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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.06.2017

Muslime in BayernAuf der Suche nach Gebetsräumen

Von Michael Watzke

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Muslime nehmen in den Münchner Kammerspielen an einem Freitagsgebet teil. Als Reaktion auf fehlende Gebetsräume in der Münchner Innenstadt haben Muslime ihr Freitagsgebet zum zweiten Mal in Folge in den Münchner Kammerspielen verrichtet.  (picture-alliance/ dpa / Sven Hoppe)
Muslime nehmen in den Münchner Kammerspielen an einem Freitagsgebet teil. Als Reaktion auf fehlende Gebetsräume in der Münchner Innenstadt haben Muslime ihr Freitagsgebet zum zweiten Mal in Folge in den Münchner Kammerspielen verrichtet. (picture-alliance/ dpa / Sven Hoppe)

Die letzte Moschee im Münchner Stadtzentrum wurde vor einigen Wochen geschlossen wegen Brandschutzproblemen. Seitdem ziehen die Muslime in der bayerischen Landeshauptstadt von Ort zu Ort, um beten zu können. Sogar in einer Kirche waren sie zu Gast.

Der junge Imam Ahmad Popal steht auf dem Münchner Marienplatz. Im Hintergrund hört man die Glocken der Münchner Innenstadt-Kirchen. In einer von ihnen, der St. Michaels-Kirche, hat Imam Popal neulich das muslimische Freitagsgebet gehalten. Auf Einladung der Jesuiten.

"Wir hatten das große, große Glück, dass die St. Michaels-Kirche uns unterstützt hat. Brüderlich im Sinne der abrahamitischen Religionen."

In einer christlichen Kirche zu beten, so der Muslim, sei durch ein Urteil des zweiten Kalifen legitimiert.

"Islamrechtlich haben wir überhaupt keine Schwierigkeiten, in einer Kirche zu beten. Im Gegenteil: es ist überwältigend, in einer Kirche zu beten, die so groß und gewaltig ist, mit diesen wunderschönen Bildern. Ich würde mir wünschen, da würde ein Bild von Michelangelo hängen, ein Bild von Caravaggio. Es war inspirierend und sehr spirituell für mich."

Inspiration im Gebet sucht auch Bayram Aydin. Der türkische Journalist und Muslim schafft es zwar selten, fünfmal am Tag zu beten. Aber mindestens einmal täglich rollt er seinen Gebetsteppich in einer Münchner Vorort-Moschee aus.

"Ich wohne eigentlich in der Nähe von Pasing. Da gibt es einige Moscheen, da kann ich gut beten, wenn ich nicht arbeite, sondern zuhause bin. Aber im Münchner Stadtzentrum fehlen die Räumlichkeiten dafür. Die letzte Moschee wurde vor ein paar Wochen leider geschlossen. Seitdem haben die Leute – die Muslime – die im Stadtzentrum arbeiten, keinen Raum mehr, wo sie beten gehen können. Vor allem am Freitagmittag."

Die letzte Moschee im Stadtzentrum wurde geschlossen

Vor einigen Jahren gab es noch vier Innenstadt-Moscheen in der bayerischen Landeshauptstadt. Kleine, unscheinbare Gebetsräume in Hinterhöfen und Gewerbekellern. Aber seit zwei Jahren gab es Brandschutzprobleme, sagt Ahmad Popal. Grund: jeden Freitagmittag bildeten sich vor den Moschee-Türen lange Schlangen.

"Dadurch, dass Flüchtlinge gekommen sind, sind mehr Muslime da. Deshalb kommen sehr viele zum Beten. Gerade Jugendliche haben den Anspruch und das Bedürfnis."

Imam Popal wollte die Münchner auf den Platzmangel aufmerksam machen. Deshalb wollte auf dem Marienplatz beten, öffentlich, mit mehreren hundert Glaubensbrüdern. Von diesem Plan nahm er jedoch Abstand, nachdem ihm viele abrieten – auch Muslime.

"Es sollte keine Provokation sein. Es sollte einfach nur aufmerksam machen auf die Not, die wir Muslime hier in München haben. Das Freitagsgebet ist fundamental, ein Fundament unserer Religion, dass wir das verrichten können, transparent, in deutscher Sprache."

Dass Imame in Deutschland auf Deutsch beten sollen – und nicht auf arabisch oder türkisch – findet auch Bayram Aydin. Er selbst betet am liebsten die erste Sure des Korans. Die "Sura Fatiha", eine Art Vaterunser des Islam.

"Ich möchte Allah danken für alles, was er mir gegeben hat. Er ist der Mächtigste und Gnädigste auf der Welt. Er soll mir helfen, nicht auf den falschen Weg zu gehen, damit ich ein guter Mensch bleibe."

Auf Deutsch zu beten, findet auch Benjamin Idriz wichtig. Der Imam aus Penzberg in Oberbayern hat in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung gerade erst gefordert, die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität solle islamische Religionsgelehrte ausbilden, auf Deutsch. Nach einem unabhängigen Lehrplan, auf wissenschaftlichem Niveau und nach deutschlandweit einheitlichen Standards.

Münchener zeigen sich sehr hilfsbereit

Idriz setzt sich auch seit Jahren für eine repräsentative Moschee in München ein – bisher ohne Erfolg. Deshalb, sagt Erkan Inan vom Münchner Forum für Islam, fühlten sich die hiesigen Gläubigen...

"... irgendwie als Gebets-Beduinen. Weil: wir können nichts dafür, dass diese Räumlichkeiten geschlossen wurden. Meine Kinder können auch nichts dafür. Und trotzdem müssen wir es jetzt irgendwie ausbaden."

Er sei dankbar, so Inan, dass viele Münchner spontan geholfen hätten. Die Kammerspiele stellten vorübergehend einen Gebetsraum zur Verfügung, eine evangelische Kirchengemeinde am Sendlinger Tor öffnete ihren Gebetsraum für die Muslime. Und auch der jüdische CSU-Stadtrat Marian Offman sagte Unterstützung zu.

Aber einen permamenten Gebetsraum haben die Münchner Muslime bisher nicht gefunden. Aus verschiedenen Gründen:

"Ich glaube, ein gemeinsames Problem haben alle Münchner – das sind die Mietpreise. Und wenn man kaufen möchte, die Quadratmeterpreise. Das sind immense Preise. Wenn man bedenkt, dass all das, was wir tun, was die Moscheen tun, ehrenamtlich ist und zum Teil von Spenden lebt, dann ist das halt sowieso schon schwer zu stemmen."

Allerdings findet Bayram Aydin, dass die Spendenbereitschaft vieler Muslime noch ausbaufähig sei. In der Münchner Innenstadt gebe es durchaus viele wohlhabende und zahlungsfähige Gläubige.

"Die Muslime, die im Stadtzentrum leben und arbeiten, die sollten nicht auf irgendjemand warten, der kommt und sagt: Ich baue jetzt eine Moschee. Das ist unrealistisch. Stattdessen müssen sie sich an einen Tisch setzen und sich gemeinsam Gedanken machen."

Projekt Islamzentrum liegt auf Eis

Imam Benjamin Idriz hatte genau das jahrelang versucht. Sein ehrgeiziges Projekt eines Münchner Islamzentrums scheiterte am Geld. Zu wenige Gläubige spendeten. Und dass dann ausgerechnet der umstrittene Emir von Katar die fehlenden Millionen zuschießen sollte, kam bei der Stadt München nicht gut an.

Das Projekt liegt auf Eis. Für Achim Waseem Seger, einen Münchner Musiker und Muslim, täte es stattdessen schon ein schmuckloser Raum:

"Für mich muss es gar nicht unbedingt ein riesengroßes Millionen-Projekt sein. So lange jeder Platz hat zum Beten, würde mir das reichen."

Waseem sieht sich selbst nicht als strenggläubiger Muslim. Zwar sei ihm das gemeinsame Beten zur Freitagspredigt wichtig, weil es die Gemeinschaft der Gläubigen stärke. Aber zu strenge Konventionen schrecken den Künstler und Freigeist eher ab.

"Also ich versuche, so oft wie möglich zu beten. Bete aber meistens nicht die fünf Gebete zum richtigen Zeitpunkt. Ich bin da ein Mischling zwischen sehr liberal zu beten, wann es mir gerade passt. Ich mach das nicht immer zu einem gewissen Minutenschlag. Und ich glaube auch, dass ganz viele Handlungen als Gebete zu sehen sind. Wenn man jemandem ein Lächeln schenkt, ist das auch ein Gebet, finde ich."

Gemeinde ist zersplittert

Ein Teil des Problems der Münchner Muslime ist, dass sie keine einheitliche Gemeinde bilden, sondern sehr zersplittert sind. Es gibt viele Glaubensrichtungen, noch mehr Nationalitäten, aber wenig Koordination, klagt Bayram Aydin.

"Also wenn alle zusammenkommen, dann können sie es schaffen. Das Problem ist aber momentan: Die muslimische Gemein de ist so sehr gespalten, dass sie momentan nicht zusammenkommen kann, um diese Moschee zu bauen. Aber sie muss Kontakt aufnehmen. Auch mit den Kirchen in München und den Anwohnern vor Ort, um diese Moschee auf die Beine zu stellen."

Bayram Aydin lebt seit 2002 in Deutschland, ist aber in der Türkei geboren. Er steht der türkischen Religionsbehörde DITIB nahe. Die hat in Deutschland Gläubige bespitzeln lassen, die Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan geäußert hatten.

In Nordrhein-Westfalen hat die DITIB kürzlich ihre Teilnahme an einem Friedensmarsch von liberalen Kölner Muslimen verweigert, u.a. mit dem hanebüchenen Argument, im Fastenmonat Ramadan sei es Muslimen körperlich nicht zuzumuten, zum Demonstrieren auf die Straße zu gehen.

Da haben auch in München viele liberale islamische Gläubige den Kopf geschüttelt.

Waschechte Münchner Muslime

Erkan Inan vom Münchner Islamforum hofft, dass zumindest die liberalen, deutschsprachigen Muslime an einem Strang ziehen.

"Der Achmed ist Afghane, der Waseem ist halb Ägypter, halb Deutscher. Ich bin Türke. Und in unserer Initiative gibt es ganz verschiedene Nationalitäten. Tunesier. Marokkaner. Deutsche. Das, was uns verbindet, ist die Sprache."

Damit meint Inan nicht Arabisch, sondern deutsch. Bayerisch gar. Denn er und seine Mitstreiter sehen sich als waschechte Münchner Muslime. Seine Bitte gilt den Mitbürgern der Stadt:

"Jeder, der diesen Beitrag hört und kennt Räumlichkeiten in der Stadt, der kann sagen: Ja hallo, hier gibt es einen Raum, warum bieten wir Ihnen diesen Raum nicht von Freitag zu Freitag diesen Raum für eine Stunde an? Das wäre schon mal was. Ich glaube, jeder kann etwas tun."

Wer auch immer sich angesprochen fühlt – Erkan Inan und seine Glaubensbrüder versprechen, ihn oder sie ins nächste Freitagsgebet einzuschließen.

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