatzpunkte für ihre Arbeit.

"Zum Beispiel, was vom Buddhismus her kommt: Achtsamkeitstherapie. Und für mich ist Religion ein sinnstiftendes, ein haltgebendes Lebenselement für diese Menschen. Im Islam fünf Mal am Tag Beten gibt für einen depressiven Menschen Struktur in seinem Leben."

Der Bedarf an muttersprachlicher Therapie ist bei Migranten groß, denn neben seelischen Problemen, die das Leben grundsätzlich bereiten kann, leiden sie oft jahrelang unter den psychischen Folgen der Auswanderung und des Lebens in einem fremden Land. Die Gesellschaft für türkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung GTP in Bochum, bei der auch Hamidiye Ünal aktiv ist, bemüht sich unter anderem darum, türkischen Migranten bei der Suche nach einem muttersprachlichen Therapieplatz zu helfen.

"Tagtäglich machen wir die Erfahrung, dass es verdammt schwierig ist, türkisch sprechende Patienten zu vermitteln. Wenn sie aus schweren Depressionen in der Klinik waren, dass sie unbedingt Therapie in Anspruch nehmen sollen – es ist wirklich schwer für sie, in der Nachsorge einen Psychotherapieplatz zu finden."

Bisher gibt es viel zu wenige Therapeuten mit muttersprachlichem Angebot. Denn wegen des allgemeinen Überangebots an Psychotherapeuten haben die Kassenärztlichen Vereinigungen vielerorts einen grundsätzlichen Zulassungsstopp verhängt – auch in Köln. Hamidiye Ünal steht seit 1999 auf der Warteliste für eine Kassenzulassung.  Immerhin gibt es für Betroffene ein Schlupfloch namens „Kostenerstattungsverfahren“ – damit bekommt man  unter Umständen die muttersprachliche Therapie in einer Privatpraxis von der gesetzlichen Versicherung bezahlt.

"Es gibt Kolleginnen, die im Kostenerstattungsverfahren angefangen haben, Psychotherapie anzubieten. Kostenerstattungsverfahren ist eine Sondergenehmigung durch die Krankenkasse, das ist eine Ausnahmeerlaubnis."

Das Kostenerstattungsverfahren greift bei Therapiebedürftigen, die ihrer Kasse gegenüber nachweisen können, länger als drei Monate bei kassenzugelassenen Therapeuten keinen Platz bekommen zu können. Für betroffene türkischsprachige Muslime heißt das, sie können die Erstattung einer muttersprachlichen Therapie zum Beispiel in der Privatpraxis Ünal beantragen. So ein Antrag ist allerdings kompliziert, und nicht wenige scheitern daran. Hamidiye Ünal bedauert das sehr, weil sie erlebt, wie positiv ihre Patientinnen auf die muttersprachliche Therapie reagieren.

"Ich kann mir gut vorstellen, weil ich eine gleichgeschlechtliche, also weibliche Therapeutin bin, dass sie sich bei mir erlauben, sich besser zu fühlen. Und es ist auch mal vorgekommen, dass die Frauen ihr Kopftuch abgelegt haben – und dass es denen einfach so gut tut."


Auf der Webseite der Gesellschaft für türkischsprachige Psychotherapie und psychosoziale Beratung e.V. findet sich eine Kontaktliste türkischsprachiger Psychotherapeuten in Deutschland. Die GTP ist ein Zusammenschluss türkischsprachiger Psychotherapeuten und im psychosozialen Bereich Tätiger. 

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