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Tonart | Beitrag vom 06.11.2017

Musikszene in TiflisDie Georgier lieben den Jazz

Von Olga Hochweis

Tiflis bei Nacht. (imago / stock & people )
Schon zu Zeiten der Sowjetunion war Jazz in Georgien beliebt. (imago / stock & people )

Neue Clubs und neue Talente: In Georgien boomt der Jazz und spielt eine herausragende Rolle in der aktuellen Kulturlandschaft der Hauptstadt - auch weil das Land über eine lange Jazz-Tradition zurückblicken kann.

Kiknadze: "Die jugendliche Jazz-Szene ist etwas, worauf Georgien wirklich stolz sein kann."

Exzellente junge Musiker treten Abend für Abend im "Singer" auf, einem Club in Toplage mitten in der Altstadt von Tiflis. Zu den ständig wechselnden Mitspielern der Jazz-Studenten auf der Bühne kommen regelmäßig auch ihre Lehrer auf die Bühne – und der Rektor der Musikhochschule, Rezo Kiknadze.

"Viermal in der Woche spiele ich einfach, weil ich sonst nicht zum Üben komme. Und ganz zu verkorksen ist auch schrecklich, meine Form geht langsam den Bach runter."

Rezo Kiknadze, der 20 Jahre in Deutschland gelebt hatte,  gilt als einer der besten Saxophonisten seines Landes und als ausgezeichneter Pädagoge. Vor allem aber hat sich seit seinem Amtsantritt als Rektor 2012 der Jazz in der Stadt prächtig entwickelt. In Avantgarde-Zentren wie etwa dem Moving Theatre, aber auch in der wachsenden Zahl von Clubs sowie improvisierter Jazz-Foren.

Explosion an neuen Clubs

"Ich bin so glücklich und stolz, weil ich da ein bisschen mitmachen durfte. In den letzten vier, fünf Jahren hat sich das so verändert in eine bessere Richtung. Es ist so populär geworden, dass eigentlich jedes Restaurant es plötzlich als seine Aufgabe ansieht, mindestens einmal die Woche Jazz zu haben. Und es sind alles unsere Studenten, die da beschäftigt sind. Was kann man sich besseres wünschen?"

Karumidze: "Diese neu entstandenen Orte sind nicht für Touristen. Es sind so viele, weil die Georgier den Jazz lieben. Sie gehen  alle da hin, um Jazz zu hören. Wir hatten früher schon nicht wenige Jazz-Läden. Aber in den letzten fünf Jahren war das eine richtige Explosion an neuen Clubs."

Zurab Karumidze ist Autor des preisgekrönten Buchs "Life of Jazz" von 2011. Einige Jahre hat er die Radio-Sendung "Wine and Jazz" moderiert und dabei auch den heimischen Nachwuchs präsentiert: etwa die Wunderkinder wie den 21-jährigen Beka Gochiashvili, der heute in Amsterdam lebt und schon als Neunjährger auf sich aufmerksam gemacht hatte. Seit Jahren arbeitet der Berklee-Absolvent Gochiashvili mit Musikern wie Stanley Clarke oder Chick Corea zusammen.

"Ein anderer Typ, noch jünger als Beka, ist Papuna Sharikadze. Der ist erstaunlich. Sein musikalischer Intellekt ist exzellent. Eddie Gomez hat ein paar von seinen Sachen gehört, der war der Bassist von Bill Evans und jetzt spielen Gomez und Papuna zusammen."

"Herz und Zärtlichkeit"

Viel Selbstbewusstsein kennzeichnet den georgischen Jazz heute. Das liegt nicht allein an den großen jungen Talenten. Es liegt auch am großen Jazz-Erbe. In Tiflis fand 1978 das erste allsowjetische Jazz-Festival statt, u.a. mit Vagif Mustafah Zadeh, der seit seinem 25. Lebensjahr in Georgien lebte. Sein damaliger Bassist, Tamaz Kurashvili, heute 70, wird heute als georgische Jazz-Legende verehrt. Viele Kollegen seiner Generation, die das Land in den sowjetischen Zeiten oder in den politischen Wirren der 90er verlassen hatten, sind in den vergangenen Jahren zurückgekehrt. Und sie bringen eine Menge Erfahrung und weitere Traditionen mit, so wie David Malazonia, Kopf und Herz des Projekts "Iriao"- der Komponist und Keyboarder verbindet den Jazz mit traditionellem dreistimmigen polyphonen Gesang, aber auch mit der Inspiration durch einen lyrischen Komponisten wie Gija Kancheli.

Malazonia: "Das hat Herz und Zärtlichkeit – und das hat diese Ruhe, diese Stille, das ist es, was uns fehlt im Lärm dieser Zeit."

Der architektonische Eklektizismus von Tiflis spiegelt sich in einer Jazz-Vielfalt, die innerhalb weniger Jahrzehnte entstand und Vergangenheit mit Gegenwart verbindet. Es ist zeitlose Musik mit einer universellen Sprache.

Tonart

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