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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.01.2018

Muslimische Jugendliche in Köln-KalkWo Antisemitismus zum Alltag gehört

Von Manfred Götzke

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Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet. (picture alliance / dpa / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus)
Demonstranten verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin. (picture alliance / dpa / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus)

"Die sind Bastarde einfach." – Unter muslimischen Jugendlichen in Köln-Kalk sind antisemitische Vorurteile weit verbreitet. Der unverhohlene Hass auf Juden scheint hier zur Normalität zu gehören.

"Weißt Du, was das heißt auf deutsch, Bruder? Nein ich kann nicht Deutsch, Bruder."

Es ist wenig los auf dem Sportplatz in Köln-Kalk, an diesem milden Winternachmittag. Junge Mütter beaufsichtigen ihre Kinder am Klettergerüst. Auf den Bänken vor dem Fußballfeld chillen Jugendliche. Sie kommen aus der Türkei, aus Marokko, aus Afghanistan, sind alle muslimischen Glaubens und haben eine klare Meinung zu Juden. Keine gute.

"Ich hasse die. Die sind einfach so schlimm. Die sind Bastarde einfach."

"Du hast gerade gesagt, du hasst die?"

"Ich weiß nicht, warum, aber ich hasse das Land, ja. Ich weiß nicht warum, aber ich hasse das Land."

"Deutschland?"

"Nein, Israel, Bruder! Ne ja ich weiß, immer tot gemacht, Mensch!"

"Was würdet ihr sagen, wenn ihr jüdische Schüler in der Klasse hättet?"

"Ich geh nicht nach Schule! Dann würde ich die Schule verlassen! Weil die Politik in Israel so scheiße ist, nein, dann würde ich nicht in die Schule gehen!"

"Also wenn du einen jüdischen Mitschüler hättest, da hättest Du ein Problem mit?"

"Ja klar!"

"Was würdest du zu dem sagen?"

"Keine Ahnung, was ich sagen würde, aber ich würde die Schule verlassen!"

Der 14-jährige Ahmed zuckt mit den Schultern. Warum er Juden für "Bastarde" hält? Kann oder will er nicht begründen. Er selbst kennt auch keine Juden. Das sei einfach so. Seine Kumpels grinsen, manche nicken.

"Die sind scheiße einfach, die sind Problem. Ja, die sind das Problem."

Antisemitismus im Problemviertel

Ich bin unterwegs in Köln-Kalk. In dem ehemaligen Arbeiterviertel leben heute viele Migranten, manche in dritter oder vierter Generation, aber auch viele Geflüchtete, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Fast jeder muslimische Jugendliche, den ich hier anspreche, äußert sich antisemitisch, sofort und ganz offen. Auch der 21-jährige Berufsschüler Erkan sagt ohne Umschweife was er von jüdischen Mitbürgern hält.

"Bruder, ich hab was gegen Juden, das klingt jetzt nicht gut im Radio. Ich mag Juden einfach nicht, so wie die meisten Deutschen keine Türken mögen."

"Und was sagst Du, wenn du mal einen Juden triffst?"

"Kommt drauf an, wie der zu dem Judentum eingestellt ist. Wenn der sagt, es ist gut, was die gegen die Palästinenser machen, dann bekommt der auch eine Ansage von mir."

"Was für eine Ansage?"

"Soll ich wirklich sagen jetzt? Nein belassen wir es dabei, wenn mal irgendein Jude kommt, dann ruf ich sie an."

"Nein, was würdest du dem sagen?"

"Ich würde ihn erstmal fragen, warum die dafür sind, warum die das machen. Die Palästinenser sind ja tot, die haben keine Waffen. Die Israelis werfen 200 Bomben, die Palästinenser werfen eine zurück, dann heißt es, Palästinenser greifen Juden an. Deutsche Medien sind alle für den Arsch! Darf ich das sagen? Wird bestimmt rausgeschmissen. So, das war's dann erstmal von mir."

Erkan ist mit zwei Kumpels aus Sri Lanka unterwegs. 

"Ich bin neutral zu dem Thema. Ja, ich habe auch nichts gegen Juden, ich hab ja Freund, die Juden sind."

"So siehst du auch aus!"

Immerhin einen jungen Muslim treffe ich an diesem Nachmittag, der das Ganze etwas anders sieht. Der 13-jährige Ahmad aus dem Iran.

"Auch wenn man nicht die gleiche Religion hat, kann man mit jedem Mensch befreundet sein, man muss nicht mit jedem Menschen verfeindet sein. Man kann auch mit Juden, Muslimen, Christen leben."

Nur einer hält sich raus

Viele seiner Mitschüler sehen das anders, erzählt Ahmed. Er besucht eine Kalker Realschule, an der die Mehrheit der Schüler muslimischen Glaubens ist. Antisemitische Sprüche gehörten da zum Alltag. Ahmed hält sich da raus. Er sagt aber meistens auch nichts dagegen, er ist in der Minderheit.

"Die sagen, Juden sind schlecht, scheiße, für sie sind Juden keine Menschen. Ich finde das irgendwie unfair gegenüber Juden."

"Ist das denn häufig ein Thema?"

"Also wir sprechen nicht jeden Tag darüber. Am meisten reden die im Sport darüber. Wenn wir noch in der Kabine sind, dann haben wir noch Zeit. Dann sprechen wir über irgendetwas. Dann sprechen die aber über Juden. Keine Ahnung warum, über Juden. Die kommen dann mit so Sprüchen: So, schlechte Juden, Juden sind einfach scheiße, die reden nur über Juden!"

"Warum?"

"Keine Ahnung, die mögen einfach gar keine Juden hier in Deutschland. Glaube ich."

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