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Sonntag, 27.09.2020
 
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Konzert / Archiv | Beitrag vom 06.09.2020

Musikfest Berlin: Rundfunk Sinfonieorchester Berlin Von Bach bis Schnittke

Moderation: Stefan Lang

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Der Dirigent streckt während seiner Arbeit am Dirigentenpult seine Hand aus. . (Vladimir Jurowski / Mutesouvenir / Kai Bienert)
Vladimir Jurowski fühlt sich am Dirigentenpult als Mitspieler im Orchester. (Vladimir Jurowski / Mutesouvenir / Kai Bienert)

Das Eröffnungsprogramm des RSB der aktuellen Saison: eine klare ästhetische Ansage, ein Programm im 20. Jahrhundert mit zahlreichen Verflechtungen und Rückbezügen. Zweite Wiener Schule dominiert - Webern und Berg werden mit einem Concerto grosso von Schnittke kombiniert, als wäre das eine Selbstverständlichkeit.

Die langfristige Planung sah für die Berliner Saisoneröffnung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin Werke von Webern, Berg und Schnittke vor. Was für ein Auftakt!

Das Orchester steht in Konzertkleidung auf der Bühne des großen Sendesaales. (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Simon Pauly)Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auf der Bühne ihres Probenortes, dem Haus des Rundfunks in der Masurenallee Berlin. (Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Simon Pauly)

Mit Corona änderte sich alles, doch die Programmierung blieb bei diesen Komponisten, allerdings Werke für die geboten-angepasste Situation. Reduzierte Orchestergröße, Abstandsregeln und allgemeine Hygienevorschriften erwiesen sich als lockende Herausforderungen, die beim RSB-Team um den virtuosen Programmarchitekten Vladimir Jurowski vor allem eines bewirkten: Sie setzten eine ungeahnte Kreativität frei, die Sie im Konzert elektrisieren wird!

Verlässlichkeit zeigen

Denn einerseits war es für das Orchester Ehrensache, so achtsam und respektvoll wie möglich auf die in vielen Jahren gewachsenen Erwartungen seines Publikums zuzugehen – auch was Spielplantreue betrifft – , andererseits hatte es mit spielerischen Mitteln so flexibel und pragmatisch wie nötig auf die aktuelle Situation zu reagieren.

Schrauben im Programm gedreht

Weberns fünfminütige Fünf Orchesterstücke op. 10 werden ersetzt durch die Webernsche Bearbeitung des berühmten Ricercars aus dem "Musikalischen Opfer" von Bach für kleines Orchester. Hier zeigt sich - im barocken Umfeld -, wie unverwechselbar Webern komponierte. Seine Handschrift ist in die Bachsche Partitur eingeflossen, sein kristallin klarer und knapper Stil zeigt sich auch in dieser Bearbeitung: Plötzlich klingt auch Bach "wie Webern".

Die sechsstufige Architektur

Bachs Ricercar stammt aus dem "Musikalischen Opfer", BWV 1079, die aus der Begegnung des Komponisten mit dem Preußenkönig Friedrich II. in Potsdam resultierte. 1747 gab ihm der König das Thema vor und forderte von Bach, dieses in eine Fugenform zu gießen. Spontan konnte Bach reagieren. Bis zu drei Mal türmte er das Thema übereinander.

Der König forderte mehr: sechs Mal sollte sich das Thema nun hören lassen. Bach wich aus, indem er dem König versprach, diese musikalische "Architektur" in Ruhe ausführen zu wollen und ihm schließlich zuzusenden. So komponierte er in Leipzig das "Ricercar a 6 voci" und hielt damit sein Wort. Dieses Werk führte Anton Webern, der auch als fähiger Dirigent galt, nun in die Fassung für ein kleiner besetztes Orchester.

Auswegloses Drama

Bergs Bruchstücke aus "Wozzeck" bleiben im Programm in einer adäquaten Fassung: sie setzt auf eine kleinere Orchesterbesetzung.

Schwarz-weiß-Fotographie des Komponisten. (imago images / Leemage)1914 sah Alban Berg Büchners Drama auf der Bühne der Wiener Kammerspiele. (imago images / Leemage)

Der Schriftsteller Georg Büchner griff in seinem "Wozzeck" einen historischen Kriminalfall aus dem frühen 19. Jahrhundert auf, der erstmals in der Rechtsgeschichte die Frage nach pathologisch bedingter Schuldunfähigkeit aufwarf. In seiner Fassung ist es der mittellose Soldat Wozzeck, der in ein medizinisches Experiment eines Arztes gerät. Dieses bringt ihn um seine Wahrnehmungsfähigkeit und damit zur Mordtat an seiner Freundin Marie, die ihr gemeinsames Kind aufzieht.

Saisonschwerpunkt für Schnittke

Und auch der Name Alfred Schnittke steht auf dem Programm. Denn diesem Komponisten ist in der nächsten Zeit ein besonderer Schwerpunkt gewidmet. Vladimir Jurowski hat ein besonderes Interesse an dem wolgadeutsch-jüdischen Komponisten, der eine Zeit lang in Wien lebte, um dann wieder in Russland zu wirken. In Zeiten der funktionierenden Sowjetunion lebte und arbeitete er am klassischen Wertbestand, um dann doch wieder den Weg Richtung Westen zu finden: er ging nach Hamburg. 


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Aufzeichnung des Konzertes vom 5. September 2020 in der Philharmonie Berlin

Johann Sebastian Bach
Fuga (2. Ricercata) à 6 aus "Ein musikalisches Opfer" BWV 1079
für Orchester bearbeitet von Anton Webern

Anton Webern
Variationen für Orchester op. 30

Alban Berg 
Drei Bruchstücke aus "Wozzeck" für Sopran, Kinderchor und Orchester op. 7, reduzierte Orchesterbesetzung in Anlehnung an die Fassung von Eberhard Kloke
Text von Georg Büchner

Alfred Schnittke
Concerto grosso Nr. 1 für zwei Violinen, Cembalo, präpariertes Klavier und Streichorchester

Erez Ofer, Violine
Nadine Contini, Violine
Anne Schwanewilms, Sopran
Helen Collyer, Klavier und Cembalo

Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden Berlin
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vladimir Jurowski

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