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Tonart | Beitrag vom 24.01.2019

Musikhochschule gegen sexuelle NötigungKein Unterricht mehr in Privaträumen!

Von Tobias Stosiek

Hochschule für Musik und Theater in München (Michael Westermann / imago stock&people)
Hochschule für Musik und Theater in München: "Wir sehen uns da in besonderer Verantwortung." (Michael Westermann / imago stock&people)

Sein Vorgänger ist verurteilt wegen sexueller Nötigung - der neue Rektor der Münchner Hochschule für Musik und Theater nimmt das als Ansporn. Bernd Redmann sagt, die HMT sei sich der besonderen Verantwortung bewusst und wolle vorangehen. Erstmal holt sie auf.

Bernd Redmann, Rektor der Münchner Hochschule für Musik und Theater (HMT), hat es nicht leicht. Das Erbe, das ihm sein Vorgänger Sigfried Mauser hinterlassen hat – inzwischen verurteilt wegen sexueller Nötigung –, beschert der Hochschule nun schon seit einer Weile schlechte Presse. "Sex-Skandal an der Musikhochschule München" titelte zum Beispiel "Der Spiegel" im vergangenen Jahr.

Redmann versprach einerseits eine umfassende Aufarbeitung der Vorfälle; gleichzeitig versicherte er, Maßnahmen zu ergreifen, die die Gefahr des Machtmissbrauchs an seiner Hochschule minimieren sollten.

"Wir sehen uns da in besonderer Verantwortung und wir sehen da auch eine besondere Last auf unserer Hochschule, die wir abtragen wollen", sagt Redmann. "Und wir wollen langfristig darauf hinarbeiten, dass wir bei diesem Thema auch wahrgenommen werden als Vorreiter."

Ziel: Klassenprimus

Vom Schlusslicht zum Klassenprimus – so lautet das erklärte Ziel von Bernd Redmann, Rektor der Münchner Musikhochschule. Spätestens seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den ehemaligen Hochschulrektor Sigfried Mauser im Jahr 2016 steht die Frage im Raum, wie sich sexuelle Diskriminierung und Machtmissbrauch an der Hochschule verhindern lassen.

Noch im selben Jahr hat die Rektorenkonferenz deutscher Musikhochschulen eine Arbeitsgruppe dazu ins Leben gerufen. Und 2017 einen gemeinsamen Maßnahmenkatalog verabschiedet, der zum Beispiel die Einführung von externen Beschwerdestellen vorsieht. Oder das Angebot von Diskussionsveranstaltungen und Workshops zum Thema der sexuellen Diskriminierung.

"Den Maßnahmenkatalog der Rektorenkonferenz haben wir bereits vollumfänglich umgesetzt", sagt Redmann. "Es ist also jetzt schon ein Schritt weiter, den wir als Institution separat gehen, weil wir der Überzeugung sind, unsere Institution muss in ganz besonderer Weise dafür sorgen, dass wir uns bei dem Thema weiterentwickeln."

Einzelunterricht ist fragwürdig

Der eine Schritt weiter, von dem Redmann spricht, besteht eigentlich aus zwei Schritten; zwei konkreten Präventionsmaßnahmen, die der Hochschulsenat jüngst verabschiedet hat. Erstens: Ab dem kommenden Sommersemester gilt: Kein Unterricht mehr in Privaträumen.

"Wir sind der Überzeugung, es ist richtig, einen Trennstrich zwischen Privatem und Dienstlichem, also dem Unterricht, zu setzen. Und da ist eben der Einzelunterricht in Privaträumen fragwürdig."

Wer an der Hochschule lehrt, der unterrichtet auch an der Hochschule – eigentlich eine Selbstverständlichkeit. So sehen es beispielsweise die Hochschule für Musik, Theater und Tanz in Köln oder die Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Dort gibt es zwar keinen entsprechenden Senatsbeschluss. Aber nur deshalb nicht, weil es selbstverständlich sei, dass der Unterricht in der Hochschule stattfinde – wie beide Häuser auf Anfrage bestätigen. Für die Münchner Musikhochschule bedeutet das: Mit dem ersten Schritt "weiter" holt sie eigentlich nur auf.

Anfassen im Unterricht

Der zweite Schritt, den das Haus in Richtung Prävention geht, bezieht sich auf das Thema Anfassen im Unterricht. Zumindest in manchen Fächern selbstverständlich, weil pädagogisches Hilfsmittel. Für den einen Sänger, die eine Sängerin mag es freilich sinnvoll sein, wenn der Lehrer sie an der Taille berührt, um zu zeigen, wo sie sich beim Atmen dehnen muss – anderen sind solche Berührungen aber womöglich unangenehm.

"Da wünschen wir uns von den Lehrenden, dass sie den Studierenden kommunizieren: Das kann ein Mittel sein, es gäbe aber auch Alternativen." Redmann sagt weiter: "Das ist ein nicht ganz einfaches Gespräch. Aber wir sind der Meinung: besser ein Gespräch führen als keins führen."

Ab dem kommenden Semester sind solche Sensibilisierungsgespräche in München obligatorisch. Das mag erstmal peinlich sein – erhöht aber die Chance, dass die Studierenden ihre Grenzen ziehen können – oder das Grenzenziehen lernen.

Gespräche schaffen Klarheit

Für Heinz Geuen, den Rektor der Kölner Musikhochschule, ist das wichtig insbesondere im Hinblick auf die kulturelle Vielfalt an deutschen Musikhochschulen: Gerade asiatische Studenten empfänden es häufig als Affront, dem Professor zu widersprechen oder ihn zu korrigieren, sagt Geuen.

Ein verpflichtendes Sensibilisierungsgespräch könnte da zeigen: Einspruch ist nicht nur möglich, er ist sogar gewünscht. Und nicht zuletzt gibt so ein Gespräch auch den Dozenten Sicherheit. Nämlich in der Frage: Was darf ich eigentlich noch, und was nicht?

"Ich weiß, dass viele der Kolleginnen und Kollegen ähnliche Gespräche auch schon führen. Und da haben viele Kollegen ihren Unterricht auch schon auf den Prüfstand gestellt."

  

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