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Tonart | Beitrag vom 09.11.2017

Musikkritik und GegenkulturVor 50 Jahren erschien erstmals der Rolling Stone

Von Laf Überland

Jubiläumsausgabe des Rolling Stone Magazine zum 50. Geburtstag im Zeitschriftenregal (dpa / picture alliance / Christina Horsten)
Rolling Stone Magazine: 50 Jahre Musik, Literatur, Gegenkultur (dpa / picture alliance / Christina Horsten)

Die Sechziger sind das Jahrzehnt der großen Umbrüche: Auch Musik und Musikkritik entwickelten sich weiter und brauchten einen Ort, um all das zu verarbeiten. Der Rolling Stone wurde zum Zentralorgan – und setzte auch über die Musik hinaus Maßstäbe.

Bis Anfang der Sechziger war Rockmusik eine einfache Sache: Die Schwarzen machten Rhythm & Blues, die Weißen machten Rock’n’Roll; die Schwarzen hatten die bessere Musik, aber die Weißen kopierten sie und machten sie zu Geld. Und festgehalten wurden die Umsätze der weißen Hits in Chart-Notierungen, die standen in den Zeitungen. Mehr brauchte man nicht.

In den Sechzigern aber änderte sich alles. Die Folkies in New York und Kalifornien fingen an, Songs mit gesellschaftskritischen Texten zu machen. Musiker beteiligten sich an politischen Aktionen. Es war eine Zeit, in der die etablierten Verhältnisse grundlegend hinterfragt wurden und viele Musiker hatten dazu viel zu sagen: Deshalb musste eine Zeitschrift her, die dem Massenpublikum des Rocks die Botschaften verklickerte: We want the world and we want it now.

Genau! Das war 1967. In diesem Jahr explodierte die Rockmusik: Aus purer Unterhaltung war eine Einstellung geworden, aus Rockmusik das Bindeglied einer Gegengesellschaft. Als die erste Ausgabe des Rolling Stone Magazine herauskam, war kurz zuvor der legendäre linke Folksänger Woody Guthrie gestorben, US-Präsident Lyndon B. Johnson hatte 20 Milliarden Dollar für das nächste Jahr in Vietnam bewilligt, Vietnamkriegs-Gegner marschierten zum Pentagon. San Francisco war das Zentrum der Gegenkultur – die Abteilung Afro-Amerika stand in den Städten kurz vorm Bürgerkrieg.

Rumrennen und mitkriegen, was läuft

All dies hatte auch mit der Jugendkultur zu tun, mit Rockmusik und mit Rumrennen und Mitkriegen, was läuft: nicht faul zuhause rumsitzen und das Auto polieren, sondern in der Gegend rumziehen und aufpassen: Like a rolling stone

Als der junge Journalist Jann Wenner und der maßstabsetzende Jazzkritiker und Kolumnist Ralph J. Gleason mit zusammengeliehenem Geld die erste Ausgabe einer Zeitschrift herausbrachten, die diese neue Jugendkultur begleiten sollte, nannten sie sie kurzerhand nach diesem Stück von Bob Dylan, über das Gleason gerade einen Essay geschrieben hatte: The Rolling Stone Magazine. 

Im Editorial der allerersten Ausgabe schrieb Wenner: "Im Rolling Stone geht es nicht nur um Musik, sondern um alle Dinge und Haltungen, die mit Musik zu tun haben. Es genauer zu beschreiben wäre schwierig, wenn es nicht wie Bullshit klingen soll."

Tom Wolfe und Gonzo-Journalist Thompson

Und schnell war es alles andere als Bullshit! Zwar war der Rolling Stone bald die amtliche Stelle für Rockmusik-Kritik – der Gitarrist Johnny Winter bekam einen gut dotierten Vertrag allein auf Grund eines Rolling-Stone-Artikels über ihn  –, aber bald wurde der Stone auch berühmt für seine erstklassigen Interviews und langen Feature-Stories.

Er ließ zentrale Figuren der Counter Culture wie Allen Ginsberg schreiben und Säulen des New Journalism wie Tom Wolfe – und vor allem den Adrenalin-Schreiber Hunter S. Thompson, dessen durchgeknallten Gonzo-Reportagen den Ruf des Blattes als unbeugsame politische Stimme begründete. Aber vor allem blieb das Magazin doch eine Institution des Musikjournalismus, in die man erstmal Eintritt finden musste!

Printkrise erreicht auch das Kultblatt

Mit den Musikern aber wurden auch die Leser älter und der Rolling Stone überhaupt. Ziemlich lange profitierte das Magazin noch davon, dass es den Wandel aus einem wüsten rebellischen Durcheinander in ein nettes bürgerliches Biotop begleitet hatte. Doch das Image als unanfechtbare Instanz brach ein, nachdem das Blatt 2014 über eine angebliche Massenvergewaltigung auf einem Uni-Campus berichtet hatte, die es dann aber gar nicht gab.

Relevante Musik-Information allerdings kommt heute sowieso nicht mehr aus katalogdicken Zeitschriften. Der digitale Umbruch hat ja nicht nur die Musikindustrie, sondern auch den Musikjournalismus auf den Kopf gestellt, und so wie auch bei anderen Formen des gedruckten Journalismus scheinen die Tage des klassischen Rolling Stone Magazines jedenfalls gezählt. Es überraschte daher nicht besonders, dass der inzwischen 71-jährige Gründer Jann Wenner vor Kurzem verkündete, dass die Zukunft für einen familiengeführten Verlag düster aussähe und er deshalb einen Käufer suche.

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