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Konzert / Archiv | Beitrag vom 20.09.2018

Musikfest Berlin 2018Sinfonische Gebete

Moderation: Ulrike Klobes

"Inori" von Karlheinz Stockhausen beim Musikfest Berlin 2018 (Adam Janisch / Musikfest Berlin)
Karlheinz Stockhausens "Inori" in der Berliner Philharmonie: Der Dirigent Peter Eötvös stehend, die Tanzmimen Diego Vásquez (links) und Winnie Huang kniend. (Adam Janisch / Musikfest Berlin)

Gebet, Anrufung, Anbetung: "Inori" von Karlheinz Stockhausen ist ein konzertantes Ritual, in dem sich meditative Musik und Gesten der Demut verbinden. Ein feierlicher Abschluss des diesjährigen Musikfestes Berlin.

Rituale, Zeremonien, Aktionen und Sinfonien – darum geht es beim Musikfest Berlin 2018, dem internationalen Orchesterfestival der Berliner Festspiele. Vom Konzert im Allgemeinen bis hin zu vielen Werken, die derlei Bezeichnungen im Titel führen: Das Rituelle, Sakral-Zeremonielle ist omnipräsent überall, wo Töne erklingen. Ohne das vielbeschworene "Konzertritual" würde keine Sinfonie aufgeführt werden können, aber auch jedes Popkonzert ist eine Zeremonie, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht.

Das Konzert als Ritual

An Sinfonien herrscht im Musikleben, sofern es um klassische Musik geht, kein Mangel, und auch beim diesjährigen Musikfest Berlin kamen sie nicht zu kurz. Doch auch die anderen Schlagworte wurden durch passende Programminhalte beglaubigt, etwa Igor Strawinskys atavistischen "Sacre du printemps" oder Bernd Alois Zimmermanns verzweifelt-suchender "Ekklesiastischer Aktion". Besonders beziehungsreich gestalteten sich das Eröffnungs- und das Schlussstück des Festivals: Mit "Rituel" von Pierre Boulez startete das Orchesterprogramm des Musikfestes am 1. September, mit "Inori" von Karlheinz Stockhausen (1928-2007) endete es am 18. September. Was diese Werke – Zimmermanns "Ekklesiastische Aktion" ebenso – miteinander verbindet, ist ihr Entstehen in den frühen 1970er Jahren und ihr Versuch, das bürgerliche Konzertritual durch spirituelle Erfahrung in ein tatsächliches Ritual zu verwandeln.

Musikalische Zeichensprache

Stockhausens "Inori" ist das radikalste dieser Werke. Schon von der Veranstaltungslogistik her bricht es aus den Konventionen sinfonischer Aufführungen aus und duldet kein anderes Stück neben sich. Der japanische Titel des rund 70-minütigen, einsätzigen Werkes bedeutet "Gebet, Anrufung, Anbetung". Zu den Klängen des großen, vielfach gestaffelten Orchesters bewegen sich auf einem Gerüst über der Bühne zwei Tänzermimen. In einer ausgefeilten Choreographie stellen sie synchron zur Musik diverse Gebetsgesten dar, die aus unterschiedlichen religiösen Welten entlehnt wurden. Stockhausen macht sich mit diesem Werk, das seinem Musiktheaterzyklus "Licht" voranging, auf die Suche nach dem, was alle Religionen miteinander verbindet.

Fazit einer Freundschaft

Diese Aufführung, die das Musikfest Berlin von der Akademie des Lucerne Festival übernimmt, lebt von dem Engagement der allesamt jungen Mitwirkenden, die von einem wahren Altmeister angeleitet werden: Der Dirigent Peter Eötvös, Jahrgang 1944, selbst ein renommierter Komponist, hat als junger Mann jahrelang mit Stockhausen zusammengearbeitet – als Kopist, Tonmeister, Musiker des Stockhausen-Ensembles, Freund. Die Entstehung und langwierige Einstudierung von "Inori" hat er von Anfang an miterlebt und mitgestaltet, nun zieht er Bilanz.

Musikfest Berlin
Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 18.09.2018

Karlheinz Stockhausen
"INORI", Anbetungen für zwei Tänzermimen und großes Orchester

Paul Jeukendrup, Klangregie
Orchester der Lucerne Festival Academy
Leitung: Peter Eötvös

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