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Musikfeuilleton | Beitrag vom 24.04.2020

Musikprojekte von und mit Geflüchteten Klänge der Hoffnung

Von Eva Blaskewitz

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Die "Banda Internationale Dresden" bei einem Auftritt (deutschlandradio)
Die "Banda Internationale Dresden" bei einem Auftritt (deutschlandradio)

Mehr als eine Million Menschen sind seit 2015 nach Deutschland geflohen. Das wirkungsvollste Gegengewicht zu ihren traumatischen Erfahrungen ist die Musik. Rund 450 Projekte listet das Portal „Musik und Integration“ des Deutschen Musikinformationszentrums auf.

Die Freude an der Musik, der Austausch über Sprachbarrieren hinweg, die Gelegenheit, der Enge und Perspektivlosigkeit des Alltags zu entfliehen: All das macht das Musizieren zu einem wichtigen Anker für viele Geflüchtete. Und es erweitert zugleich den Horizont der einheimischen Teilnehmer.

Vielfalt von Angeboten

Bundesweit gibt es rund 450 Musik-Projekte für Geflüchtete, die das Deutsche Musikinformationszentrum, kurz MIZ, zusammengetragen hat. Und das sind ganz sicher bei weitem nicht alle, sagt Stephan Schulmeistrat, der Leiter des MIZ. Der Bereich "Musik und Integration" ist nur einer von vielen aus dem Musikleben, um die sich das MIZ kümmert – aber ein besonderer. "Musik und Integration war uns ein Herzensanliegen, weil wir im Jahr 2015, als die Flüchtlingsbewegung doch einen Höhepunkt annahm, den wir bis dahin nicht kannten, weil wir in dieser Situation zeigen wollten, wieviel Engagement sich im Musikleben entwickelt, um den Neuankommenden zu helfen."

Das Musikinformationszentrum will den Akteuren mit seiner Plattform "Musik und Integration" Hilfestellungen geben, sie vernetzen, über Fördermöglichkeiten und Fortbildungmaßnahmen informieren und die Vielfalt der Angebote abbilden.

Lebendig und chaotisch

Zu den Projekten gehört auch die Initiative "MitMachMusik", die geflüchteten Kindern in Potsdam und Berlin eine Stimme geben will.

Der Schatten eines Mädchens, das Geige spielt, der sich auf einem Holzfußboden zeigt. (imago images / Cavan Images)Mit Musik kann man eine Sprache finden, mit der man alle Erfahrungen teilen kann. (imago images / Cavan Images)

Als es angefangen hat mit der "MitMachMusik", vor inzwischen vier Jahren, sind Marie Kogge und ihre Kollegen, allesamt professionelle Musiker, einfach zweimal in der Woche in Flüchtlingsunterkünfte in Berlin und Potsdam gegangen und haben die Kinder dort zum Musikmachen eingeladen, alle gemeinsam.

Sehr lebendig und sehr chaotisch war das, erzählt sie, aber natürlich auch schwierig, allen gerecht zu werden. Inzwischen hat das Team ein System mit vier aufeinander aufbauenden Stufen ausgetüftelt. Es fängt an mit Singen und Bodypercussion, nach und nach kommen Instrumente hinzu, das Musizieren in Gruppen mit gleichen Instrumenten, Einzelunterricht, schließlich ein kleines Orchester. Und ab und zu machen alle zusammen ein Hauskonzert.

Wichtiger Anschwung

Prominente Unterstützer waren von Beginn an dabei: Der Kinderarzt Peter Hauber, bekannt für sein Engagement bei der Organisation "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges". Oder Pamela Rosenberg, ehemalige Intendantin der Berliner Philharmoniker, bestens vernetzt und erfahren in der Spendenakquise.

Denn das Projekt kostet Geld: Viele Instrumente haben sie geschenkt bekommen, aber gerade kleine Geigen und Celli für die Jüngsten liegen nicht gerade auf jedem Dachboden herum. Und auch die Dozenten müssen bezahlt werden – nicht zuletzt um sicherzustellen, dass sie regelmäßig da sind.

Denn auch wenn man es ihnen kaum anmerkt, alle Kinder hier haben traumatische Erfahrungen hinter sich, haben Zerstörungen und Tod mit angesehen, viele haben alles verloren, was sie einmal besaßen. Stabilität und Verlässlichkeit sind für sie existenziell wichtig.

Lieder über die Heimat 

Im "Syrischen Friedenschor" in München lassen junge Menschen die Traditionen ihrer Heimat aufleben. Besuch in der Nazareth-Kirche in München-Bogenhausen. Ein niedriger Raum, holzvertäfelt, vorn eine kleine Bühne, darauf ein Keyboard, zwei große Lautsprecher. Auf dem Boden ein Gewirr von schwarzen Kabeln.

Zehn junge Männer stehen in einer Reihe, sie tragen Trainingsanzüge oder sorgfältig zerrissene Jeans. Baseballkappen, zurückgegelte Haare, der Duft von Rasierwasser liegt in der Luft. Sie nennen sich "Syrischer Friedenschor." Einmal in der Woche, immer freitags, treffen sie sich zur Probe, vier Stunden, am Ende wird getanzt. Manchmal sind sie 10, manchmal 15. Die meisten sind zwischen 16 und 28 Jahre alt.

Junge Männer singen und spielen Instrumente auf einer Bühne. (imago stock&people)Syrischer Friedenschor bei der Kundgebung unter dem Motto Wir sind alle von wo! vor der Staatsoper am Max-Joseph-Platz, München am 22.12.2016. (imago stock&people)

Es sind traditionelle arabische Lieder, die die jungen Männer singen, Liebeslieder, Lieder über die Heimat, über alte Zeiten, über den Frieden. Einige haben sie ins Deutsche übersetzt, für das deutsche Publikum in ihren Konzerten. Der Chor ist wie eine Familie, ist von den Sängern immer wieder zu hören, ein Band, das sie mit der Heimat verknüpft, ein Schutzraum, in dem sie für ein paar Stunden vergessen können, was sie erlebt haben. Und er ist für die jungen Syrer ein Weg, mit den Menschen in Deutschland in Kontakt zu kommen.  

Ahmad, Gründer des Chores, erzählt: "Es geht nicht nur um Musik, es geht um die Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Ich weiß nicht, wie ich das formulieren soll, aber es gibt die Worte, die im Herzen sind, das kann man nicht so raussprechen, sonst kommt immer die Erinnerung an die Heimat. Deswegen treffen wir uns jeden Freitag in der Kirche, und wir singen einfach Lieder für die Heimat."

Musik für Sousaphon und Oud

In der Dresdner "Banda Internationale" setzen geflüchtete zusammen mit deutschen Musikern ein Zeichen gegen Hass und Gewalt, denn, so formuliert es ein Band-Mitglied: "Man darf die Menschen in Sachsen nicht allein lassen!"

Der Klarinettist Michał Tomaszewski ist einer von denen, die die Band ins Leben gerufen haben, damals noch als "Banda Comunale". Er erinnert sich an die Gründungszeit: "Und als Pegida kam in Dresden, da haben wir sehr viel gespielt auf Gegendemonstrationen, dann kam die sogenannte Flüchtlingskrise, und wie viele andere Menschen auch, haben wir unseren Weg gesucht, damit umzugehen. Wir haben Konzerte in Lagern, in Turnhallen gespielt, und auf diesem Wege haben wir uns überlegt, Musik und Kunst ist oft ein Grund zu fliehen und es gab tatsächlich geflüchtete Musiker, und die haben wir gesucht und ziemlich schnell gefunden und mit denen machen wir seit drei Jahren Musik.

Junge Männer stehen auf einer Bühne vor einem Straßenpublikum. (imago images / xcitepress)Die Dresdner Banda Internationale mit Freunden auf dem Platz des Friedens in Freital. (imago images / xcitepress)

Thabet Azzawi ist vor viereinhalb Jahren dazu gestoßen, er hat in Syrien Musik und Medizin studiert, gerade ist er dabei, sein Medizinstudium in Deutschland abzuschließen. Er spielt Oud in der Band, die arabische Laute. Ein Freund hatte ihm gesagt, die Banda, das könnte etwas für ihn sein, und ihm eine Telefonnummer zugesteckt. 

"Ich hab die Nummer angerufen, das war Michal, und er sagte, hallo, komm vorbei, du kannst erst mal zu mir kommen, dann trinken wir etwas und  gehen zusammen in die Probe. Und dann war ich in einem Raum, einem ganz kleinen Raum, wo wir kaum Platz hatten, und wir haben versucht, etwas zu jammen, um unsere Launen und unsere Genres zusammen zu kriegen. Und dann hat Richard, unser Saxophonist, den Vorschlag gemacht, ja lass uns 'Ya Rayah' spielen, das ist ein arabisches Lied aus Algerien, was im ganzen arabischen Raum bekannt ist, und ich war damals total begeistert, wie das Lied nicht so traditionell gespielt wurde, sondern mit einem ganz anderen Geschmack."

Peter Birkenhauer spielt Sousaphon und Tuba, er ist schon seit 2006 dabei. Als Student ist er aus Tübingen nach Dresden gekommen. "Wir spielen ja auch öfters im Gefängnis, und da gibt es auch Knast-Bands, das sind dann meistens Vor-Bands, man trifft mit denen zusammen und man weiß, das sind Leute, die haben in Heidenau mitgemacht und randaliert und Leute zusammengeschlagen, man redet mit denen darüber, und sie unterhalten sich aber mit einem Syrer, einem Iraki und einem Burkinabè und sind die dicksten Freunde hinterher, und haben auf einmal so 'ne kognitive Dissonanz im Kopf, da passiert etwas, und wir haben gar nicht über Politik geredet. Sondern wir haben einfach zusammen Musik gemacht."

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