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Konzert / Archiv | Beitrag vom 03.09.2019

Musikfest Berlin 2019Eine Fantasiereise auf dem langen Weg nach Osten

Moderation: Ruth Jarre

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Das Königliche Concertgebouw-Orchester Amsterdam (Musikfest Berlin / Simon van Boxtel)
Ganzer Einsatz auch für Vierteltöne: das Königliche Concertgebouw-Orchester Amsterdam. (Musikfest Berlin / Simon van Boxtel)

Das Concertgebouw-Orchester gehört zu den besten Klangkörpern der Welt. Und es ist ein Stammgast beim Musikfest Berlin. In diesem Jahr dirigiert Tugan Sokhiev die Amsterdamer mit Werken von Andriessen und Tschaikowsky.

Als sich 2013 die Gründung des Concertgebouw-Orchesters zum 125. Mal jährte, suchten die Musiker aus Amsterdam nach einem besonderen Beitrag für ihr Jubiläumskonzert. Ergebnis war ein Auftrag an Louis Andriessen, den wohl bedeutendsten Komponisten des Landes. Zugleich war das ein hochsymbolischer Akt, denn der 1939 geborene Sprössling einer niederländischen Musikerdynastie galt lange Zeit als "Enfant Terrible", das gerade dem Concertgebouw-Orchester gegenüber ablehnend eingestellt war. In die lokale Musikgeschichte ging die "Notenkraker"-Aktion des Jahres 1969 ein, in der Andriessen und einige andere studentenbewegte Mitstreiter während eines Konzerts des Edel-Klangkörpers lautstark auf sich und die Neue Musik aufmerksam machten und eine Reform des Orchesters forderten.

Mittelalter und Moderne

Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass die Amsterdamer Musiker mit Andriessens "Mysteriën" sogar auf Tournee gehen – obwohl das Stück anspruchsvoll besetzt und dank eines vierteltönigen Abschnitts auch alles andere als alltäglich in seinen musikalischen Herausforderungen ist. Doch entfesselt Andriessens Musik, in der sich ein Choral und eine Toccata vielfach durchdringen, einen unwiderstehlichen Sog – diese sinfonische Studie mit Satzüberschriften nach dem mittelalterlichen Buch "De imitatione Christi" des Thomas van Kempen ist ein sehr persönliches und zugleich unmittelbar wirkendes Bekenntniswerk.

Fantasiereise nach Russland

Auf dem Weg zum Bekenntnismusiker befand sich auch Peter Tschaikowsky, als er 1866 seine Erste Sinfonie komponierte – schwankend noch zwischen der reinen Sinfonieform in der Beethoven-Nachfolge und der literarisch geprägten Gattung der Tondichtung. In den folgenden Jahrzehnten sollte Tschaikowsky mal diesen, mal jenen Weg beschreiten und so nachweisen, dass das eine das andere nicht ausschließen muss.

Der Dirigent Tugan Sokhiev (Musikfest Berlin / Patrice Nin)Zwischen Amsterdam und Moskau: Der Dirigent Tugan Sokhiev, Gast beim Concertgebouw-Orchester und Chef im Bolschoi-Theater (Musikfest Berlin / Patrice Nin)

Während die letzten Sätze von Tschaikowskys sinfonischem Erstling keine Überschriften tragen, heißen der erste Satz "Träumereien einer Winterreise" und der zweite "Ödes Land, nebliges Land". Für das Concertgebouw-Orchester und seinen russischen Gastdirigenten Tugan Sokhiev ist es die Gelegenheit, den jahrzehntelang gepflegten Klang für russische Romantik aufblühen zu lassen und das Publikum des Musikfestes Berlin auf eine Fantasiereise mitzunehmen – auf den langen Weg nach Osten.

Musikfest Berlin
Philharmonie Berlin, Aufzeichnung vom 02.09.2019

Louis Andriessen
"Mysteriën" für Orchester

Peter Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 1 g-Moll op. 13 "Winterträume"

Koninklijk Concertgebouworkest
Leitung: Tugan Sokhiev

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