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Im Gespräch | Beitrag vom 12.01.2021

Musiker und Städtebautheoretiker Christopher DellImprovisieren auf dem Vibrafon und in der Wissenschaft

Moderation: Katrin Heise

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Porträt von Musiker (Jazz-Vibrafonist) und Städtebautheoretiker Christopher Dell. (Johanna Lippmann)
Mit dem Vibrafon auf der Straße in Kalkutta, heute Kolkata, habe er mehr über die Stadt erfahren als es bei klassischen Recherchen der Fall gewesen wäre, sagt Christopher Dell. (Johanna Lippmann)

Christopher Dell arbeitet viel aus dem Stegreif - als Musiker, der zu den führenden Vibrafonisten zählt. Und als Vordenker der Stadtentwicklung, der an Universitäten lehrt. Improvisieren ist für ihn eine Kulturtechnik, nicht nur in Coronazeiten.

Christopher Dell erforscht Räume - Stadträume und die Räume, die die Musik schafft. Zur Hilfe nimmt er in jedem Fall das Vibrafon.

Ein Vibrafon? Wenn jemand das Instrument erklären kann, dann Christopher Dell. Er hat es studiert und gilt laut dem Jazzlexikon als "als der führende Vibrafonist Europas".

Anders als das Xylophon, für das man "Nerven haben wie Drahtseile haben muss", so Dell, und das in den meisten Kinderzimmern zu finden ist, hat ein Vibrafon ein Pedal. Damit "kann ich die Länge der Töne kontrollieren, wie beim Klavier." Zusätzlich habe man "diese perkussive Power, ähnlich wie beim Schlagzeug. Es ist eine Kombination von Schlagzeug und Klavier."

Schon als Kind war Christopher Dell vom Vibrafon fasziniert. Er hörte das Instrument auf einer Jazzplatte seines Vaters. "Im Orchester ist es eine Randerscheinung. Im Jazz wurde es zu einem gleichwertigen solistischen Instrument. Und zwar in dem Moment, als Lionel Hampton das in der Benny Goodman Band einsetzte", erzählt der Musiker.

Mischung aus Improvisation, neuer Musik und Jazz

Dell studierte in den Niederlanden und den USA Musik, wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem "Golden Jazz Award". Seit mehr als 20 Jahren leitet er das "Institut für Improvisationstechnologie" in Berlin.

Christopher Dells Musik ist nicht massentauglich, solle sie auch nicht sein, betont er. Seine "nichtlineare" Musik verachte das "Eingängige". Eine Mischung aus Improvisation, neuer Musik und Jazz: Vielleicht lassen sich seine Kompositionen so beschreiben.

Gerade die Improvisation spielt in der Musik des 55-Jährigen eine entscheidende Rolle. "Also landläufig wird ja in unserem Verständnis Improvisation als etwas verstanden, was immer geschieht, wenn etwas schiefgegangen ist, wenn man keine Ahnung hat. Die Improvisation, mit der ich mich befasse, die hat damit überhaupt nichts zu tun. Die Improvisation, die ich mache, bedeutet beispielsweise die Auseinandersetzung mit einem Jazz-Standard." Daher müsse auf einem Konzert nicht immer alles feststehen, "sondern man kann das als Installation wahrnehmen. Und die Menschen können kommen und gehen, wie sie wollen".

"Indien hat mich musikalisch geprägt"

Wenn Leute sein Konzert vorzeitig verlassen, habe er damit kein Problem, sagt der Musiker. "Ich finde es ganz wichtig, dass die Menschen gehen können wann sie wollen. Wenn man bei dieser Idee stehen bleibt, dass es um die Schönheit von Musik ginge und man wüsste schon, was schön sei, das möchte ich den Menschen überlassen. Darum geht es ja in der Kunst: zu sagen, warum finde ich etwas schön. Und was bedeutet mir Schönheit?"

Christopher Dell verbrachte einige Jahre seiner Kindheit in Indien, der Vater lehrte Theologie an einem College. Sein besonderes Verständnis für Musik habe viel mit dem Land seiner Kindheit zu tun, erklärt Dell.

"Ich bin eigentlich permanent mit Musik konfrontiert worden. Denn in der Schule sind immer mal wieder Musiker reingekommen und haben einfach so gespielt, den Unterricht konstruktiv gestört. Ich denke, die indische Art und Weise zu spielen, dieses horizontale, dieses Unendliche, das hat mich sehr geprägt in meiner Art und Weise, Musik zu verstehen."

Ein Wohlfahrtsstaat nach Corona

Christopher Dell ist nicht nur Musiker und Komponist, sondern auch Städtebautheoretiker. Er lehrte er unter anderem an der Universität der Künste Berlin.

Ein ganz besonderes Projekt führte ihn 2007 zurück nach Indien, hier brachte er Musik und Städtebau zusammen. In Kalkutta, oder heute Kolkata, war er auf Einladung des Goethe-Instituts und stellte sich mit seinem Vibrafon auf die Straße.

Dabei habe er viel über die Stadt gelernt. Nicht nur über ihren Klang, sondern auch über das Leben der kleinen Handwerker und Dienstleister, die mit ihm in Kontakt kamen. Er habe, so Dell, Informationen über die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Stadt bekommen, die er bei klassischen soziologischen und stadtplanerischen Recherchen nie gewonnen hätte.

An das Improvisieren in Kolkata denkt Christopher Dell besonders in diesen Coronazeiten. Der Kapitalismus habe hierzulande eine Gesellschaft erzeugt, "die für Improvisation gar nicht offen sein kann". Seine Hoffnung sei deshalb, "dass aus diesem ganzen Corona etwas Neues entsteht. Nämlich ein Wohlfahrtsstaat, der nicht paternalistisch ist, sondern einen Rahmen bildet, sodass alle zusammenleben können, als Gleiche in ihrer Verschiedenheit".

(Kahe/ful)

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