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Religionen / Archiv | Beitrag vom 23.08.2015

Musikprojekt "Semitones"Orientalische Klänge mit jüdischen Texten

Von Jens Rosbach

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Orientalische Schnitzerei in Zedernholz im Orientalischen Pavillon der Berliner Gärten der Welt (picture alliance / zb)
Orientalische Schnitzerei in Zedernholz im Orientalischen Pavillon der Berliner Gärten der Welt (picture alliance / zb)

Die beiden Künstler wollen die sephardische Musik wieder aufleben lassen. Also jene Musik, die von Juden stammt, die einst auf der iberischen Halbinsel lebten – und ab 1492 vertrieben wurden. Dazu haben Pal Yarden und Momo Djender in Berlin ein ungewöhnliches Musikprojekt ins Leben gerufen.

Momo Djender: "Es ist tatsächlich so: Zwischen Arabern und Israelis – oder zwischen Muslimen und Juden – man betont mehr die Unstimmigkeiten zwischen beiden Völkern. Aber man vergisst, dass die andere Hälfte auch da ist: die Gemeinsamkeiten. Zu Zeiten, wo es einfach an Verständnis mangelt, kann man das mit einem Lied besser ausbügeln als mit tausend Politikerreden."

Momo Djender stammt aus Algerien und lebt an der Spree. Der 44-jährige Sänger vereint moderne Klänge mit maghrebinischer, also nordafrikanischer Musiktradition. Djenders erstes Album "Basta Ali" war wochenlang in den algerischen Top Ten. Nun trat der Muslim in Erfurt und Berlin in einer ungewöhnlichen Konstellation auf: Er sang zusammen mit der Jüdin Hadass Pal Yarden.

Die Migranten nahmen Balladen und Romanzen mit

Die beiden Künstler wollen die sephardische Musik wieder aufleben lassen. Also jene Musik, die von Juden stammt, die einst auf der iberischen Halbinsel lebten – und ab 1492 vertrieben wurden. Dabei nahmen die Migranten liturgische Klänge, Balladen und Romanzen mit. Hadass Pal Yarden, 44 Jahre alt, ist Israelin türkisch-syrischer Abstammung. Sie hat osmanische Musik studiert und kennt den Werdegang der andalusischen Romanzen.

Pal Yarden: "Die sephardischen Juden verteilten sich über das gesamte Osmanen-Reich und auch über Europa. Dabei bewahrten sie die Musiktexte aus der Heimat –  übernahmen aber die Melodien von den Völkern, mit denen sie zusammen lebten. So ist die meiste judeo-spanische Musik aus dem Osmanen-Reich türkisch, bulgarisch, griechisch oder jugoslawisch geprägt. Juden haben schon immer die Kultur absorbiert, in der sie gelebt haben."

Sängerin Pal Yarden, die auch als Kantorin arbeitet, berichtet, dass zu vielen arabischen Melodien auch neue hebräische Texte geschrieben wurden. Beim andalusischen Lied "Lamma Badá", das zwischen 800 bis 1000 Jahre alt ist, war der – unbekannte – Textautor sogar besonders kreativ.

Pal Yarden: "Der Autor nahm den arabischen Text und suchte dazu hebräische Worte, die so ähnlich klangen wie die arabischen Worte. Zum Beispiel heißt es auf Arabisch: lamma bada itathana. Aber auf Hebräisch heißt es: lamma haketh nistamna. Auf Hebräisch bedeutet dies: Warum wurde das Ende angekündigt? Und auf Arabisch heißt es: Wo begann es zu blühen? Nur der Klang der Wörter ist der gleiche, der Inhalt ist unterschiedlich."

Sie singen auf Ladino, Arabisch, Hebräisch, Türkisch und Französisch

Beim Berliner Konzertprojekt, das viele Gemeinsamkeiten aufzeigt, wird in der Sprache der sephardischen Juden gesungen, auf Ladino. Aber auch auf Arabisch, Hebräisch, Türkisch und Französisch. Allerdings ist nicht alles bierernst: Momo Djender gibt auch ein volkstümliches maghrebinisches Lied zum Besten.

Momo Djender: "Die Geschichte erzählt von einem Mann, der sich gerade vergnügt mit drei Konkubinen. Und wenn ich ein bisschen nachdenke, dass solche Texte mit solcher Freizügigkeit damals in der islamischen Kultur erzählt werden durften und dass jeder Zugang hatte zu dieser Poesie – ich finde es erstaunlich wie frei denkend die Menschen damals waren. Und ich finde es total traurig, was aus dieser Kultur heute leider Gottes geworden ist."

Die Präsentation arabisch-jüdischer Klangwelten ist eine Idee des Berliners Max Doehlemann. Der jüdische Komponist hatte einige Probleme, die Musik in Noten zu bringen. Vor allem die speziellen orientalischen Tonleitern, die Makams.

Max Doehlemann: "Das ist für westliche Ohren oftmals gar nicht leicht zu verstehen. Für uns klingt das immer so ein bisschen schief irgendwie erstmal. Wir denken, dass ist nicht richtig irgendwie. Aber das ist ein hochkomplexes System und eine hohe Kunst."

Doehlemann fügt dem jüdisch-arabischen Mix eine weitere musikalische Komponente hinzu: Sein Jazztrio begleitet die israelische Sängerin und den algerischstämmigen Sänger – bewahrt dabei aber die kulturellen Unterschiede.

Max Doehlemann: "Wir wollen ja gerade nicht alles durch den Fleischwolf drehen. Und wichtig ist eben, dass solche zwei Leute, zwei starke Pole, sich dann auch verbinden können. Und wir bringen die zusammen."

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