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Tonart | Beitrag vom 02.05.2018

Musikproduzent Brian Eno wird 70"Ich bin ein Kind mit einem Malkasten"

Brian Eno im Gespräch mit Marcel Anders

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Der Musiker und Klangkünstler Brian Eno bei der Vorstellung der Installation "Empty Formalism" im Martin-Gropius-Bau.  (picture alliance / Jörg Carstensen)
Brian Enos Installation "Empty Formalism" ist derzeit im Martin-Gropius-Bau zu sehen. (picture alliance / Jörg Carstensen)

Er gilt als Großmeister der elektronischen Musik: Brian Eno wird am 15. Mai 70 Jahre alt. "Ich hege keine Gefühle, was mein Alter betrifft", sagt Eno und spricht lieber über Kreativität, Inspiration und wie aus Wiederholungen Neues entsteht.

Marcel Anders: Herr Eno, die meisten Ihrer Kollegen und Weggefährten sind längst in Rente oder recyceln nur noch alte Ideen. Sie dagegen sind weiter auf der Suche. Darf man fragen, was Sie antreibt?

Brian Eno: Wenn ich mir die Kunstwerke vor Augen führe, die in verschiedenen Phasen meines Lebens entstanden sind, dann ging es mir eigentlich immer nur darum, etwas zu kreieren, das ich gerade – in dem speziellen Moment - vermisst habe. Die ruhigste Musik, die ich je gemacht habe, entstand zum Beispiel zu der Zeit, als ich in New York gewohnt habe, an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen der Stadt. Unter meinem Loft fuhren ständig große LKWs vorbei. Weshalb es sehr laut war und das Gebäude von Zeit zu Zeit regelrecht gewackelt hat. Trotzdem habe ich ausgerechnet dort "On Land" aufgenommen – ein leises Album, das klingt als wäre es in der Natur entstanden. Es ging mir darum, einen Ort zu erschaffen, an dem ich gerne wäre, aber nicht bin. Und bei meinen Installationen denke ich: Wenn ich in einer Stadt bin, wo würde ich gerne hingehen? Und das sind vor allem Orte, an denen die Zeit stehengeblieben scheint: Galerien, Museen, Kathedralen, Parks - die einen Gegenpol zur Hektik der jeweiligen Stadt bilden.

Hinsetzen, durchatmen, alles sacken lassen

Marcel Anders: Wie ein urbaner Kokon?

Brian Eno: Genau. Und die brauchen wir. In der heutigen Welt passiert so viel. Da müssen wir uns auch mal hinsetzen, durchatmen und alles sacken lassen. Das ist es, was die Leute bei meinen Installationen finden. Und es ist interessant, sie dabei zu beobachten.

Marcel Anders: Tun Sie das öfter? Beobachten Sie Ihr Publikum etwa heimlich?

Brian Eno: Oh ja! Ich bin fasziniert davon, wie viele Leute bereit sind, ihre Zeit mit etwas zu verbringen, bei dem nicht viel passiert – im Vergleich zu gängiger Unterhaltung. Denn da tut sich nichts, es gibt keine Handlung, keine Geschichte, keine verbindenden Elemente. Das wird schon nach zwei oder drei Minuten klar. Trotzdem bleiben sie lange und scheinen damit glücklich zu sein.

Marcel Anders: Was verraten diese Oasen der Ruhe über Sie? Wie rastlos sind Sie? Angeblich stehen Sie schon um drei Uhr morgens auf, um erste Ideen zu entwickeln. Stimmt das?

Brian Eno: Das bin ich mal. Aber mittlerweile denke ich, dass Schlaf sehr wichtig ist. Ich habe festgestellt, dass ich immer müde bin, wenn ich nicht genug bekomme. Denn wenn ich dann mal zwei Minuten nichts tue, nicke ich sofort ein. Weshalb ich in den letzten Jahren darauf achte, sechseinhalb bis acht Stunden pro Nacht zu schlafen.

Ich habe jede Menge Sachen, die ich ablege und speichere.

Marcel Anders: Wie gehen Sie mit den hohen Erwartungen an Ihre Person um - mit dem Druck, wer weiß was Innovatives abzuliefern? Ist es in Stresssituationen schwer, mit Ihnen auszukommen?

Brian Eno: Ich hoffe, ich bin nicht zu übellaunig gegenüber anderen – selbst, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie sollten. Aber: Ich kenne niemanden, der sagt, es wäre schwer mit mir auszukommen. Wie hätte ich in den letzten 48 Jahren mit so vielen Künstlern arbeiten können, wenn ich so schlimm wäre? 

Marcel Anders: Wie halten Sie all die Ideen, die Sie ständig entwickeln, fest?

Brian Eno: Ich habe tausende von Memos in meinem Telefon. Wie diese Kategorie namens "alte Songs" – mit Stücken, die ich nie aufgenommen habe. Manchmal arbeite ich an etwas, und erinnere mich zufällig an diesen oder jenen Song, den ich 1969 verfasst habe. Dann muss ich nur nach dem entsprechenden Titel suchen. Außerdem habe ich eine Ablage mit potenziellen Stücken für meine A cappella-Gruppe. Wir treffen uns jeden Dienstag. Und wann immer ich auf einen Song stoße, der zu uns passt, schreibe ich ihn auf. Dann habe ich noch eine Liste an Dingen, die ich einpacken muss, wenn ich verreise. Die muss ich vor jedem Trip durchgehen - sonst vergesse ich die Hälfte. Ich habe einfach jede Menge Sachen, die ich ablege und speichere.

lick in die Installation "Empty Formalism" von Brian Eno im "ISM Hexadome" im Martin-Gropius-Bau. (dpa / picture-alliance)Blick in die Installation "Empty Formalism" von Brian Eno im "ISM Hexadome" im Martin-Gropius-Bau. (dpa / picture-alliance)

Marcel Anders: Sie gelten als Innovator, stehen aber auf musikalische Wiederholung – auf endlose, repetitive Soundschleifen. Ein Widerspruch?

Brian Eno: Ich denke, Wiederholung ist eine Form von Veränderung. Denn egal, was sich da wiederholt - das Tape-Loop, die Melodie, was auch immer – eigentlich ist es eher der Hörer, der sich verändert. Und eine Art, seine eigene Veränderung einzuschätzen, ist halt im Vergleich zu etwas Konstantem. Zum Beispiel in einer Situation, in der man ein Loop mit einer Sprachaufnahmen abspielt. Wie ein simples "something like", das ständig wiederholt wird. Nach einer Weile fängt man automatisch an, etwas anderes zu hören. Etwa "sunlight", "I am light" oder "light me up". Sprich: Die Bedeutung beginnt sich zu verändern. Weil aber immer dasselbe Loop läuft, kann das nur am Hörer liegen, nicht am Loop. Das Gehirn re-konfiguriert sich. Es ist durch die permanente Wiederholung so gelangweilt, dass es daraus etwas anderes macht. Und insofern ist Wiederholung eine Chance für das Gehirn, zum Komponisten von etwas Neuem zu werden.

Kunst ist nicht nur mein Hobby

Marcel Anders: Sie reden nur ungern über den Produzenten Brian Eno. Liegt es daran, dass er den Künstler in Ihnen überlagert? Stört Sie das?

Brian Eno: Ich verstehe durchaus, dass mich die Leute mit dem assoziieren, was mich bekannt gemacht hat. Trotzdem reagiere ich manchmal ein bisschen gereizt darauf. Gerade in England, wo alle denken, ich wäre ein Musiker, der in seiner Freizeit Kunst produziert – als reines Hobby. Das stimmt so nicht – und deshalb konzentriere ich erst einmal auf meine Installationen. Die erste habe ich schon 1968 angefertigt, vor 50 Jahren.

Marcel Anders: Wie geht es bei Ihnen weiter?

Brian Eno: Ich habe eine Menge Musik gemacht, die ich nie veröffentlicht habe. Etwa eine ganze Welt aus neuer, rhythmischer Musik, mit der ich nichts anzufangen weiß. Deshalb würde ich sie gerne jemandem übergeben und sagen: "Hier, hör dir diese umwerfenden Rhythmen an – warum machst du nicht ein bisschen Musik dazu?" Das wäre mein Traum. Eben zu sagen: "Beende es." 

Ich arbeite für Ruhm

Marcel Anders: Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Zeit wegläuft?

Brian Eno: Die Angst hatte ich schon immer. Und sie ist mein Hauptantrieb. Ansonsten leide ich unter demselben Syndrom wie diese Entdecker, die Neuland betreten und eine Fahne in den Boden rammen, um ihre Besitzansprüche geltend zu machen. Das war auch mir immer wichtig – selbst, wenn das egoistisch ist. Ich denke, Leute arbeiten entweder für Geld oder für Ruhm. Ich arbeite für Ruhm. Und es ist eine fantastische Sache, 70 zu sein und noch wie ein Kind denken und spielen zu können. Das ist es, was ich tue: Ich bin ein Kind mit einem Malkasten.

Marcel Anders: Also ist Ihr 70. Geburtstag am 15. Mai ein Anlass zum Feiern – oder wie gehen Sie mit dem Alter um?

Brian Eno: Ich habe nicht vor, zu feiern. Einfach weil solche Anlässe meist für dämliche Unterhaltungen sorgen. Nach dem Motto: "Was machst du jetzt, da du 70 bist?" Und was sollte ich denn tun, das anders wäre? Soll ich mich in einen Mönch verwandeln oder meinen Kleidungsstil ändern? Ich hege keine Gefühle, was mein Alter betrifft.

Am 4. Mai erscheint Brian Enos Boxset "Music For Installations" – der Soundtrack zu seinen Kunstausstellungen, die momentan Schwerpunkt seines Schaffens sind.

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