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Tonart | Beitrag vom 31.07.2018

Musikreporterin auf Reisen – KapstadtAuf der Suche nach der Weltmusik

Von Kerstin Poppendieck

"South African" steht auf einem Schild über einem CD-Regal im Plattenladen Mabu Vinyl in Kapstadt in Südafrika (Kerstin Poppendieck)
Ein Plattenladen ist immer ein prima Ort, um sich einen ersten Eindruck von der lokalen Musikszene zu verschaffen, so unsere Entdeckerin Kerstin Poppendieck. (Kerstin Poppendieck)

Weltmusik, ein fragwürdiger Genre-Begriff. Unsere Reporterin macht daraus aber eine spannende Herausforderung. Sie hat ihren Rucksack gepackt und reist nun ein Jahr um die Welt, um Musiker, Instrumentenbauer, Konzerte zu besuchen – und Plattenläden wie "Mabul Vinyl" in Kapstadt.

Reisepass, Kreditkarte, Ukulele. Das wichtigste hätte ich. Ok, natürlich sind auch ein paar Klamotten in meinem Rucksack, Zahnbürste und mein Aufnahmegerät. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich schon Leute wie John A. Lomax und vor allem dessen Sohn Alan Lomax bewundere, die mit einem mobilen Aufnahmestudio losgezogen sind, um Musik an den entlegensten Ecken dieser Welt aufzunehmen und für jeden Interessierten zugänglich zu machen. Mein Plan ist zwar nicht, Musik aufzunehmen, aber dafür die Menschen und Geschichten ganz unterschiedlicher Musikkulturen zu entdecken und zu portraitieren.

Werbeschild auf der Straße vor dem Second Hand-Plattenladen Mabu Vinyl  (Kerstin Poppendieck)Der Besitzer des Second Hand-Plattenladens Mabu Vinyl war einer der Fans, die sich auf die Suche nach Sixto Rodriguez gemacht hatten - daraus wurde dann "Searching for Sugarman". (Kerstin Poppendieck)

Meine Reise beginnt in Kapstadt/Südafrika. Für mich fast ein Heimspiel, denn hier habe ich knapp vier Jahre gelebt. In meiner Ferienwohnung gehe ich durch die CD-Sammlung meiner Vermieterin. Selbstgebrannte Mixtapes, Die Beatles, ABBA, "Searching for Sugar Man". Ich muss lachen, als ich den Soundtrack zu diesem Film sehe. Es ist eine der außergewöhnlichsten musikalischsten Geschichten Südafrikas. Der mexikanische Musiker Sixto Rodriguez war in Südafrika ein Megastar, bekannter als Bob Dylan oder Elvis – allerdings eben nur in Südafrika. Sein Album "Cold Fact" war hier in den 1970ern der Soundtrack der Anti-Apartheid-Bewegung.

Jahrzehnte später haben sich zwei südafrikanische Fans auf die Suche nach ihrem Idol gemacht. Was dann passierte, kann jeder in dem Film "Searching for Sugar Man" sehen. Was mir aber einfiel, als ich den Soundtrack in meiner Kapstädter Ferienwohnung entdecke: Einer dieser Fans war Stephen Segerman, der Besitzer eines Second Hand Plattenladens gleich um die Ecke: Mabu Vinyl.

Ein Plattenladen ist immer ein prima Ort, um sich einen ersten Eindruck von der lokalen Musikszene zu verschaffen. Mabu Vinyl ist vollgestopft mit gebrauchten Platten, CDs, Kassetten, T-Shirts und Büchern. Als ich den kleinen Laden betrete, durchsuchen ein paar Leute die Regale nach Entdeckungen.

Viele Musiker in Kapstadt sind deprimiert

Stephen Segerman ist zwar gerade nicht da, aber dafür steht Mayibuye Ntsatha hinter der Ladentheke, Künstlername Mighty. Mighty verdient sich hier seinen Lebensunterhalt, doch seine Leidenschaft ist es, abends in Jazz Clubs aufzulegen. Als wir uns auf der Straße vor dem Plattenladen über die Musikszene Kapstadts unterhalten, sagt er: Viele Musiker in Kapstadt sind deprimiert.

"Hast Du den Typen da grad gesehen? Der war bei Fly Paper Jets. Eine der besten und respektiertesten Bands Kapstadts. Die hatten mal echt viele Fans. Aber dann waren die Fans irgendwann weg. Das ist vielen Kapstädter Bands passiert. Deshalb sind die meisten von ihnen nach Johannesburg gezogen. Kapstadt ist teuer und Künstler verdienen hier einfach nicht genug."

Der Plattenladen Mabu Vinyl in Kapstadt (Kerstin Poppendieck)Mabu Vinyl ist vollgestopft mit gebrauchten Platten, CDs, Kassetten, T-Shirts und Büchern. (Kerstin Poppendieck)

Was Mighty erzählt, klingt alles andere als positiv. Es gäbe kaum noch Spielorte für Musiker in Kapstadt, das Publikum würde kaum Geld für Konzerte ausgeben und am schlimmsten sei es jetzt im südafrikanischen Winter, wenn die Kapstädter abends ihre Häuser nicht verlassen. Es gäbe zwar eine recht aktive Undergroundszene, aber das sind eher Musiker, die das als Hobby betreiben. Wer sein Leben mit Musik finanzieren will, zieht entweder nach Johannesburg oder hofft darauf, im Ausland entdeckt zu werden.

Regierung treibt Musiker in die Existenzlosigkeit

"Frag mal ein südafrikanisches Kind: nenn mir irgendeinen südafrikanischen Musiker. Sie werden dir keinen nennen können. Und dann stell die gleiche Frage jemanden im Ausland. Die kennen garantiert wenigstens einen. Die meisten wirklich guten Musiker sind im Ausland anerkannt, aber nicht hier. Und dann ist da auch noch die Regierung. Ich will gar nicht zu sehr ins Detail gehen."

Aber dann geht Mighty doch sehr ins Detail und schimpft sich in Rage über die Regierung, die sich nicht um Kunst und Kultur kümmern würde, korrupt sei und eine vormals lebendige und vielseitige Musikszene in Kapstadt in die Existenzlosigkeit treiben würde.

Ich denke über Mightys Frage nach, und ja, mir fallen sofort jede Menge südafrikanischer Musiker ein: Johnny Clegg, Abdullah Ibrahim, Hugh Masekela, Miriam Makeba, Freshly Ground, The Parlotones, Die Antwoord. Hier stimmt also das Sprichwort: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Womit wir wieder bei dem Musiker Rodriguez wären. In seiner Heimat Mexiko war auch er ein Unbekannter, hier in Südafrika ist er bis heute ein Superstar.

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