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Tonart | Beitrag vom 07.10.2020

Musikszene in BeirutEin Konzert für zwei Euro ist jetzt vielen zu teuer

Mounir Mahmalat im Gespräch mit Carsten Beyer

Porträt von Mounir Mahmalat am Kontrabass. Er ist nicht nur Musiker sondern hat auch in politischer Ökonomie in Dublin promoviert. Er ist leitender Wissenschaftler am Lebanese Center for Policy Studies, Berater für die Weltbank sowie geschäftsführender Herausgeber des Journal of Middle Eastern Politics and Policy der Harvard Kennedy School.  (Ali Shaikh)
Mounir Mahmalat musiziert, forscht und arbeitet unter anderem als Berater für die Weltbank. (Ali Shaikh)

Die Explosion im Hafen von Beirut und die Corona-Pandemie haben die Kulturszene der Stadt fast zum Erliegen gebracht. Der Cellist Mounir Mahmalat hat mit Freunden erste Konzerte organisiert. Für Kultur fehle vielen Libanesen gerade das Geld, sagt er.

Vor etwa zwei Monaten wurde Beirut von einer verheerenden Explosion verwüstet. Sie richtete schwere Schäden in der libanesischen Hauptstadt an – und auch die lebendige Kulturszene Beiruts wurde nahezu lahmgelegt.

Einer der wenigen kulturellen Orte Beiruts für Konzerte sei zur Zeit der Club "Onomatopoeia", der etwas entfernt vom Ort der Explosion liege, erzählt der Cellist Mounir Mahmalat. Hier habe er vor Kurzem mit zwei befreundeten Musikern ein Konzert gegeben. Das Projekt trage den Titel "Stories" und überbrücke und verbinde die orientalische und die europäische Musiktradition.

Es ist kein Geld da

Dieses Konzert sei nicht das Erste seit der Explosion gewesen, aber die Umstände für Konzerte könnten schwieriger kaum sein, sagt Mahmalat. Der Libanon gehe gerade durch eine fast existenzielle Finanzkrise. Die Kaufkraft der libanesischen Mittelklasse habe sich dramatisch reduziert.

Dadurch sei es schwierig, Ticketpreise zu kalkulieren, was dazu führe, dass man die besten Musiker, die das Land zurzeit zu bieten hat, für umgerechnet etwa zwei Euro erleben könne. Und selbst das erscheint oft noch zu teuer.

Hinzu komme, dass es nach der Explosion zu vielen Corona-Infektionen gekommen sei. Wegen der Versorgung der vielen Verletzten habe man wenig Rücksicht auf die Pandemie nehmen können. Außerdem seien die Auskünfte der Regierung in Bezug auf die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie oft verwirrend. Es habe nach der Explosion einen Lockdown gegeben und auch jetzt gebe es regionale Einschränkungen. Man wisse oft nicht, welche Institutionen wann und wo öffnen könnten.

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Die Finanz- und Wirtschaftskrise sei extrem. Von der Regierung gebe es keine Hilfen. "Das ist aber fast schon verständlich, denn es ist wirklich gar kein Geld da. Für gar nichts." Nur ein paar private Initiativen oder internationale Geldgeber würden hier und da Musiker mit Krediten oder Fördergeldern unterstützen. Die meisten Kulturschaffenden müssten auf ihre Ersparnisse zurückgreifen – wenn sie denn an diese herankommen: Die Banken sind zurzeit sehr restriktiv bei der Auszahlung von Ersparnissen. Ansonsten helfe nur noch das familiäre Netzwerk. 

Zukunft im Ausland

"Man muss sich klarmachen, dass die Krise vielen Libanesen nicht nur die Lebensgrundlage, sondern auch eine Zukunftsperspektive entzogen hat", sagt Mahmalad. Das führe dazu, dass viele Leute wegzögen. Wer könne, suche eine bessere Zukunft außerhalb des Libanon.

Wie es im Libanon politisch weitergehe, wisse niemand. Die Musiker seien in diese Diskussion auch nicht involviert. "Musik und Kultur hat leider keine Priorität. Auch wenn es um nichts weniger als die Identität des Landes geht."

Um den Menschen eine Perspektive zu geben, müsste die Kultur eigentlich ganz oben stehen, sagt Mahmalat. "Nur mit Musik, Theater und Ausstellungen und kultureller Bildung in Schulen kann dem langsamen Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts entgegengewirkt werden."

(nis)

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