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Tonart | Beitrag vom 05.08.2016

Musikgenre: "Baile Charme"Tanzen unter der Autobahnbrücke

Von Victor Coco

Tamiris und Freundinnen auf einer Charme-Party (Victor Coco)
Tamiris und Freundinnen auf einer Charme-Party (Victor Coco)

Subkultur in Rio de Janeiro. Das Musikgenre "Baile Charme" vereint R'n'B und Black Music aus den 80ern und 90ern in Tanzchoreos. Die größte Charme-Party findet dort unter einer Autobahnbrücke statt. Regelmäßig kommen tausende Gäste zusammen.

Brasilien gilt als Schlaraffenland für Musikliebhaber. Überall gibt es unzählige Künstler und Musikstile zu entdecken. In Rio de Janeiro dominieren die weltberühmten Samba und Bossanova oder uns weniger bekannte Rhythmen wie Forró und Funk Carioca. Fernab der großen Bühnen hört man allerdings häufig US-amerikanische Black Music: Hier heißt das "Charme". Es gibt eine subkulturelle Szene, für die "Charme" viel mehr ist als bloß ein Musikstil.

Um das mitzuerleben, muss man vom "Central do Brasil", dem Zentralbahnhof von Rio de Janeiro, mit einem Vorstadtzug hinaus in die nördliche Peripherie. Unter der Woche pendeln hier Hundertausende nach der Arbeit aus dem wohlhabenden Süden nach Hause. Touristen verirren sich selten hierher.

Mit dem Zug in die Vorstadt von Rio

Am Samstagabend ist hier wenig los. Zum Nachtleben geht's woanders. Nur ein paar junge Leute warten sichtlich in Schale geworfen am Gleis 5 auf den letzten Zug hinaus in die Vorstadt. Ihr Ziel ist 40 Minuten Fahrt entfernt, ein Stadtteil der Arbeiterklasse: Madureira. Dorthin will auch der 25-jährige Marlon. Er fühlt sich "da draußen" viel wohler als in seinem Stadtviertel Copacabana:

"Ich fahre oft raus nach Madureira. Ich find es dort besser, ich fühle mich zu Hause."

Die Diskos in Copacabana findet er "anonymer und weniger herzlich".

Der dunkelhäutige Marlon fährt nicht irgendwohin, sondern zur vielleicht größten regelmäßigen Open-Air Party Brasiliens. "Baile Charme do Viaduto", übersetzt heißt das "Charme-Party unter der Brücke". Die Party ist für Marlon mehr als eine normale Musikveranstaltung, sondern Teil der "afro-brasilianischen Kultur", wie er sagt. Die Farbigen von heute würden viel mehr Wert auf ihr Äußeres legen. "Die Frisuren sind dafür ein gutes Beispiel", erzählt er. Natürlich gebe es immer noch sehr viel Diskriminierung, aber er sieht eine langsame Verbesserung.

In Madureira geht es also nicht nur um Musik, sondern auch um afro-brasilianische Kultur und Identität. Und irgendwie auch um Frisuren.

Samstagabend unter einer Autobahnbrücke

Der Bahnhof liegt unter einer Autobahnbrücke. Auf einem Platz zwischen zwei Straßen stehen dutzende Plastikstühle und -tische. Verkaufsstände bieten Erbsensuppe, Fleischspieße und Brasiliens bekanntesten Cocktail Caipirinha an.

Einige Meter weiter unter der Unterführung versperren Betonpfeiler, Gitter und Sicherheitsleute den Zugang zu einer riesigen Freifläche. Hier feiert heute die Charme-Party 26 Jahre Bestehen.

DJ Michell ist seit den ersten Tagen dabei. Er ist stolz auf diese Party. Auch weil es nie zu Schlägereien oder Konflikten im Publikum gekommen sei. Der Tanz und die Musik stehe im Vordergrund. "Aber es geht auch um Körperausdruck", so DJ Michell, sowie auch um die Kleidung und den Style der jungen schwarzen Brasilianer, die den Großteil des Publikums bilden.

Entschleunigte Black Music in Reih und Glied

Die Charme-Bewegung entstand Anfang der 80er Jahre als entschleunigte Tanzalternative innerhalb der Black Music-Szene. Das Publikum erfreute sich damals an den sanften, langsameren, eben 'charmanten' Rhythmen, berichtet DJ Michell. "Von den frühen 80ern bis heute spiele ich alles", sagt er. "Von James Brown und Michael Jackson bis zu aktuellen Stars wie Rihanna oder Drake. Es dreht sich um Black Music und dabei konzentriert um Rhythm 'n' Blues und Hiphop."

Eine kuriose Eigenheit des Charme: Das Publikum tanzt in Reih und Glied der Bühne zugewandt. Der DJ beschreibt den Tanzstil Charme als sinnlicher und meint, dass man ihn "viel synchronisierter und weniger individuell als in anderen Musikstilen" tanzen könne. An vorderster Front geben junge, halbprofessionelle Tänzer scheinbar spontane Bewegungsabläufe vor. Ein Stechschritt voraus, eine halbe Drehung auf dem Absatz und ein Hüftschwung erst nach rechts, dann nach links.  Zwischen 3.000 und 4.000 Leute kommen zum Synchrontanzen. "Ein großer Flashmob", findet DJ Michell.

Hippe Klamotten und Schwämme für die Haare

Ebenso fällt der Kleidungsstil der größtenteils afro-brasilianischen Besucher auf. Die erst 16-jährige Tamiris zum Beispiel hat hüftlange geflochtene Rastazöpfe und ein Nasenpiercing. Sie trägt ein buntes Shirt, eine an den Knien weit aufgerissene Latzhose, darunter eine Netzstrumpfhose. Dazu offene Stiefel und eine glänzende Armbanduhr. "Hier wird ein ausgefallener Stil geschätzt", sagt sie. Was auf der Straße skeptische Blicke ernten könnte, gehöre hier dazu.

Nahe des Ausgangs gibt es einen kleinen Verkaufsstand. Auf dem Tresen: Schwämme. "Zauberschwämme" mit denen man sich seine schwarzen Locken zu einem großen Afro frisieren kann. Krauses oder hartes Haar war lange Zeit eine Beschimpfung für Farbige. Hier nimmt man sich dieser mit allem Stolz an, erzählt der Verkäufer. "Ich bin dunkelhäutig, habe krauses Haar und das ist auch gut so", spricht er den Stolz zahlreicher Besucher aus.

Fernab der großen Öffentlichkeit ist die Charme-Party unter der Autobahnbrücke Teil einer äußerst lebendigen, urbanen Subkultur. Brasilianische Bands gibt es im Charme nur sehr wenige, grundlegend bleibt US-amerikanische Black Music. Dafür ist der Tanzstil umso etablierter und in der Stadt werden Kurse zu Charme-Choreographien angeboten. Die gesamte Szene ist für junge dunkelhäutige Menschen in Brasilien äußerst identitätsstiftend. Und scheinbar mit dabei: Ein haushaltsüblicher Schwamm als Werkzeug des schwarzen Selbstbewusstseins.


Die Party "Baile Charme do Viaduto" findet jeden Samstagabend im Stadtteil Madureira unter der Brücke "Prefeito Negrão de Lima" statt.

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